Das Gigaset-Smartphone
Das Gigaset-Smartphone© BM | Pressematerial

Sie wagen es wirklich: Das Münchner Unternehmen Gigaset bringt ein eigenes Smartphone auf den Markt, der weitgehend von Samsung und Apple kontrolliert wird und auf dem zahlreiche chinesische Konzerne aggressiv um Kunden werben. Es ist das erste deutsche Smartphone überhaupt, das Firmenchef Charles Fränkl jetzt in Berlin vorstellte. Das Unternehmen versucht an den glorreichen Teil seiner Vergangenheit anzuknüpfen: Es gehörte einmal zum Siemens-Konzern und war in der Frühzeit des Mobilfunks führend.

Außer vagen Vermutungen war bis Dienstag wenig über das Gerät bekannt. Vor der Internationalen Funkausstellung (IFA) lüftete Fränkl nun das Geheimnis in einer Präsentation, die etwas an die Auftritte des inzwischen verstorbenen Apple-Chefs Steve Jobs erinnerte – komplett mit großer Bühne und Countdown. Demnach wird es vom Herbst an nicht nur ein Gerät geben, sondern drei: das Einsteigermodell Gigaset Me Pure, Gigaset Me und das Spitzenprodukt Gigaset Me Pro. Die Preise reichen von 349 Euro für das Pure bis 549 Euro für die Premiumvariante. Das wäre im Markt vergleichsweise günstig für das, was Fränkl an Funktionen verspricht.

Full-HD und 20 Megapixel

So sollen die Geräte über eine hochauflösende Kamera mit Weitwinkel-Objektiv verfügen, die größere und bessere Fotos ermöglichen soll. In der Pro-Version etwa ist eine 20-Megapixel-Kamera von Sony eingebaut. Das Display folgt dem Trend zur Größe bei Smartphones: Beim ME hat es eine Diagonale von 5,0 Zoll, beim Pro sogar 5,5 Zoll, mit einer Full-HD-Auflösung, die für Spiele im Netz ebenso geeignet ist wie für das Betrachten von Bildern oder Videos.

Außerdem legt Gigaset Wert auf einen guten Klang sowie im Design auf höherwertige Materialien wie Spezialglas und Aluminium sowie auf ein eher puristisches, aber edles Design. Es gibt noch eine Reihe weiterer Besonderheiten, von denen sich Fränkl Erfolg bei den Kunden verspricht. So besitzen die Geräte zum Beispiel einen Extrasteckplatz, in dem eine zweite Sim-Karte oder auch eine zusätzliche Speicherkarte untergebracht werden kann. Zudem verfügt zumindest das Pro-Gerät über einen Fingerabdrucksensor – in der Preisklasse nicht unbedingt Standard. Die Akkulaufzeiten sollen deutlich über denen anderer Geräte liegen. „Es ist die Qualität und der Wert deutscher Ingenieursarbeit“, sagt der Vorstandschef. Das Betriebssystem kommt allerdings aus den USA: Auf allen drei Versionen läuft Android des US-Technologiekonzerns Google.

Und gebaut wird das Smartphone ebenfalls nicht in Deutschland. Hergestellt werden die Geräte in China. Aber Design und Technik stammen von deutschen Tüftlern. „Wir verfügen nicht nur über die Infrastruktur, sondern vor allem über die Köpfe, um in dieser hart umkämpften Branche nachhaltig erfolgreich zu sein“, sagt Gigaset-Chef Fränkl. Große Worte.

Bisher hat sich die ehemalige Siemens-Tochter vor allem mit schnurlosen Telefonen für das Festnetz weltweit einen Namen gemacht. Gemessen an den Konzernen Apple und Samsung wirken die 326 Millionen Euro, die Gigaset im vergangenen Jahr umsetzte, gering. Apple wies allein für das zweite Quartal 2015 49,6 Milliarden Dollar (44 Milliarden Euro) aus, Samsung 41,7 Milliarden Dollar.

Mit 1400 Beschäftigten gehört Gigaset dennoch nach eigenen Angaben zu den weltweit führenden Anbietern von Kommunikationstechnologie. Doch das Geschäft mit den herkömmlichen Geräten für zu Hause lief zuletzt nicht mehr so gut. Nun will Fränkl mit den Smartphones neues Wachstum erzielen.

Experten sehen Platz für weitere Anbieter

Das Unterfangen ist gewagt, viele einst große Hersteller scheiterten, der französische Hersteller Alcatel existiert zwar noch, aber nur in der Nische, und Nokia, einst Weltmarktführer, gehört inzwischen zu Microsoft und tut sich extrem schwer. Neben Apple dominieren asiatische Firmen den Markt. An der Spitze steht unangefochten das koreanische Unternehmen Samsung, das nach Angaben des Branchendienstes Internationale Data Corporation (IDC) allein im zweiten Quartal dieses Jahres mit 73 Millionen verkauften Smartphones gut 21 Prozent des Weltmarktes vereinnahmt, gefolgt von Apple mit 47 Millionen Geräten. Auf den drei nächsten Rängen folgen abgeschlagen drei Anbieter aus China, Huawei, Xiaomi und Lenovo, zu denen die einst große amerikanische Marke Motorola inzwischen gehört. Die fünf Marktführer zusammen verkauften 55 Prozent – aller Smartphones.

Andererseits sind vor allem die Asiaten erst in den vergangenen Jahren groß herausgekommen – Chancen hätte Gigaset also. Zumindest auf dem deutschen Markt sehen Branchenexperten noch Platz für weitere Anbieter. „Der Teich ist noch sehr groß“, sagt Martin Börner, Präsidiumsmitglied im Branchenverband Bitkom, „der Markt für die Smartphones wächst unaufhaltsam.“ Der Verband rechnet in diesem Jahr mit mehr als 25 Millionen verkauften Smartphones in Deutschland, ein Plus von 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz soll sogar um mehr als sieben Prozent auf gut neun Milliarden Euro steigen. Eine Prognose über die Erfolgsaussichten von Gigaset mag Börner nicht geben. Man werde sich das Produkt mit Interesse anschauen. Die IFA wird auch einen ersten Eindruck geben, inwieweit andere Hersteller technisch aufgerüstet haben. Den ersten Meldungen nach wollen auch Sony oder Samsung noch einmal Neues bieten.

Sponsorenvertrag mit Bayern München

Ein wenig vom Glanz eines Siegers abzubekommen, lässt sich Gigaset einiges kosten. Vor acht Wochen schloss das Unternehmen einen Sponsorenvertrag mit Bayern München. Fußballstars wie Mario Götze oder Thomas Müller sollen mit Gigaset-Smartphones telefonieren, mit deren Tablets im Internet surfen oder Körperfunktionen mit den sogenannten Wearables überprüfen.

„Eine ideale Plattform, um seine Markenbekanntheit zu steigern“, nennt Gigaset das nicht bezifferte Engagement beim Deutschen Meister. Dessen weltweit 400 Millionen Anhänger sollen die deutsche Firma nun näher kennenlernen.