Ein schicker Kiez in Berlin-Kreuzberg, auf der Straße wird viel Englisch gesprochen, es reihen sich hippe Kaffeeröstereien an Smoothie-Läden und japanische Spezialitätenrestaurants. In einem alten Industriehof mit roten Backsteinen befindet sich der „Silicon Hinterhof von Kreuzberg“, wie ihn die „Bild“-Zeitung einmal nannte. In einer Zeit, in der Berlin noch so etwas wie ein produzierendes Gewerbe hatte, stellte der Fabrikant Otto Erdmann hier Kisten her. Damals war Deutschland ein Nachzügler der industriellen Revolution – und Großbritannien war der Vorreiter.
In gewisser Weise wiederholt sich die Geschichte bei der digitalen Revolution: Berlin und London streiten sich um die Start-up-Krone Europas. Wieder hat Großbritannien dieses Rennen lange unbestritten angeführt. Und wieder scheint Deutschland aufzuholen. Jener alte Industriehof in Kreuzberg ist zu einem Symbol für Berlins wachsende Start-up-Szene geworden. Der Onlinesexspielzeughändler Amolerie hat hier ebenso ein Büro wie MyMuesli und das Payment-Start-up Sumup. Die geografische Nähe der Start-up-Szene ist ein Merkmal von Berlin: „Fährst du einmal mit der U8, triffst du die halbe Start-up-Szene“, scherzt Christian Eggert, Gründer und Geschäftsführer von Bonativo, einem Onlinelebensmittelversender. Die Berliner Gründerszene ist noch familiär und übersichtlich – die allermeisten Start-ups der Hauptstadt haben sich in Mitte oder Kreuzberg angesiedelt.
Auf der anderen Seite des Ärmelkanals: Eileen Burbidge, Wagniskapitalgeberin bei Passion Capital, ist in diesen Tagen sehr gefragt. Die BBC will von ihr wissen, was die Londoner Wagniskapitalisten tun, um die Start-up-Branche der Themsestadt zu fördern, gleichzeitig gibt es mehrere Dutzend Pitches, die sie sich anschauen soll. „Sie sehen“, sagt sie und zeigt auf das kreative Chaos um sie herum, „London ist der Dreh- und Angelpunkt für Start-ups in Europa, die Stadt ist eines der wichtigsten Zentren der Welt.“ Seit elf Jahren arbeitet Burbidge in London, zuvor arbeitete sie bei Skype und Yahoo. Burbidge nimmt für Passion Capital an rund 2000 Pitches pro Jahr teil, der Fonds hat in 41 Firmen investiert. „Zwanzig Prozent davon sind Fintechs, junge Start-ups, die Finanzdienstleistungen anbieten“, sagt sie.
Regierung offen für Neuerungen
Diese Branche sei in London aufgrund der Position der Stadt als europäisches Finanzzentrum stark vertreten. Und auch die Regierung sei Neuerungen gegenüber offen eingestellt, „deutsche Regulierungsbehörden erscheinen mir an dieser Stelle sehr viel vorsichtiger“. Der Aderlass nach der Finanzkrise habe der Start-up-Branche gutgetan. „Viele Leute haben Unternehmen gegründet und gehen jetzt die Probleme an, die sie aus ihrer Zeit bei den Banken kannten“, erklärt sie.
London ist in der internationalen Start-up-Szene seit vielen Jahren eine etablierte Größe – auch die US-Investoren aus dem Silicon Valley und von der Ostküste haben die Briten schon lange auf dem Schirm. Doch Berlin holt auf. „In Berlin beobachten wir seit über zehn Jahren einen konstanten Boom an Unternehmensgründungen von etwa 40.000 Neuerrichtungen pro Jahr“, sagt eine Sprecherin des Berliner Senats. Nicht alle davon sind Start-ups, auch die klassische Existenzgründung wie eine neue Bäckerei wird zu diesen Unternehmensgründungen gezählt. Auf der Webseite techberlin.com haben sich bislang 550 Berliner Start-ups selbst eingetragen.
Im Vergleich zu London wirkt das erst einmal winzig: Die Zahl der Londoner Start-ups im Digitalsektor schätzt Gordon Innes, CEO der Stadtvermarktungsagentur London & Partners, inzwischen auf 40.000. Doch Berlin hat sich eine Position als ernsthafter Herausforderer gesichert, der in mancher Hinsicht London sogar schon überflügelt: Über das gesamte Jahr 2014 konnten die Start-ups der deutschen Hauptstadt mehr Wagniskapital anziehen als London, zeigt eine Analyse des Branchendienstes Dow Jones VentureSource. Demnach flossen 2014 rund 2,2 Milliarden Dollar Wagniskapital in Berliner Firmen, nach London nur 1,5 Milliarden Dollar.
Und der Boom hält an, in beiden Städten: Im ersten Quartal des Jahres 2015 lagen beide Städte ungefähr gleichauf – nach Berlin flossen rund 840 Millionen Dollar, nach London rund 850 Millionen Dollar. Im Vergleich zum ersten Quartal 2014 hat sich die Summe in Berlin mehr als verdreifacht, in London liegt sie mehr als 2,5-fach so hoch wie vor einem Jahr. Doch wie passt das viele Geld mit der immer noch eher familiär wirkenden Berliner Szene zusammen? Des Rätsels Lösung: In Berlin gibt es einzelne starke Ausreißer, die auf einen Schlag sehr viel Kapital anziehen. Dazu gehört beispielsweise das international aktive Berliner Essensbestellportal Delivery Hero, an dem auch Rocket Internet beteiligt ist. 2014 hat es alleine schon über eine halbe Milliarde Dollar Kapital eingesammelt, auch dieses Jahr waren es bisher schon wieder rund eine halbe Milliarde Dollar frisches Kapital.
Der Name Rocket Internet fällt ohnehin immer wieder, wenn man mit Gründern, Investoren und Kennern der Start-up-Szene über Berlin spricht. Ohne die Start-up-Schmiede der Samwer-Brüder, die Unternehmen wie am Fließband produziert, wäre Berlin nie zu dem geworden, was es heute ist.
Für Burbidge, der Wagniskapitalgeberin aus London, steht die Berliner Start-up-Szene trotzdem noch am Anfang. „Berlin hat ähnliche Probleme wie London vor zehn Jahren“, sagt sie. „Es fehlt die Tiefe, das Talent, die Zahl der Exits.“ Abgesehen von Rocket Internet mangele es Berlin an Spielern. „Hier in London gibt es Leute, die haben schon viele Firmen gegründet und sie erfolgreich wieder verkauft. Die Erfahrungswerte sind andere“, sagt Burbidge. Rocket Internet, so argumentiert Burbidge, sei eine Ausnahme. „Aber Rocket ist vor allem E-Commerce, das ist ziemlich eindimensional. Alles andere – Mode, Fintech – ist nicht gelungen.“ Berlin sei stark im Bereich E-Commerce, während London breiter aufgestellt ist, sagt auch Mike Chalfen, Partner beim Londoner Wagniskapitalgeber Mosaic Ventures.
„Nirgendwo auf der Welt gibt es so viel E-Commerce-Kompetenz wie in Berlin“, sagt Florian Meissner, Gründer und CEO der Berliner Foto-Sharing-App EyeEm. Dabei repräsentiert Meissner und sein Start-up genau jene wachsende Riege von Tech-Unternehmen in Berlin, die nicht aus dem Rocket-Universum stammen.
Steuerlich interessant
Doch der E-Commerce-Schwerpunkt Berlins spiegelt sich auch in den Finanzierungskennzahlen wider: Von den insgesamt rund 2,2 Milliarden Dollar Wagniskapital im vergangenen Jahr flossen mehr als eine Milliarde in Berliner Start-ups aus dem Bereich Consumer-Dienstleistungen. In London waren es nach den Zahlen von Dow Jones VentureSource nur 572 Millionen Dollar. Der zweite Schwerpunkt ist überraschender: Ebenfalls etwas mehr als eine Milliarde Dollar flossen in Berlin in den Bereich Geschäfts- und Finanzdienstleistungen. In London waren es rund 680 Millionen Dollar. „Wir sind viel jünger, viel dynamischer“, sagt Melikshah Ünver, der als Start-up-Recruiter in Berlin arbeitet. London sei dagegen vor allem für Investoren attraktiv, insbesondere aus steuerlichen Gründen. Und: Berlin ist eben doch immer noch günstig.

