Die Rente ist sicher – dieser Satz des ehemaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm (CDU) gilt schon lange nicht mehr. Einer neuen Studie zufolge droht ohne weitere radikale Reformen sogar, dass die Renten kräftig sinken und gleichzeitig die Beiträge steigen. Zu diesem Ergebnis kommt die Ruhr-Universität Bochum, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung verschiedene Szenarien bis 2060 durchgerechnet haben. Beste Basis für sichere Renten ist demnach, den Versichertenkreis: Auch Beamte und Selbstständige müssten in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Zudem soll demnach bis 2060 das gesetzliche Renteneintrittsalter schrittweise auf 69 Jahre erhöht werden. Derzeit steigt es langsam auf 67 Jahre.

Die Vorschläge der Wissenschaftler riefen in der Politik umgehend Kritik hervor. „Eine solche Umstellung führt zu horrenden Mehrfachbelastungen einzelner Gruppen, die nur extrem schwierig zu stemmen wären“, sagte ein Sprecher des Bundesarbeitsministeriums. Vor allem mit der Empfehlung eines höheren Renteneintrittsalters werde der zweite Schritt vor dem ersten getan. Denn die Rente mit 67 sei erst 2029 erreicht. Auch von Seiten der Liberalen kam Widerstand: „Eine Studie über einen so langen Zeitraum grenzt an Kaffeesatzleserei und überzeugt mich nicht“, sagte der Vize-Vorsitzendende der FDP-Bundestagsfraktion, Heinrich Kolb. Solange in der Rentenversicherung das Äquivalenzprinzip gelte, bringe es nichts, Beamte und Selbstständige in die gesetzliche Versorgung mit aufzunehmen.

Aus Sicht der SPD-Bundestagsfraktion entspricht ein Rentensystem für alle hingegen der modernen Arbeitsgesellschaft. Sie begrüßte die Forderung nach einer Bürgerversicherung, in die alle Deutschen zahlen. Zunächst müssten aber Selbstständige in den Blick genommen werden, die keine Pflichtversicherung für das Alter hätten, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD, Anette Kramme.

Juliane Landmann von der Bertelsmann-Stiftung verteidigte den Vorschlag einer Bürgerversicherung. „Das ist die kurzfristigste Maßnahme, um das Rentensystem zu stabilisieren“, sagte sie. Nur so könnten ein Sinken des Rentenniveaus und ein steigender Beitragssatz verhindert werden. Der anhaltende demografische Wandel wird sich der Studie zufolge zuspitzen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1970 in Rente gehen. Während heute der Anteil der über 65-Jährigen bei 30 Prozent liegt, sagen die Experten für 2030 bereits 49 Prozent und für 2060 sogar 63 Prozent voraus. Der Beitragssatz müsste der Studie zufolge folglich von momentan knapp 19 Prozent auf 27,2 Prozent steigen, um 2060 ein Rentenniveau von 41,2 Prozent zu erreichen (derzeit rund 50 Prozent). Mit einer Bürgerversicherung könnte 2020 ein Rentenniveau von 48,5 Prozent bei einem Beitragssatz von 18,9 Prozent erreicht werden, schreiben die Studienautoren. 40 Jahre später soll dann ein Beitragssatz von 24,7 Prozent ein Rentenniveau von 50,8 Prozent sichern.

Um eine langfristige Unterfinanzierung der gesetzlichen Rentenkassen zu verhindern, reichten einzelne Maßnahmen allein jedoch nicht aus. Nötig sei ein ganzes Bündel an Änderungen, heißt es in der Studie: So soll das gesetzliche Rentenalter bis 2060 auf 69 Jahre erhöht werden. Das effektive Rentenalter – schließlich arbeitet nicht jeder tatsächlich bis 69 – werde damit auf im Schnitt 67 Jahre angehoben. Zudem sollte eine höhere Erwerbsquote von Frauen und älteren Arbeitnehmern das Rentenniveau stabilisieren, schreiben die Forscher. Auch eine bessere Qualifikation der Beschäftigten könne die Rentenversicherung entlasten. Die Forscher untersuchten unter anderem, wie sich Rente und Beitragsatz verändern, wenn der Nachhaltigkeitsfaktor, der die Rente derzeit deckelt, entfällt, mehr Frauen arbeiten, mehr Ausländerin Deutschland tätig werden, die Geburtenrate steigt oder die Zahl der Arbeitslosen sich verändert.

„Schlicht verrückt“

„Die Studie beschreibt wichtige Stellschrauben, an denen man im deutschen Rentensystem drehen kann“, sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, Clemens Fuest. Es sei aber nicht per se eindeutig, ob mehr Rentenzahler eine finanzielle Entlastung brächten. Auch Wolfgang Nagl vom Ifo-Institut in Dresden äußerte sich skeptisch. „Durch die zusätzlichen Beitragseinnahmen erwachsen nämlich auch Ansprüche.“ Das Problem der Finanzierung der Renten werde nur verschoben. Das Renteneintrittsalter langfristig anzuheben sei wegen der demografischen Entwicklung aber sinnvoll.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund nannte die Rente mit 69 „schlicht verrückt“. Derzeit klappe es noch nicht einmal mit dem Arbeiten bis 65, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Die Arbeitsbedingungen etwa von Pflegekräften oder Schichtarbeitern gäben es überhaupt nicht her, über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nachzudenken. „Viele müssen mit hohen Abschlägen schon vor 65 ausscheiden.“