Während VW hektisch Topmanager entlässt und einen neuen Konzernlenker kürt, bekommt der Skandal um den Betrug mit Abgaswerten eine größere Dimension: Volkswagen gab gegenüber dem Bundesverkehrsministerium zu, auch in Europa bei Tests die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben. „Es wurde uns mitgeteilt, dass auch in Europa Fahrzeuge mit 1,6- und 2,0-Liter-Dieselmotoren betroffen sind von den Manipulationen“, sagte Minister Alexander Dobrindt. Eine erstaunliche Wendung, denn noch am Mittwoch hatte VW der Untersuchungskommission versichert, das Bauteil für die Manipulationen sei in Europa „inaktiv“.

Ein VW-Sprecher bestätigte, dass auch Deutschland betroffen sei. Die genaue Zahl der betroffenen Pkw sei aber noch unbekannt. „Wir werden weiterhin intensiv daran arbeiten, gemeinsam mit Volkswagen herauszufinden, um welche Fahrzeuge es sich handelt“, sagte Dobrindt.

Die EU-Kommission forderte im VW-Skandal eine vollständige Aufklärung von den nationalen Behörden. „Unsere Botschaft ist klar: null Toleranz bei Betrug und absolute Einhaltung der EU-Regeln“, sagte die zuständige EU-Binnenmarktkommissarin Elzbieta Bienkowska. Die Behörden müssten genau herausfinden, wie viele Fahrzeuge in der EU mit manipulativer Software ausgestattet worden seien, verlangte die Kommission. „Das wird sicher ein harter und langer Weg für Volkswagen“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil der „Braunschweiger Zeitung“. „Vertrauen zurückgewinnen kann VW durch rasche und vollständige Aufklärung.“

Kahlschlag im Management soll Glaubwürdigkeit reparieren

Um dem täglich weiter ausufernden Skandal Herr zu werden, plant VW offenbar einen in der Unternehmensgeschichte einmaligen Kahlschlag im Topmanagement: Insiderberichten zufolge sollen die beiden Entwicklungschefs der Marken Audi und Porsche, Ulrich Hackenberg und Wolfgang Hatz ihren Hut nehmen. Zudem soll US-Chef Michael Horn seinen Posten räumen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass der geschasste VW-Chef Winterkorn Anspruch auf zwei Abfindungszahlungen habe. Einem Bericht von Bloomberg zufolge belaufen sich allein Winterkorns Pensionsansprüche bis Ende 2014 auf 28,6 Millionen Euro. Unklar sei, ob die Auszahlung an Bedingungen geknüpft ist.

Künftig soll im Konzernvorstand ein eigenes Ressort für das Amerika-Geschäft zuständig sein. Kandidat für diesen Posten ist Skoda-Chef Winfried Vahland. Doch Vahlands Sparte ist auch von den Problemen mit manipulierten Abgaswerten betroffen: Ein Skoda-Sprecher bestätigte, dass Modelle der Reihen Fabia, Roomster, Octavia und Superb aus den Jahren 2009 bis 2013 teilweise mit den betroffenen Dieselmotoren ausgerüstet worden seien. Das Verkehrsministerium in Prag hat eine Untersuchung eingeleitet. Auch Seat bestätigte, dass in dem Werk der spanischen VW-Tochter Fahrzeuge mit der manipulierten Diesel-Technologie montiert worden seien. Das Problem: Innerhalb des Konzerns teilen sich die Unternehmen etliche Bauteile, darunter Motoren und Getriebe. Die Länder Russland, Spanien und Großbritannien kündigten ebenfalls Ermittlungen an.

Längst leidet die gesamte deutsche Autoindustrie unter dem Skandal. Man werde zu Unrecht verdächtigt, klagen die Hersteller. Ganz und gar nicht, heißt es dagegen von Umweltexperten: Die Manipulation sei „genauso ein Problem von BMW, Mercedes oder Volvo“, sagt der renommierte Umweltexperte Axel Friedrich der Berliner Morgenpost. „Den anderen Herstellern steht jetzt der Angstschweiß auf der Stirn“, sagte Friedrich, der lange das Verkehrsressort des Umweltbundesamtes leitete. „Bei BMW und Mercedes müsste man auch eine Untersuchung machen – VW hat nur das Pech gehabt, dass die Manipulation in den USA aufgefallen ist“, so Friedrich, der den Skandal mit einer Studie ins Rollen brachte. Dieser Studie zufolge war der Stick­oxidausstoß bei vielen deutschen Modellen um den Faktor sieben bis 20 erhöht. Den Herstellern die Prüfung teilweise selbst zu überlassen, greife viel zu kurz, kritisiert Friedrich. „Das Kraftfahrtbundesamt müsste die Hersteller zwingen, den Code der Software in den Steuerungsgeräten der Autos offenzulegen“, fordert der Experte.

Auch BMW blieb nicht verschont. Wegen eines Berichts über angeblich erhöhte Abgaswerte bei Dieselfahrzeugen von BMW brach die BMW-Aktie zeitweise um mehr als neun Prozent ein. BMW erklärte dazu, bei seinen Fahrzeugen blieben alle Abgassysteme immer aktiv. „Bei der BMW Group wird nicht manipuliert und wir halten uns selbstverständlich in jedem Land an die gesetzlichen Vorgaben.“

Umgehend konterte die Deutsche Umwelthilfe: Man habe detaillierte Hinweise auf illegale Abgasmanipulationen auch bei den Herstellern Opel, BMW, Daimler und Audi. Die Deutsche Umwelthilfe berief sich dabei auf Messprotokolle sowie Ergebnisse eigener Abgasmessungen. Diese hätten „unglaubliche Abweichungen“ der Emissionen von den Grenzwerten ergeben. Der Verband hat die großen deutschen Autohersteller aufgefordert, bis Freitagnachmittag sieben detaillierte Fragen zu Art und Umfang der Abgasmanipulationen zu beantworten. Sollte diese Frist ergebnislos verstreichen, werde die Umwelthilfe in den nächsten Tagen neben Audi und VW weitere Hersteller bloßstellen. Genannt wurde etwa BMW, wo bei einem Modell bereits 2011 eine 30-fache Überschreitung von Grenzwerten gemessen worden sei und „klare Indizien für eine illegale Abschalteinrichtung des Katalysators“ vorlägen, so die Umwelthilfe.

„Unabhängige Überprüfungen der Stickoxid- und CO2-Werte aller Pkw im Realbetrieb auf der Straße sind unumgänglich“, sagte der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger: „Die Strategie der Bundesregierung, die Automobilindustrie durch lasche Abgasgrenzwerte und ohne praxisnahe Kon­trollen des Schadstoffausstoßes zu begünstigen, ist gescheitert.“

Seit Bekanntwerden des Skandals sind in den USA mindestens zwei Dutzend Klagen in sieben Bundesstaaten eingereicht worden. Die Anwälte argumentieren damit, dass VW die Kunden getäuscht habe, die mehr gezahlt hätten, um vermeintlich umweltfreundliche Autos zu fahren. Ein Anwalt will die Klagen bei einem US-Bundesgericht in Kalifornien zusammenfassen. Das Gericht von Bezirksrichter Fernando Ol­guin hat Erfahrung mit Klagen gegen Autobauer: Toyota erklärte sich 2012 in einem Vergleich zur Zahlung von 1,1 Milliarden Dollar bereit, um eine Sammelklage wegen Problemen mit Fußmatten und klemmenden Gaspedalen beizulegen. Hyundai und Kia zahlten 255 Millionen Dollar, weil sie einen zu niedrigen Benzinverbrauch angegeben hatten.

VW startete Rückrufaktion im April – doch das Problem blieb

Unterdessen wurde bekannt, dass VW bereits im April in den USA versucht hat, die Abgasmanipulationen durch einen verdeckten Rückruf von Dieselautos zu beheben. Ein Sprecher der kalifornischen Umweltbehörde sagte, das Schreiben sei Teil einer landesweiten Rückrufaktion von VW gewesen. In dem Brief forderte der Konzern Halter von VW- und Audi-Fahrzeugen auf, ihre Autos in die Werkstätten zu bringen, um eine neue Software aufzuspielen. Diese VW-Software solle „die Abgasemissionen optimieren und die Effizienz des Motors steigern“, hieß es verklausuliert in dem Schreiben, dessen Bedeutung die US-Kunden erst jetzt begriffen haben.