Unternehmertafel

Der Mittelstand sucht Hilfe

Die 48. Unternehmertafel von Investitionsbank und Berliner Morgenpost erörtert Bedeutung des Mittelstandes für die Zukunft Berlins.

Berlin.  Die mittelständische Wirtschaft tut sich schwer bei der Suche nach digitalen Lösungen. Viele der Unternehmen, die als das Rückgrat auch der Berliner Wirtschaft gelten, haben zudem Probleme, geeignete Arbeitskräfte zu finden. Diese beiden Themen beherrschten die Diskussion der 48. Unternehmertafel, zu der die Berliner Morgenpost und die Investitionsbank Berlin (IBB) eingeladen hatten. Die Gesprächsrunde in der Bibliothek des Hotels „Waldorf Astoria“ wurde von Jochim Stoltenberg und Jens Holtkamp (IBB) moderiert.

Ein Paradebeispiel für den Berliner Mittelstand ist die Salzenbrodt GmbH mit ihrer seit mehr als 100 Jahren bekannten Leder- und Textilpflegemarke Collonil. Das Unternehmen aus Wittenau tätigt 30 Prozent des Umsatzes in Deutschland, 60 Prozent seines Exports geht in außereuropäische Länder. „In unserem Unternehmen herrscht eine unheimliche Lust zu digitalisieren. Was fehlt, ist ein Mittler“, sagt Geschäftsführer Frank Becker. Dabei gibt es bereits Erfolg versprechende Angebote der Firma aus dem Norden Berlins: einen Onlineshop, Video-Tutorials auf Youtube, eine Seite im sozialen Netzwerk Facebook, die mehr als 14.000 Onlinebesuchern gefällt. Doch Frank Becker weiß, dass das nicht reicht. Sogar beim Internetkonzern Google in Hamburg ist er schon gewesen und hat sich bei dessen Einzelhandelsspezialisten im „Retail Lab“ beraten lassen.

Zugang zu Innovation transparenter gestalten

Becker fürchtet die „Entlaubung des Einzelhandels“, seine derzeit wichtigste Umsatzquelle. Von 12.000 auf 3000 sei die Zahl der Berliner Schuhgeschäfte gesunken. Becker weiß, dass inzwischen jeder zweite Kunde im Netz einkauft und dass Onlineshops für jüngere Kunden die Haupteinkaufsquelle sind. Der Einzelhandel habe nur dann eine Chance, wenn er seine Trumpfkarte ausspielt: die Beratung. Collonil hat dazu eine Akademie gegründet, in der schon 180.000 Verkäufer geschult wurden. „Gibt es Innovation für den Handel?“, ist die zentrale Frage, die sich Becker stellt. „Wir haben noch nicht erkannt, was hier machbar ist“, räumt er ein.

Jürgen Allerkamp, Vorstandsvorsitzender der Investitionsbank Berlin, appellierte daran, den Zugang zu Innovationen transparenter zu gestalten und insbesondere für Unternehmen des Mittelstandes zu erschließen.

Auf der Suche nach dem Königsweg der Digitalisierung ist auch Heiko Dittmer, dessen Unternehmen Kraftwerk- und Spezialteile GmbH (KST) Ersatzteile für Kraftwerksturbinen herstellt. Er ist sicher: Industrie 4.0 bietet Superchancen, doch an den Siegeszug der Roboter und 3-D-Drucker glaubt er nicht. Der mittelständische deutsche Maschinenbau sei innovativ, brauche aber nicht jeden Tag ein neues Paradigma. „Unser Problem ist die Prozessdigitalisierung im Sinne einer reibungsloseren Produktion“, sagt er. Dittmer will sich nicht auf Ergebnisse aus einem 3-D-Drucker verlassen.

Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB), identifiziert mehrere Problemfelder des Mittelstandes: den Fachkräftemangel, den Zugang zu Innovation sowie Bürokratie und Standortkosten. Die gute Konjunktur, niedrige Zinsen und Rohstoffpreise sowie eine stabile Währung verdecken nach seinen Worten die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft.

Damit zählt die Kraftwerk- und Spezialteile GmbH zu Amsincks Sorgenkindern. „Ich investiere nicht, weil sich unsere Kundschaft unklar verhält“, sagt KST-Gesellschafter Heiko Dittmer. Gegen Konkurrenz aus Niedriglohnländern in Fernost hält er die Qualität und Geschwindigkeit seines mittelständischen Unternehmens. Am Standort Berlin hat der Unternehmer wenig auszusetzen: „Unsere Gründung hat wunderbar geklappt. Berlin ist ein guter Standort“, sagt Dittmer.

Vorteile des Standorts Berlin sieht auch Stefan Jonas, Geschäftsführer des Maschinenbauers Jonas & Redmann. Die Kernkompetenz seines Unternehmens liegt in der Automatisierung von Maschinen und Produktionsprozessen, die bei der industriellen Produktion von Solarzellen, Lithium-Ionen-Batterien oder in der Medizintechnik eingesetzt werden. „Arbeitskräfte sind in Berlin 25 Prozent preiswerter als in Süddeutschland.“ Das Problem des Unternehmers: „Wir brauchen gestandene Leute. Erfahrene Mitarbeiter zu finden ist schwieriger als sonst wo.“ Dabei sind in diesem Jahr 45.000 Menschen nach Berlin gezogen, davon 85 Prozent der Karriere wegen, wie Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) sagt.

Das Personalproblem kennt auch Ralf Friedrich, Geschäftsführer von KTF Telefonanlagen. Das 1976 gegründete Unternehmen installiert Datennetze und Telekommunikationsanlagen. Friedrich sieht eine Schieflage beim Personalangebot: „Es ist in Berlin schwieriger, gute Handwerker zu kriegen als Programmierer.“ Es sei aber auch nicht leicht, gute Programmierer zu finden, ergänzt Stephan Heck, Geschäftsführer von Sprylabs Technologies, einem Entwickler von Smartphone-Apps für Medienunternehmen.

Angesichts der aktuellen Rekrutierungsprobleme hofft der Mittelstand auf Fachkräfte aus dem Ausland. Stefan Franzke, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Berlin Partner, sichert den Unternehmern zu, binnen fünf Werktagen arbeitsrechtliche Genehmigungen für außereuropäische Fachkräfte zu beschaffen. Senatorin Yzer regte an, bei der Erstregistrierung von geflüchteten Menschen Qualifikationsnachweise zu dokumentieren, damit Geflüchtete der Wirtschaft schneller zur Verfügung stünden. „Wir finden sie nicht“, bemängelt Tamo Zwinge, Geschäftsführer der Crowdinvestment-Plattform Companisto. Bei der Firma handelt es sich um einen Marktplatz im Internet, auf dem sich Geldanleger und vor allem Internetunternehmen treffen, die Kapital benötigen. Zwinge schränkt aber ein, auf formale Qualifikationen komme es in der Internetwirtschaft nicht an. In dieser Frage stimmte ihm sein Start-up-Kollege Stephan Heck zu.

Auch sei die Idee des Unternehmertums im Westen Deutschlands tiefer verankert, bemängelt Stefan Jonas. „Die Leute verstehen dort mehr, was Industrie bedeutet.“ Hier sieht auch Tamo Zwinge Nachholbedarf. Er forderte, das Thema Unternehmertum in die Schulen zu bringen und damit in der Gesellschaft zu verankern.

„Der Mittelstand schafft Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft“, sagt Senatorin Yzer. Aber auch sie weiß, dass mitunter bürokratische Hürden dem Wirtschaftswachstum im Wege stehen. Die Verkehrslenkung sei so ein Fall, sagt Yzer. Baufirmen hätten zwar volle Auftragsbücher, könnten aber nicht loslegen, weil die Gewährung von Sondernutzungsrechten für Straßenland zu lange dauere. Auch im Straßenbau komme es zum Investitionsstau. „Geld ist da, aber die Behörden kommen mit den Planungsrechten nicht nach.“

Immerhin können vom Jahr 2016 an alle Vorgänge, die in einem Zusammenhang mit der Gewerbeordnung stehen, digital erledigt werden, sicherte die Senatorin zu. Das seien 30.000 Fälle pro Jahr. Es gebe zentrale Anlaufstellen für Start-ups und den Mittelstand. Auch Wirtschafts- und Technologieförderung aus einer Hand biete Berlin und das Gros aller Anträge auf Wirtschaftsförderung werde über die IBB abgewickelt. Dass es bei der Digitalisierung der Verwaltung allerdings noch Nachholbedarf gibt, weiß Ralf Friedrich (KTF). „60 Prozent aller Angebote werden in Papierform verschickt“, beklagt er.

Wichtig sei es, die in Berlin gewachsene Digitalwirtschaft und den etablierten Mittelstand zu vernetzen, findet Internetunternehmer Heck. „85 Prozent der Firmen suchen digitale Lösungen, wissen aber nicht, wie sie die finden können“, zitiert Senatorin Yzer aus einer Studie. An dieser Stelle soll ab 2016 das Leistungszentrum digitale Vernetzung weiterhelfen, das in Zusammenarbeit mit den Fraunhofer-Instituten entstanden ist. Zwischen der alten und der neuen Wirtschaft gebe es Verständigungsprobleme, aber auch Potenziale, sagt Stefan Franzke (Berlin Partner). Aus diesem Grund will die Wirtschaftssenatorin Brücken zwischen Mittelstand, Industrie und Start-ups bauen.