Azubis in Berlin

Die duale Berufsausbildung ist unter Druck

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Jürgen Stüber

Die Situation der Berufsausbildung ist paradox: Berliner Betriebe klagen über zu wenig Nachwuchs, Jugendliche finden keine Lehrstelle.

Berlin.  Die duale Berufsbildung (Berufsschule und Betrieb) verliert in Berlin stärker als in anderen Bundesländern an Bedeutung. Allerdings ist für Jugendliche die Chance auf eine betriebliche Lehrstelle rechnerisch gestiegen. Denn die Zahl der Bewerber sinkt schneller als die der Ausbildungsplätze. Zu diesem Ergebnis kommt der Ländermonitor berufliche Bildung, den die Bertelsmann Stiftung am Montag vorstellte. Danach ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze in Berlin seit dem Jahr 2007 um 20 Prozent von 22.000 auf 17.500 (im Jahr 2013) gesunken. Die Zahl der Bewerber fiel im gleichen Zeitraum um knapp ein Drittel von 28.000 auf 19.000. Damit liegt Berlin über dem Bundesdurchschnitt: Dort sank die Zahl der Bewerber um 19 Prozent, die der Lehrstellen um 12,5 Prozent.

Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt wird in der Studie als ein Effekt der sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Berlin gesehen. Die Hauptstadt sei der Stadtstaat mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt (31.500 Euro in 2013), wenngleich sich hier eine unübertroffene Steigerungsrate von 25 Prozent im vergangenen Jahrzehnt zeigt. Das deute auf eine stärkere Dynamik der Wirtschaftsentwicklung hin, wobei diese ihren Schwerpunkt in der Dienstleistungsökonomie habe. Produktionsberufe üben gerade einmal 17 Prozent der Beschäftigten aus. Hier kommt Berlin auf den niedrigsten Anteil aller Bundesländer (Durchschnitt: 27 Prozent). Bei den Dienstleistungsbeschäftigten nimmt Berlin dagegen einen Spitzenplatz ein.

Auch das Qualifikationsniveau ist gestiegen: Zwischen 2003 uns 2013 nahm die Zahl der Beschäftigten mit Hochschulabschluss um ein Viertel zu. Markant ist ebenfalls der mit 49 Prozent höchste Anteil von Beschäftigten ohne Berufsabschluss. Dieser Kontrast stelle ein schwieriges Terrain für die Berufsbildungspolitik dar, so die Studie.

Während bei der dualen Berufsausbildung in Berlin seit 2005 Rückgänge von 19.133 auf 17.127 verzeichnet wurden, stiegen die Zahlen für das Schulberufsystem (Fachschulen mit Abschlüssen) von 9511 auf 12.077 deutlich an. Die Nutzerzahlen des Übergangssystems (Fachschulen ohne Abschlüsse) haben sich im Berichtszeitraum auf 6435 halbiert.

Zur vorzeitigen Lösung von Ausbildungsverträgen kommt es in Berlin mit 35 Prozent deutlich häufiger als in jedem anderen Bundesland, was an unzureichenden Informationen über die Lehrinhalte liegen dürfte. Im Handwerk (47 Prozent) und in der Hauswirtschaft (48 Prozent) werden besonders viele Verträge vor ihrem Abschluss gekündigt.

Die Chancen der Hauptschüler, eine Ausbildungsstelle zu finden, sind leicht gestiegen. Im Jahr 2013 traten 58 Prozent direkt nach der Schule eine betriebliche Lehre oder eine vollzeitschulische Ausbildung an (2005: 51 Prozent).

Jugendliche ohne deutschen Pass haben in Berlin schlechtere Chancen eine Ausbildung aufzunehmen als ihre deutschen Altersgenossen. Während 84 Prozent der deutschen Bewerber direkt eine Ausbildung beginnen, sind es bei ausländischen Bewerbern lediglich 69 Prozent. Die geringste Erfolgsquote bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz haben Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss ohne deutschen Pass. Nur 49 Prozent von ihnen nehmen in Berlin direkt eine Ausbildung auf.

Die Unternehmensverbände Berlin Brandenburg kritisieren den Monitor: Die Lage auf dem regionalen Ausbildungsmarkt sei besser als beschrieben. „Zuletzt ist die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze in Berlin wie in Brandenburg spürbar gestiegen“, erklärt Geschäftsführer Alexander Schirp. Grundsätzlich zeige die Studie aber einmal mehr, wie wichtig es sei, die duale Berufsausbildung zu stärken. Ähnlich sieht das die Industrie- und Handelskammer: „Die duale Ausbildung und die Karriere mit Lehre muss in der Gesellschaft, bei Eltern und Jugendlichen wieder hoffähig werden. Die Wirtschaft benötigt beruflich qualifizierte Arbeitskräfte“, sagt Geschäftsführer Thilo Pahl. Mitschuld an unbesetzten Lehrstellen trügen auch die Schulen, ergänzt Schirp. „Es geht jetzt darum, die jungen Menschen besser auf das Berufsleben vorzubereiten.“