Wer künftig auf der Autobahn 9 zwischen München und Nürnberg von einem fahrerlosen Auto überholt wird, muss nicht erschrecken: Der Abschnitt wird jetzt zur Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren. Autobauer können dort auch selbstfahrende Autos im echten Verkehr erproben. Die Fahrzeuge sollen auf der Teststrecke mit der Umgebung kommunizieren, Unfall- und Staugefahren erkennen und fahren, ohne von Menschen gelenkt zu werden.
Der Bund gibt dafür rund 25 Millionen Euro aus, um die Fahrbahn mit spezieller Sensorik auszustatten, wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) mitteilte. An dem „Digitalen Testfeld Autobahn“ sind auch das Land Bayern, die Autoindustrie und die IT-Wirtschaft beteiligt. „Das automatisierte und vernetzte Fahren ist die größte Mobilitätsrevolution seit der Erfindung des Automobils“, sagte Dobrindt. Die Teststrecke auf der A9 stehe allen innovativen Unternehmen offen.
Deutsche Industrie im Wettkampf mit USA
Damit setzt der Minister einen dringenden Wunsch der hiesigen Automobilindustrie um, die sich in einem Wettlauf mit den großen US-Internetkonzernen sieht. Es geht um die Zukunft des Autos, das zu einem Computer auf Rädern wird. Offen ist, wer das Geschäft mit intelligenten Autos künftig kontrolliert: die Internetkonzerne oder die traditionellen Autobauer.
„Das Zukunftsfeld der Digitalisierung ist international hart umkämpft“, mahnte Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). „Deswegen sollten Politik und Industrie hier kraftvoll vorangehen.“ Tatsächlich bewegt sich die Autoindustrie wirtschaftlich in eine neue Ära. Die Onlinedienste in den Fahrzeugen verändern das Geschäftsmodell grundlegend. Das Auto der Zukunft könnte bald auch im kalifornischen Silicon Valley erdacht werden.
Google tritt erstmals auf der IAA in Frankfurt auf
So präsentiert der US-Konzern Google dieses Jahr zum ersten Mal seine Vision von Mobilität mit selbstfahrenden Autos und intelligent vernetzten Maschinen auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main – zum Schrecken der großen Autobauer. Ihnen droht ein Kontrollverlust, gegen den sie mit Hochdruck kämpfen, um in ferner Zukunft nicht als Zulieferer der Internetkonzernen zu enden – als bloße Fahrwerkmonteure für strahlende Marken wie Apple oder Google. Undenkbar ist das nicht: Man könne sich durchaus eine Zukunft vorstellen, in der die Autoindustrie zwar noch die Fahrzeuge baut – „aber das Gehirn kommt von Apple oder Google“, sagt Autoexperte Axel Schmidt von der Unternehmensberatung Accenture. Davor habe die Branche zu Recht Angst.
Die Ambitionen der IT-Konzerne, in den traditionellen Automarkt einzudringen und seine Geschäftsmodelle zu knacken, sind offensichtlich: Google arbeitet seit Jahren an Technik für selbstfahrende Fahrzeuge und testet einen Stadtwagen aus eigener Entwicklung. Der Fahrdienstvermittler Uber, eines der reichsten Start-ups, forscht an Roboterwagen. Apple entwirft angeblich ein Elektroauto und wirbt dafür weltweit die besten Experten ab. Auch beim japanischen Elektronikhersteller Sony gibt es Gedankenspiele über einen Einstieg ins Autogeschäft.
Experten halten Kooperationen von Google und Autobauern für möglich
„Der Wettlauf um die Mobilität der Zukunft ist extrem hart, eine Erfolgsgarantie gibt es für niemanden“, warnte kürzlich Volkswagen-Chef Martin Winterkorn. Während die Autobosse früher bei Fragen nach der Gefahr aus dem Silicon Valley eher abwinkten, streckte Daimler-Chef Dieter Zetsche jüngst den IT-Riesen kurz die Hand aus. „Eine Option könnte sein, dass die Autos in einem Joint Venture entstehen und wir diese dann bauen“, sagte er. Allerdings schränkte er gleich wieder ein: Er spreche „hier rein fiktiv“.
Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen glaubt nicht, dass Apple oder Google im großen Stil selbst in die Autoproduktion einsteigen. Jedoch nur, weil die Margen des Autogeschäfts für die IT-Größen viel zu niedrig seien. Selbst Oberklasse-Hersteller wie Daimler müssen sich anstrengen, damit zehn Prozent vom Umsatz als Gewinn hängenbleiben. Möglich wäre das aber, sagt Dudenhöffer, denn „Autobauen ist deutlich einfacher, als die Autohersteller immer erzählen.“ Der kalifornische Elektroautohersteller Tesla sei ein Beispiel dafür, wie eine Marke neu entstehen könne. Geld dazu hätten die großen IT-Konzerne allemal.
Google arbeitet an den Verkehrskonzepten der Zukunft
Google wolle aber keine Hardware, sondern ein Mobilitätssystem in großen Städten erschaffen, glaubt Analyst Schmidt. Immer mehr junge Menschen wollen ihr Geld für Mobilität statt für ein eigenes Auto ausgeben. Deshalb versuchen sich auch Daimler, BMW, VW und Opel an Carsharing und entwickeln Apps. Im Auto werde es künftig um den Zugang zu den Insassen gehen, darum, welche Dienste von welchem Anbieter ins Fahrzeug kommen, ist Schmidt überzeugt. „Das Spiel wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren entscheiden.“ Es ist ein Wettkampf der Plattformen, in dem Google und Apple Hunderte Millionen Smartphone-Kunden haben. Wer die meisten Nutzer auf seiner Plattform hat, wird das System bestimmen und damit letztlich auch die Preise und die Erträge.
Für die Autobauer geht es damit ums Ganze – und sie denken nicht daran, kampflos aufzugeben. „Wir wollen keine Lieferanten werden, die keinen direkten Kundenkontakt mehr haben und Hardware an Dritte liefern“, sagte Daimler-Chef Zetsche. Auch deshalb kauften Daimler, Audi gemeinsam Nokias Kartendienst Here aus Berlin für 2,8 Milliarden Euro. Es geht um viel mehr als nur um Karten für selbstfahrende Autos: Die Autobauer wollen die Kontrolle im Cockpit nicht abgeben. Sie wollen eine Herstellerplattform als Alternative zu Google und Apple aufbauen und damit Herr im eigenen Haus bleiben.
Es geht nicht mehr nur um PS und Drehmoment
Doch die Gefahr bleibt: Wie schnell die Software die Hardware übertrumpfen kann, zeigte sich in den vergangenen zehn Jahren in der Handybranche, wo Betriebssystem und Apps zur Hauptsache wurden. Und dass der enge Kontakt zum Kunden das Tor zu weiteren Geschäften öffnet, belegt der Erfolg des Modells Facebook.
„Wir haben gelernt, dass es in unserem Geschäft nicht mehr allein um PS und Drehmoment geht“, sagte Volkswagen-Chef Winterkorn im Frühjahr. Es gebe eine neue Emotion rund ums Autofahren, glaubt auch Dudenhöffer, „etwas anderes, als die Reifen quietschen zu lassen.“ Für die Marketingexperten der Autokonzerne wird es eine Herausforderung, den Kunden zu erzählen, was man im Auto künftig tun soll, wenn man nicht mehr steuern muss. Die Antwort von Google: Schauen Sie entspannt ins Internet. Das Auto fährt derweil schon selbst.
mit dpa


