Wenn bei der Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft Bibelverse bemüht werden, dann scheint die Not groß. Er wolle Psalm 23 zitieren, sagte Kleinaktionär Bernd Schuh aus Köln bei der Hauptversammlung von Air Berlin am Flughafen Heathrow in London. Etihad Airways aus Abu Dhabi sei angesichts einer weiteren Millionenspritze in die wirtschaftliche Blutbahn der zweitgrößten deutschen Fluglinie der „gute Hirte“.
In der Tat: Solange der Großaktionär Etihad seine schützende Hand über Air Berlin halte, drohe zumindest keine Pleite, meint Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. „Das ist das Beruhigende für die Aktionäre – und das Verdienst von Hartmut Mehdorn.“ Auch wenn der Bibelbezug für die muslimischen Geldgeber aus Arabien ein wenig schräg daherkommen mag.
Als Übergangschef nach dem Abgang des Air-Berlin-Patriarchen Joachim Hunold hatte Mehdorn die staatliche Fluggesellschaft vom Golf an Bord geholt. Inzwischen ist er BER-Flughafenchef in Berlin. Bei Air Berlin hat derzeit Wolfgang Prock-Schauer das Sagen. Etihad hatte Ende 2011 mit der Beteiligung an Air Berlin den Schritt auf den europäischen Markt geschafft. Jetzt wollen die Araber ihren Einfluss ausbauen und in Italien bei der ebenfalls kriselnden Fluggesellschaft Alitalia einsteigen. Die Gespräche sind weit fortgeschritten.
Etihad steckt nochmals Millionen in Air Berlin
Etihad steckt wieder einmal mehrere hundert Millionen Euro in Air Berlin, unter anderem über eine Wandelanleihe. Damit könnten die Araber ihren Anteil theoretisch auf bis zu 70 Prozent steigern, wenn sie die Anleihe in Aktien umtauschten. Doch dazu wird es wahrscheinlich nicht kommen. Zum einen läuft sie unbefristet, zum anderen würde Air Berlin wichtige Landerechte verlieren, sollte ein außereuropäisches Unternehmen mehr als 30 Prozent halten. So sieht es das EU-Recht vor. Und die Landerechte sind aus Sicht von Etihad sehr wichtig. Und so sagte Vorstandschef Prock-Schauer auf der Hauptversammlung denn auch: „Etihad ist und bleibt Minderheitsanteileigner.“
Für vergleichsweise geringe 73 Millionen Euro konnten die Scheichs sich vor gut zwei Jahren bei Air Berlin einkaufen. Kredite von 195 Millionen Euro sagten sie damals zu, kauften den Berlinern später noch das Vielfliegerprogramm für 184 Millionen Euro ab und helfen in diesem Jahr mit 300 Millionen Euro über die Wandelanleihe.
Viel kann Air Berlin damit nicht machen, das Geld und hoch verzinste eigene Anleihen halten das Unternehmen gerade so über Wasser. Finanzchef Ulf Hüttmeyer verwaltet nach fünf rot gefärbten Bilanzen in sechs Jahren einen Schuldenberg von knapp 800 Millionen Euro. Allein im vergangenen Jahr war ein Nettoverlust von 315 Millionen Euro bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft nach der Lufthansa aufgelaufen.
Aktionärsschützer bemängeln fehlendes Konzept
Wie also weiter? „Es fehlt ein Konzept“, kritisiert Aktionärsschützer Kunert. Erhöht Etihad seine Anteile weiter, droht der Verlust von Start- und Landerechten, weil Air Berlin dann keine mehrheitlich europäische Fluggesellschaft mehr ist. Dass eines der Geschäftsfelder wegfällt, hat Prock-Schauer schon ausgeschlossen. Analysten bemängeln das bestehende Geschäftsmodell schon lange. Ihnen zufolge ist Air Berlin auf zu vielen verschiedenen Geschäftsfeldern unterwegs: im Tourismusmarkt, als Billiganbieter, im Langstreckenverkehr und als Zubringer für das Netz von Großaktionär Etihad.
Mitte Mai hatte Prock-Schauer bereits eine Wende angekündigt – ohne Details zu nennen. Damals legte er rote Zahlen für das erste Quartal 2014 vor und deutete auch an, dass es nicht mehr so weitergehen könne, wie bisher, sollte das Unternehmen jemals wieder schwarze Zahlen schreiben wollen. Seit dem Börsengang 2006 gab es das nur 2012 mit knapp 6,8 Millionen Euro.
Der Air-Berlin-Chef gibt sich als Optimisten, auch wenn der Umsatz im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahresquartal um 3,8 Prozent auf 761,8 Millionen Euro geschrumpft ist. Bereits 2013 war er um fast vier Prozent gesunken. Und der Wettbewerb wird schärfer werden. Das freut die Verbraucher, wenn sich Air Berlin über günstige Preise gegen Billigflieger wie Ryanair und Easyjet behaupten will, macht Prock-Schauers Aufgabe aber nicht einfacher.
Weiterer Stellenabbau möglich
Was auch immer komme, der Kunde werde weiterhin im Zentrum aller Überlegungen stehen, sagte Prock-Schauer auf der Hauptversammlung. Mitte Mai hatte er noch gesagt, kein neues Sparprogramm auflegen zu wollen. Das letzte, noch unter Mehdorn gestartete, senkte zwar die Kosten, reichte aber nicht. Air Berlin hat bereits 15 seiner einst 155 Maschinen verkauft und 900 Stellen gestrichen, um zu sparen. Weitere Stellenstreichungen sind auch jetzt nicht ausgeschlossen.
Prock-Schauer will den Plan für die tiefgreifende Sanierung der Fluggesellschaft erarbeiten. Konkrete Aussagen zum neuen Geschäftsmodell kündigte er für das dritte Quartal des Geschäftsjahres an – Klarheit herrscht also irgendwann zwischen Anfang Juli und Ende September. Auf der Hauptversammlung nannte er allerdings keine Details. Einige Aktionäre fanden, er rede die Situation schön. Das können allerdings die Anteilseigner auch selber – ironisch. Martin Stutzbach aus Niedersachsen befand angesichts des unter 1,40 Euro gestürzten Aktienkurses: „Air Berlin arbeitet daran, seinen Einstiegskurs noch attraktiver zu machen.“ Ausgegeben wurden die Aktien 2006 für zwölf Euro.
art/dpa


