Bochum

Geheime Treffen am Hamburger Flughafen

In Bochum beginnt der Prozess um das Schienenkartell

Bochum.  Die sieben Angeklagten sind sich nicht einig, wie sie den Prozess angehen sollen. Einer schweigt, ein anderer will reden und gestehen, wieder ein anderer möchte sich äußern, aber bestreitet die Vorwürfe. Von 2006 bis 2011 sollen die Manager – unter ihnen vier Ex-Mitarbeiter von Thyssen-Krupp – Preise und Liefermengen für Schienen abgesprochen oder die illegalen Machenschaften gedeckt haben, um Kunden wie die Deutsche Bahn systematisch über den Tisch zu ziehen. Am Montag begann vor dem Bochumer Landgericht das Verfahren gegen die mutmaßlichen Haupttäter.

Akribisch listet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift auf, wann es wieder ein Treffen der mutmaßlichen Kartellsünder gegeben haben soll. Mal soll eine Runde am Hamburger Flughafen entscheidend gewesen sein, dann eine Begegnung in einem Bottroper Hotel. Von Treffen in Essen und Hannover ist die Rede, mehrfach wird Duisburg erwähnt. Gesprächsbedarf gab es wohl regelmäßig dann, wenn die Deutsche Bahn einen Auftrag im Millionenwert ausgeschrieben hatte. Bevor die Schienenhersteller ihre Angebote abgaben, sollen ihre Manager die Modalitäten über die Firmengrenzen hinweg genau abgestimmt haben. Den Angeklagten drohen nun mehrjährige Haftstrafen.

Erst nach Jahren geriet der Fall durch einen anonymen Hinweis ans Licht. Das Kartellamt ermittelte – und verhängte empfindliche Strafen gegen die beteiligten Unternehmen Thyssen-Krupp, Voestalpine und Stahlberg ­Roensch aus Seevetal bei Hamburg.

Der Kartellfall kam besonders Thyssen-Krupp teuer zu stehen. Allein das Bußgeld lag bei 191 Millionen Euro. Hinzu kamen Forderungen von Kunden, die sich betrogen fühlten. Insgesamt ist Thyssen-Krupp durch das Schienenkartell nach eigenen Angaben ein Schaden von mehr als 300 Millionen Euro entstanden. In einer Reihe von Schadenersatzprozessen gegen ehemalige Manager will sich der Konzern das Geld wiederholen. So fordert Thyssen-Krupp von zwei Ex-Bereichsvorständen rund 300 Millionen Euro.

Der ehemalige Bereichsvorstand Uwe Sehlbach fühlt sich zu Unrecht verfolgt. Das Kartell habe ohne sein Wissen gewirkt. Seine Anwälte behaupten, das Compliance-System von Thyssen-Krupp habe „systemisch versagt“. Einzelne Manager würden nun „als Sündenböcke“ herausgegriffen.

Vor dem Bochumer Landgericht dürften auch Merkwürdigkeiten im Schienengeschäft von Thyssen-Krupp eine Rolle spielen. Vor etwa zehn Jahren war ein Manager des Konzerns, der nun wieder auf der Anklagebank sitzt, wegen Bestechung eines ranghohen Bahn-Einkäufers verurteilt worden. Dennoch durfte der Manager als Bereichsvorstand im Unternehmen bleiben und war auch für Geschäfte mit der Bahn zuständig. Das Landgericht hat acht Verhandlungstermine vorgesehen.