Pferdefleisch. Immer noch. Eier aller Art, ein ganz großer Etikettenschwindel. Und schließlich auch noch ein Futtermittel mit Schimmelpilz, als Zugabe quasi. Krebserregend, aber irgendwie nicht wirklich schlimm. Sagen die Behörden. Gefahr für den Verbraucher: „unwahrscheinlich“.
Es war also mal wieder eine richtig schöne Lebensmittelskandalwoche. Montag früh hängt bei Edeka schon ein Zettel über dem Eierstand: „Liebe Eierkunden, aus aktuellem Anlass möchten wir Ihnen Folgendes mitteilen: … nicht betroffen.“ Schon wieder, denkt Herr Eierkunde, der seinem rühreiliebenden Sohn ganz gerne mal zwei in die Pfanne haut vor Schulbeginn. Bio-Eier natürlich, für die lieben Kleinen nur das Beste.
Falsches Eier-Label
Zu Hause liest man also schleunigst Zeitung: „Betrug im Stall: Millionen Bio-Eier falsch deklariert? Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 150 Betriebe in Niedersachsen.“ Das ist nun ein doppelter Etikettenschwindel. Zum einen haben offenbar ziemlich viele Bauern bundesweit ihre Kunden übers Ohr gehauen, indem sie ihre Hühnereier unter falschem Label und damit zu einem überhöhten Preis verkauft haben.
Zum anderen sind es natürlich nicht nur, wie die Zeitungen behaupten, Bio-Eier, mit denen die Verbraucher betrogen wurden. Auch mit konventionell erzeugten Eiern wurde offenbar Schindluder getrieben. In ein paar Wochen wollen die Staatsanwälte dann Genaueres bekannt geben. Aber so lange kann natürlich kein Politiker warten. Und ein rühreiliebender Elfjähriger schon gar nicht.
Also rücken wir unserem Ei doch mal auf die Schale. Wo kommt das eigentlich her? Mithilfe von Verpackung und Stempel kann der Verbraucher ziemlich genau nachverfolgen, wer einem was verkauft beziehungsweise untergejubelt hat. In diesem Fall: Die „Nessendorfer Mühle“, so steht es auf der Packung, auf der die Hühner durch ein grünes Bauernhof-Idyll laufen, dass es nur so eine Freude ist. Aber man ist jetzt natürlich erst mal skeptisch.
Ein Eier-Bauer zum Anfassen
Der persönliche Google-Test erweist: Jawohl, die „Nessendorfer Mühle“ gibt es zumindest virtuell. Sie hat eine Homepage. Und wenn man bei der hinterlegten Telefonnummer anruft, dann nimmt auch gleich jemand ab. „Schultz“. Kurt Schultz, genauer gesagt. Mein Eierbauer ganz höchstpersönlich. Und, ja, natürlich darf man vorbeikommen, gar kein Problem.
Die Politik ist allerdings noch schneller als ein VW Golf. Niedersachsen, wo der Etikettenschwindel aufgeflogen ist, hat schließlich gerade eine neue Landesregierung bekommen. Rot-Grün, mit einem sehr ehrgeizigen jungen Landwirtschaftsminister. Christian Meyer, der sich beim Sprechen gelegentlich selbst überholt, so schnell ist der, immer wenn es um gesunde Ernährung, fiese Massentierhaltung und strengere staatliche Kontrollen geht.
Auch mit Gesetzesinitiativen ist Meyer zügig bei der Hand. Schon am Dienstag dieser Woche weiß er, welche „Konsequenzen aus dem Legehennenbetrug auf Landes- und Bundesebene“ zu ziehen sind. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem die zuständige Staatsanwaltschaft Oldenburg die Ermittlungen noch längst nicht beendet haben.
Es gilt die Unschuldsvermutung
Ermittelt wird bekanntlich häufig in Deutschland, gegen Bauern wie gegen ehemalige Bundespräsidenten. Gelegentlich ergibt sich aus solchen, in der Regel langwierigen Ermittlungen auch ein Gerichtsverfahren, manchmal ein Urteil. Bis dahin gilt theoretisch die Unschuldsvermutung. Aber so lange kann man natürlich nicht warten in der Politik.
Also will Minister Meyer jetzt, gleich, sofort etwas für mich und meinen elfjährigen Eieresser tun: „Verbraucherschutz stärken“ ist die Devise der Woche. Meyer will dazu das „Legehennenbetriebsregistergesetz“ ändern, „konkrete Tierschutzvorgaben für die Haltung von Junghennen etablieren“, „das Öko-Landbaugesetz“ ändern. Initiativantrag, Bundesrat, alles zack, zack. Schon an diesem Freitag. Schnell soll es gehen. Findet Meyer.
„Aktionismus“, findet Bauer Schultz. Man ist hier oben gerade ganz froh darüber, Schleswig-Holsteiner zu sein und nicht Niedersachse. Zum einen hat das Nachbarbundesland, so berichtet jedenfalls Schultz, als Lebensmittellieferant mittlerweile einen ziemlich schlechten Ruf: „Kommt gleich hinter Holland.“ Viele qualitätsorientierte Händler bestünden deshalb mittlerweile darauf, dass die Eier nicht aus Niedersachsen kommen.
Zum anderen, ergänzt Bärbel Sondermann-Schultz, die Bäuerin, habe man hier oben mit Robert Habeck zwar auch einen grünen Landwirtschaftsminister. Aber der wisse, Gott sei dank, ganz genau, dass man mit Bio-Landbau allein nicht alle Menschen satt bekommen würde. Habeck habe im Gegensatz zu vielen anderen Politikern Ökonomie und Ökologie im Blick.
Höfe mit Zukunft
Bauer Schultz also, unser Eierlieferant. Sitzt mit Frau und Nachwuchsbauer an einem großen Ulmentisch in einem kleinen Bauernhaus und sieht nun wirklich nicht aus wie ein Eierbetrüger. Die Schultzens gleichen eher jener Bilderbuchbauernfamilie, die auch Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer wohl vor Augen hat, wenn er über die bäuerliche Landwirtschaft der Zukunft nachdenkt. Kleinere, familiäre Betriebe, mehr Regeln, mehr Sicherheit.
Obwohl: Die Kontrollen, gerade bei Bio-Eiern, seien schon jetzt sehr engmaschig, findet Familie Schultz in sehr geschlossener Formation. Eine große angekündigte Kontrolle pro Jahr mit allem Papierkram, jedem Lieferschein. Dazu vier kleinere, stichprobenartige Kontrollen jährlich, unangekündigt, zählen sie gemeinsam auf. „Mehr“, meinen die Schultzes, die ihren Betrieb derzeit in dritter Generation führen, „kann man wirklich nicht machen.“ Die „Nessendorfer Mühle“ ist – selbst im grau-grauen Spätwinter 2013 – kein Etikettenschwindel. Man kriegt, was auf der Packung draufsteht. Oder?
Ein neuer großer Bio-Hühnerstall ist in Planung, und Jasper Schultz, der Jungbauer, ist fest entschlossen, die „Nessendorfer Mühle“ auch in vierter Generation weiterzuführen. Nun muss man sagen, dass Schultzes mit ihren insgesamt rund 21.000 Hühnern auch eine sehr zuverlässige, auch verständige Kundschaft haben. Wenn man Koteletts für 2,99 Euro das Kilo verkaufen wolle, müsse der Händler den Grossisten, der Grossist den Bauern und der Bauer schließlich den Futterlieferanten quälen. Billig, billiger, noch ein Cent. Und schon hat man: Pferd in der Lasagne, zu viele Hühner im Stall, ein paar zigtausend Tonnen schimmelpilzverseuchtes Futtermittel im Umlauf, schön preisgünstig importiert und angeliefert aus Serbien.
„Wir produzieren“, sagt Bauer Schultz mit einer winzigen Prise Resignation, „was der Verbraucher verlangt.“ Dann drückt er einem noch eine Zehnerpackung Eier in die Hand. Fürs Sonntagsfrühstück. Es gibt wieder Rührei, mein Sohn!




