Wirtschaft

Nokia will in Berlin die Navigation der Zukunft entwickeln

Nokia beschäftigt an der Invalidenstraße in Mitte knapp 1000 Menschen. Unter der Marke „Here“ werden Technologien für Navigationsdienstleistungen entwickelt – für Smartphones und Autos.

Foto: David Heerde

Die Welt wird in Berlin vermessen. Die Stadt ist ein zentraler Ort der Verkehrsforschung geworden. Wissenschaftliche Institute und Unternehmen bauen Werkzeuge für die Mobilität der Zukunft. Nokia ist in der Stadt der größte Arbeitgeber auf diesem Gebiet. Er beschäftigt an der Invalidenstraße in Mitte knapp 1000 Menschen. Unter der Marke „Here“ werden Technologien für Navigationsdienstleistungen entwickelt – für Smartphones und Autos.

Here will eine Art Amazon für die Welt sein, sagt Sebastian Kurme, der Sprecher des Unternehmens. Ein Katalog, in dem sich jeder Ort finden und mit Informationen verknüpfen lässt, die für den Nutzer von Bedeutung sind. Eine intelligente Plattform also, die ihrem Nutzer zwei Fragen beantwortet: Wie komme ich ans Ziel und welche Angebote gibt es dort.

Mit Routenplanung auf dem Smartphone fing es an

Dazu kaufte sich Nokia ein Puzzle von hoch spezialisierten Unternehmen zusammen. Alles fing mit dem Start-up Gate5 an. Dessen Gründer ist der heutige Business Angel Christophe Maire. Er hatte früh das Potenzial mobiler Geräte für die Navigation erkannt und arbeitete mit seinem Team sechs Jahre lang an der Vision einer Routenplanungssoftware. Nokia kaufte das auf 70 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen 2006 und legte damit den Grundstein für seine Verkehrssparte in Berlin. Der damalige Geschäftsführer, Michael Halbherr, ist Chef des Navigationsunternehmens Here.

Ein Jahr nach dem Kauf von Gate5 übernahm Nokia das US-Unternehmen Navteq, das elektronische Karten anbot und seit 1987 Straßenauskünfte erteilte. 2009 kam der Stauwarndienst TMCpro dazu, der mit Sensoren automatisch Verkehrsströme auf Straßen erfasste. 2010 folgte MetaCarta, eine Suchmaschine für Karten, die Wörter auf digitalen Landkarten erkennt. 2012 wurde schließlich Earthmine von Nokia akquiriert. Das Unternehmen hatte Kameraautos entwickelt, mit denen Daten für digitale Karten gesammelt werden.

Mit zugekaufter Technik zur personalisierten Navigation

2014 folgte der Kauf von Medio, einem Spezialisten für intelligente Karten. Und schließlich kam das Technologieunternehmen Desti dazu, ein personalisierter Reiseberater, der Nutzerkommentare für Orte auf Webseiten analysiert und mit den in sozialen Netzwerken hinterlegten Vorlieben eines Nutzers in Einklang bringt. Die Akquisitionen von Medio und Desti lassen die Zukunftsvision von der personalisierten Navigation Wirklichkeit werden. Die Landkarten können gewissermaßen Gedanken lesen und liefern Informationen, bevor man danach sucht. Sie verstehen beispielsweise den Unterschied zwischen einem Business- und einem Romantikhotel. Und sie bieten zur rechten Zeit das eine oder andere an. Sie wissen auch, ob der Reisende lieber Burger oder vegane Gerichte isst, und schlagen entsprechende Restaurants vor.

Das ist gar nicht so schwer, denn das Internet vergisst nichts. Intelligente Software muss nur tief genug im Netz graben, um die Wünsche des Nutzers ans Tageslicht zu befördern: seine Suchphrasen, seine Käufe, seine Kommentare und Bewertungen. So entsteht eine Karte, die die Umgebung wahrnimmt, versteht und weiß, was der Nutzer will.

Mit diesem Portfolio an hochspezialisierten Unternehmen kämpft Here um die Marktführerschaft. Mächtigster Mitbewerber ist Google mit seinen Diensten Maps und Now. „Berlin ist ein globaler Standort für ein globales Produkt“, sagt Sebastian Kurme. Hier finde man gute Leute mit internationaler Erfahrung. Die Stadt hat sich zu einem Zentrum der Verkehrsforschung entwickelt mit namhaften Adressen wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dem Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus). So bringt das DLR In Adlershof sein Know-how aus der Raumfahrt in die Entwicklung moderner Verkehrstechnologien ein. Das Institut für Verkehrsforschung sucht unter anderem Trends der Mobilität. Zum Beispiel arbeiten Forscher im Projekt „Molecule“ an der Frage, wie Reisezeiten durch die Kombination unterschiedlicher Verkehrsmittel optimiert werden können. Dazu wird derzeit eine App getestet.

Ein geschätzter Standortvorteil

Das Institut für Verkehrssystemtechnik arbeitet an Fahrerassistenzsystemen. Ferner werden im Bereich Verkehrsmanagement Methoden zum Monitoring von Verkehr und der Einflussnahme auf Verkehrsströme untersucht.

Auch beim Fraunhofer Fokus ist Verkehr ein Thema. Hier wurden gerade Forschungsergebnisse über kooperative Fahrsysteme vorgestellt, bei denen Fahrzeuge kommunizieren und sich gegenseitig vor Gefahren warnen. 23 Prozent der Todesfälle und 13 Prozent der Verletzten könnten vermieden werden, wenn Fahrzeuge mit solchen Systemen ausgestattet wären, sagen die Forscher.

Auch Nokias Mitbewerber TomTom schätzt den Standortvorteil Berlins und entwickelt in den Treptowers mit 200 Angestellten Echtzeitnavigation. 15 Prozent der Reisezeit könne durch perfekte Navigation eingespart werden, sagte unlängst Ralf-Peter Schäfer, der Verkehrschef des Navigationsunternehmens.

Nicht nur in Laboren, auch auf den Berliner Straßen ist Nokia aktiv. Denn Karten müssen auf dem neuesten Stand bleiben, und auch die Aufnahmetechnik mit dreidimensionalen Laserscans von Gebäuden schreitet immer weiter voran. Kameraautos sind deshalb auf Straßen unterwegs.

Bürger haben sich an solche Kamerafahrten gewöhnt und ein anderes Verhältnis zu ihrer Privatsphäre als vor vier Jahren. Als Google 2010 das Gleiche tat, gab es eine Welle der Empörung. Bürger fühlten sich um die Bilder ihrer Fassaden betrogen und erkannten in den Streetview-Kameraautos Angriffe auf ihre Privatsphäre. 245.000 Anträge auf Verpixelung waren damals bei dem Internetunternehmen eingegangen. Ganz anders heute: Die Menschen bleiben am Straßenrand stehen, werfen sich in Pose. Ein Radfahrer winkt. Andere machen Faxen, als das blaue Auto mit den Kameras und dem Laserscanner vorbeifährt. Nach einigen Tagen ist die drei Terabyte große Festplatte des Computers im Kameraauto voll. Dann fängt die mühevolle Nachbearbeitung der Rohdaten an.

Svenja Abraham legt an jedem Arbeitstag 300 bis 400 Kilometer in dem blauen Golf zurück, um Straßen zu scannen. Nur vereinzelt gibt es Kritik. In diesem Fall greift sie zu einem Flyer, der über die Straßenscans aufklärt. Here koordinierte die Aktion frühzeitig mit Datenschutzbeauftragten der Bundesländer. Das Unternehmen hat aus den Fehlern von Google gelernt.

Here ist neben der Sparte für Datennetzinfrastruktur der Rest des einst so mächtigen Telekommunikationskonzerns. Nokia hatte den Smartphone-Trend verschlafen und war dadurch in die Krise geschlittert. Die Handysparte war 2013/14 für mehr als 5,4 Milliarden Euro an den Elektronikkonzern Microsoft verkauft worden. Microsoft will nun 18.000 Stellen abbauen – davon 12.500 in der übernommenen Handysparte von Nokia. Dort soll jede zweite Stelle wegfallen. So sind die Navigationsspezialisten nicht von der Krise ihrer Handykollegen betroffen. Im Gegenteil: Das Onlinestellenportal weist fast 350 vakante Jobs aus, und Microsoft zählt als Hersteller der Windows-Smartphones zu den Hauptkunden des Unternehmens.