Zeitarbeit

Zalando will besser als Amazon sein

Wegen mieser Arbeitsbedingungen stehen Online-Händler zurzeit am Pranger. Zalando bemüht sich um einen guten Ruf - und öffnet seine Türen.

Foto: Joerg Brueggemann / Joerg Brueggemann / Ostkreuz

Noch sind viele Angestellte befristet bei Zalando beschäftigt. Mehr als 1000 von ihnen bekamen zuvor aber Hartz IV. Detlef ist so einer. Er räumt im Lager von Zalando in Brieselang bei Berlin Schuhkartons in die Regale. Für 8,53 Euro pro Stunde. Und dann auch noch mit befristetem Vertrag. Passt ja so richtig ins Bild der ausgebeuteten Logistikarbeiter der Onlinehändler, über die spätestens seit dem Film über die Leiharbeiter von Amazon die ganze Republik redet.

Noch mehr als über den ZDF-Film über die Arbeitsbedingungen in Zalandos Logistikbetrieben im vergangenen Sommer. Die Kritik war damals ebenfalls heftig: Die Beschäftigten in Großbeeren bei Berlin müssten bei der Arbeit den ganzen Tag stehen, die sanitären Verhältnisse seien schlecht, in der Halle sei es viel zu heiß, hieß es in der 30-Minuten-Reportage. Damals schlug dem jungen Unternehmen Zalando zum ersten Mal breite, öffentliche Kritik entgegen.

Und Ver.di legt noch heute nach: „In Brieselang bekommen die Mitarbeiter pro Stunde sechs bis 7,60 Euro“, schimpft der Potsdamer Gewerkschafter Uwe Diedrich. Und dann würden sie auch noch so eingesetzt, wie gerade die Arbeit anfalle. „Fehlstunden müssen sie nacharbeiten oder bekommen sie vom Lohn abgezogen“, sagt er. Zalando-Geschäftsführer David Schröder schüttelt den Kopf.

Das will der Chef von Deutschlands größtem Online-Schuhhändler nicht auf sich sitzen lassen. „Verkürzt“ seien einige Vorwürfe gewesen, sagt der 30-Jährige, „zum Teil aber auch berechtigt“, räumt er ein. „Wir haben uns sofort drum gekümmert und abgestellt, was sich schnell abstellen ließ“. An anderem Verbesserungen werde noch gearbeitet. „Eine Sonderprüfung des Landesamtes für Arbeitsschutz ergab keine grundsätzlichen Beanstandungen“, sagt Schröder. Und die Mitarbeiter, die sich bei der Arbeit angeblich nicht setzen durften, hätten die Möglichkeit gehabt, Stehhocker zu benutzen.

Doch „sie wollten sich gar nicht setzen. Dabei hatten sie die Wahl“, sagt Michiel Alting von Geusau, Chef des Dienstleisters Docdata, der den Standort für Zalando betreibt. Spezielle gelenkschonende Gummimatten legten die Chefs auf den Betonboden, damit seien alle zufrieden.

Plötzlich hatte Zalando es eilig

Nein, sie wollen nicht die Bösen sein und nicht zusammen mit Amazon an den multimedialen Pranger gestellt werden. Dafür hat Zalando Journalisten jetzt zum ersten Mal die Türen zu allen drei Logistikzentren geöffnet. Zu einer Art „Wir sind die Guten“-Tour.

Wenngleich Schröder das nicht als Verkaufsveranstaltung verstanden wissen will, sondern eher als „Transparenzveranstaltung. Machen Sie sich selbst ein Bild und sprechen Sie mit den Leuten in den Betrieben“, sagt er. Geplant war diese Präsentation wohl schon länger – doch nach dem Amazon-Film und die Kritik samt Boykott-Drohungen hatten es die Zalando-Leute plötzlich sehr eilig. Und tatsächlich lohnt es, etwas genauer hinzuschauen. Das macht Leute wie Detlef am Standort Brieselang zwar auch nicht zum Top-Verdiener mit Vollkasko-Jobschutz.

Dafür fehlen aber auch die Voraussetzungen bei diesen recht einfachen Tätigkeiten. Detlef, zum Beispiel, ist 59 und war vier Jahre arbeitslos, bevor er im Juni hier bei Zalando doch noch einen Job fand. Und das im problembeladenen Brandenburg.

Ob er noch eine Chance auf einen anderen Job gehabt hätte? „Nee, in meinem Alter“, sagt er. Ob die Angaben der Gewerkschaft stimmen, dass die Mitarbeiter in ruhigen Zeiten nach Hause geschickt und für diese Zeit nicht bezahlt würden? „Nein. Das Gehalt ist immer dasselbe. Wenn nichts zu tun ist, bauen wir unser Überstundenkonto ab.“ Leute wie Detlef gibt es viele in der Zalando-Logistik, rund 1300 von insgesamt 3000 Mitarbeitern haben vorher Hartz IV bekommen.

Die meisten tragen dieses schwarze Zalando-Shirt, das sie als Neulinge ausweist. Mit fortschreitender Karriere wird die Dienstkleidung heller: Die Frauen und Männer in Grau sind die Mediatoren, die sich um mehrere Neulinge kümmern. Weiß ist den Teamleitern vorbehalten.

Geübt wird mit leeren Kartons

Und weil der Bedarf des Onlineversenders an Mitarbeitern für recht einfache Tätigkeiten gleichermaßen hoch ist wie die Arbeitslosigkeit in Brandenburg, machen Zalando und die öffentliche Arbeitsverwaltung gemeinsame Sache: Nach einer zweiwöchigen Grundqualifizierung, die die Arbeitsverwaltung bezahlt, bekommen die meisten einen Jahresvertrag. Der Mitarbeiter-Bedarf ist groß, im neuen Trainingscenter neben dem Hauptstandort in Erfurt laufen ständig Einarbeitungskurse, die der TÜV im Auftrag der Arbeitsverwaltung organisiert. Und an jedem zweiten Freitag werden dort 50 bis 80 Teilnehmer eingestellt. Acht von zehn Bewerbern bekommen einen Job.

In den kleineren Standorten wird etwas schlichter am Rande des üblichen Betriebs mit leeren Kartons geübt. Damit nur niemand behaupten kann, Zalando drücke auf Kosten der Arbeitsverwaltung die Produktionskosten. 8,53 Euro pro Stunde zahlt Zalando mindestens an seinen eigenen Standorten Brieselang und Erfurt, in Großbeeren dagegen bekommen die Mitarbeiter nur den Mindestlohn der Logistikbranche von 7,50 Euro. Dieser allererste Logistikstandort in der Zalando-Geschichte wird seit 2009 vom niederländischen Dienstleister Docdata betrieben.

Anteil der Befristungen soll sinken

Die meisten Online-Versender in Deutschland arbeiten mit solchen Dienstleistern, die keinen Cent über dem Mindestlohn zahlen. Auf den Unterschied in der Bezahlung angesprochen verweist Schröder auf die Verträge, die das nun mal erlaubten. „Unsere Kalkulation ist aber für alle drei Standorte dieselbe“, sagt der Zalando-Chef. Was wohl so viel bedeuten dürfte wie: Auch Docdata könnte 8,53 Euro zahlen. Die seit 2011 gestarteten Versand-Standorte betreibt Zalando in Eigenregie, auch das im Bau befindliche vierte Zentrum in Mönchengladbach wird Zalando selber organisieren, einschließlich des Aufschlags auf den Mindestlohn.

Die meisten Mitarbeiter sind allerdings weiterhin auf Basis von befristeten Verträgen beschäftigt. David Schröder begründet das vor allem damit, dass ein junges Unternehmen wie seines aus Kosten- und Flexibilitätsgründen sehr zurückhaltend mit unbefristeten Jobs sein müsse. Aber er lässt durchblicken, dass die Befristungen wohl bald reduziert werden. „Mit dem Alter des Unternehmens und und der Festigung der Stammbelegschaft wird der Anteil der Befristungen deutlich sinken“, sagt er. Und: „Wir brauchen die Leute.“

Alle bekommen denselben Lohn

Ein Zeitarbeiterproblem wie bei Amazon gebe es bei Zalando zudem nicht, weil die Bestellungen vor Weihnachten nicht so in die Höhe schössen wie beim US-Onliner. Die ARD hatte über unwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen von Leiharbeitern aus Osteuropa berichtet, die Amazon für das Weihnachtsgeschäft eingestellt hatte. „Wenn es tatsächlich so gewesen ist, wie es im Film gezeigt wurde, ist es wirklich schlimm, dann gibt es nichts zu beschönigen. Ich kann aber nicht beurteilen, ob es wirklich so war“, sagt Schröder. Beim Thema Leiharbeiter wolle er Zalando und Amazon nicht vergleichen. Die Quote der Zeitarbeiter liege bei nur zehn Prozent. Zudem gelte „equal pay“ – Leiharbeiter und Stammbelegschaft bekämen denselben Stundenlohn.

Einen Betriebsrat jedoch gibt es an keinem Standort. Es ist allerdings auch auch nichts zu hören von Gründungsversuchen, die vom Unternehmen torpediert wurden. „Ich hätte überhaupt keim Problem damit, wenn die Mitarbeiter Betriebsräte gründen wollten“, sagt Geschäftsführer Schröder zum Thema, „vielleicht ist das einfach eine Frage der Zeit“.