Der US-Internethändler Amazon eröffnet ein neues Logistikzentrum in Brieselang westlich von Berlin. Im benachbarten Falkensee baut der Technologiekonzern Siemens ein zentrales Lager für das Schaltanlagenwerk im nahen Berlin: Rund um die Hauptsstadt entstehen immer neue Hallenkomplexe für waren. Vor allem der Handel braucht die Standorte, um die steigende Onlinenachfrage schnell bedienen zu können. Denn vernünftiger Service ist das eine, schnelle Zustellung ist mindestens ebenso wichtig.

Neben dem Speckgürtel um Berlin ist für die Internet-Wirtschaft auch Magdeburg interessant – und Erfurt, wie aus Untersuchungen der Arbeitsgruppe Logistik des Fraunhofer-Instituts (Nürnberg) hervorgeht. Zu den Top 20 Logistikregionen Deutschlands gehören danach auch Hamburg, großen Teilen Nordrhein-Westfalens, Frankfurt/Main oder Hannover auch Halle/Leipzig.

Und viele Unternehmen überlassen nichts mehr dem Zufall: Bei der Standortwahl für ihr neues Logistikzentrum ließ sich etwa Eurogate aus Hamburg von Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts beraten. Sie empfahlen Thüringens Landeshauptstadt Erfurt, „so ziemlich in der Mitte Deutschlands“, sagt Eurogate-Geschäftsführer Sven Munderloh. Er ist nicht der einzige, der in Erfurt investiert hat. Vor allem die Logistiker der Internet-Händler suchen Standorte, um ihre Kunden möglichst innerhalb eines Tages mit den bestellten Waren beglücken zu können. Während im Westen des Landes neue Logistikklötze, die für viel Verkehr und größtenteils mäßig qualifizierte Jobs sorgen, nicht immer gut gelitten sind, wirbt der Osten mit Flächen und Förderung.

Magnet für schnelle Logistik

„Der Internet-Handel wächst zweistellig, es werden immer neue Logistik-Flächen gebraucht“, sagt Christian Kille, Professor für Handelslogistik an der Hochschule Würzburg. Lange Zeit sei Bad Hersfeld in Hessen als A-Lage sehr beliebt gewesen. Dort hat unter anderem der deutsche Ableger Amazons ein Logistikzentrum – es sorgt mit Streiks der Beschäftigten für einen Tarifvertrag für Aufmerksamkeit. Die Region um Bad Hersfeld sei inzwischen weitgehend ausgebucht, die Investitionen rückten östlich Richtung Erfurt, sagt Kille. „Die Mitte Deutschlands ist wie ein Magnet für die schnelle Logistik.“

Amazon fing in Deutschland mit dem Zentrallager in Bad Hersfeld an. Inzwischen ist das Geschäft sowohl von den Produkten als auch von der Zahl der Bestellungen her so gewachsen, dass es für den Konzern sinnvoll ist, weitere Zentren in Deutschland zu eröffnen. Ähnlich geht es dem Berliner Onlinehändler Zalando, der in den fünf Jahren seines Bestehens kräftig gewachsen ist.

Richtig geklotzt wird derzeit vor den Toren der Thüringer Landeshauptstadt: Zalando hat einen dreistelligen Millionen-Betrag investiert und stockt die Belegschaft derzeit in Richtung 2000 Mitarbeiter auf. Die Media-Saturn-Gruppe will mit dem Onlinehändler Redcoon ihr Internetgeschäft in Schwung bringen und hat das dazugehörige Warenverteilzentrum ganz in der Nähe von Zalando eröffnet. Etwa 1000 Arbeitsplätze von Stuttgart und Köln verlagern will der Buchgroßhändler Koch, Neff & Volckmar aus Stuttgart, der seine Logistik-Zentrale für 150 Millionen Euro in Erfurt baut.

Zukunftsträchtige Investitionen

Für Logistik-Professor Kille sind solche Investitionen zukunftsträchtig. „Die Aufbereitung und Verteilung von Waren bleibt in Deutschland. Bei der Produktion ist das nicht immer so sicher.“ Einen Trend, dass es die Branche hauptsächlich nach Ostdeutschland zieht, sieht er aber nicht. Logistiker wollten nahe an ihren Kunden sein – dafür seien die Einwohnerzahlen dort zu gering.

Im Berliner Umland jedenfalls lohnt sich Logistik offenbar, schließlich ist verfügt die Hauptstadt auch über einige Kaufkraft. Amazon betreibt neben dem Logistikzentrum in Bad Hersfeld ein weiteres in Leipzig – und eröffnet eben demnächst eines in Brieselang. Dort sind die Amerikaner Nachbarn von Zalando. Der Berliner Onlinehändler wiederum lagert auch Waren in einer großen Halle in Großbeeren südlich von Berlin. Der Gebrauchtbücher und -CD-Händler Momox betreibt ein Lager in Neuenhagen, nordwestlich Berlins – und in Leipzig. Konkurrent Rebuy arbeitet aus einem Logistikzentrum in Berlin-Rudow.

Nach Angaben des Verbands BVL in Berlin hat sich die Logistik in deutschland inzwischen zur Megabranche entwickelt: In diesem Bereich – einschließlich Industrie und Handel – gebe es mehr als 2,8 Millionen Beschäftigte, die einen Jahresumsatz von 223 Milliarden Euro verantworteten. Kille schätzt die jährlichen Investitionen auf etwa 20 Milliarden Euro. Viele Güterverkehrszentren platzten aus den Nähten.

Die Gewerkschaft Ver.di sieht allerdings noch einige Probleme: Noch immer seien viele der Firmen ohne Tarifbindung und Betriebsräte, sagt Ver.di-Fachsekretär Frank Günther. Einstiegslöhne für Angelernte lägen bei der Mindestlohnschwelle von etwas über 8,50 Euro pro Stunde. Doch der Arbeitsmarkt für Logistiker, die nicht nur für einfache, sondern auch sehr spezialisierte Industriedienstleistungen gebraucht würden, sei in großen Teilen Ostdeutschlands fast leer. „Es bewegt sich etwas, auch bei der Bezahlung.“

art/dpa