Höhere Strompreise

Vattenfall - „Wir machen Inkasso für den Staat“

Vattenfall erhöht die Strompreise in Berlin wie nie zuvor. Vertriebsleiter Rainer Wittenberg erklärt, warum das aus Konzernsicht nötig ist.

Foto: Vattenfall Europe AG

Rainer Wittenberg leitet den Vertrieb von Vattenfall. Einen höheren Preissprung als zum 1. Januar 2013 hat der Versorger noch nie verkündet. Im Gespräch mit Hans Evert sagt Wittenberg, warum das aus Unternehmenssicht unumgänglich ist.

Morgenpost Online: Herr Wittenberg, vor einem Jahr erhöhte Vattenfall die Preise um sieben Prozent. Womit müssen die Kunden ab 2013 rechnen?

Rainer Wittenberg: In Berlin wird der Preis für die Kilowattstunde um 3,52 Cent erhöht. Das entspricht einer Preiserhöhung in der Grundversorgung von 12,8 Prozent, wenn man einen durchschnittlichen Jahresverbrauch von 2200 Kilowattstunden unterstellt.

Das ist beachtlich. Ist das alles mit der Energiewende und der Umlage für Erneuerbare Energie zu erklären?

Preiserhöhungen sind für Kunden immer lästig, diese aber ist belastend. Diese ist die Höchste von Vattenfall bisher. Wenn wir uns das Preisplus von 12,8 Prozent anschauen, dann entfallen davon elf Prozentpunkte auf Steuern und Abgaben. Die restlichen 1,8 Prozentpunkte sind der gestiegene Vattenfall-Anteil für Service und Beschaffung. Allein durch Steuern und Abgaben ergeben sich für unser Netzgebiet eine Kostensteigerung um 3,04 Cent je Kilowattstunde – inklusive der Mehrwertsteuer. 0,48 Cent sind Inflationsausgleich und regulatorische Kosten. Im Vergleich der deutschen Großstädte ist der Strom in Berlin aber immer noch preiswert.

Wie viel Euro mehr muss denn jetzt der durchschnittliche Stromverbraucher in Berlin zahlen?

Bei 2200 Kilowattstunden Jahresverbrauch sind das 6,45 Euro mehr im Monat. Übersetzt heißt das: 5,57 Euro davon gehen auf Steuern und staatliche Umlagen zurück. Wenn Sie so wollen, machen wir Inkasso für den Staat.

Einerseits heißt es immer, Ökoenergie drückt die Strompreise an der Börse. Andererseits wird Strom mit Verweis auf die EEG-Umlage stetig teurer. Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Im Vergleich zum Anteil der Steuern und Umlagen fallen Börsenpreisänderungen so gut wie nicht ins Gewicht. Der Preisvorteil durch sinkende Kurse an der Strombörse macht vielleicht 0,5 Cent je Kilowattstunde aus – Steuern und Abgaben zwischen 13 und 15 Cent. Sie sehen ja selbst 0,5 Cent von 28 – das ist kein wirklich spürbarer Effekt. Von dieser Seite kann man kaum Preisdämpfung erwarten.

Haben Sie schon kalkuliert, wie viele Ihrer 1,6 Millionen Kunden in Berlin Sie verlieren werden?

Ich glaube, dass wir unsere Marktführerschaft verteidigen und somit unsere Kundenbasis halten können. Wir sind hier der Grundversorger und müssen als erster mit unseren Preisen rausrücken. Jetzt bekommen wir dafür zwei, drei Monate öffentlich Prügel; es werden auch Verbraucher kündigen. Doch ich versichere Ihnen, wenn Sie Anfang nächsten Jahres die einschlägigen Preisvergleichsportale konsultieren, werden Sie sehen: Die Konkurrenz hat nachgezogen und wir liegen im Vergleich mit seriösen Anbietern auf einer Spitzenposition. Denn die Belastung durch die Steuern und Abgaben sind für alle Wettbewerber gleich. Viele Kunden, die mal gewechselt sind, haben gemerkt, dass eine Reihe von Anbietern mit unseriösen Preisversprechen und verdeckten Kosten werben. Wer das erlebt hat, kommt oft zu uns zurück. Deswegen ist unsere Kundenbasis stabil.

Die Energiepreise steigen seit Jahren drastisch. Steigt auch die Zahl derjenigen, die nicht mehr zahlen können?

Bislang können wir keinen signifikanten Anstieg feststellen. Aber wir sind als Grundversorger daran interessiert, dass Strom bezahlbar bleibt. Denn im Gegensatz zu unseren Konkurrenten können wir keinen Kunden ablehnen. Wir arbeiten mit Wohlfahrtsverbänden zusammen und beraten zur Energieeinsparung. Bei uns kann man zudem Produkte kaufen, die den Stromverbrauch spürbar senken.

Wie viel Kunden können denn aktuell nicht zahlen, sind säumig oder werden gar abgeschaltet?

Jedes Jahr sperrt der Verteilnetzbetreiber rund 20.000 mal einen Zähler beim Kunden aller Stromvertriebe in Berlin. Das ist die Gesamtzahl, inklusive aller üblichen Gründe wie Umzüge, Hausabriss, Sanierung oder eben Säumigkeit. Sie ist seit Jahren konstant und kein Zusammenhang zu steigenden Strompreisen zu erkennen. Es gibt auch keinen signifikanten Anstieg der Zahl von Mahnungen.

Es wird über Stromarmut gestritten. Aus Ihrer Sicht eine berechtigte Sorge?

In jedem Fall. Wir beobachten die Preissprünge, die aus der Entwicklung der Steuern und Abgaben entstehen, sehr kritisch. Natürlich haben wir auch Kunden, die ihre Energiekosten nur schwer aufbringen können. Die Politik steht vor der Herausforderung, die kommenden Lasten der Energiewende fair verteilen zu müssen. Wir sehen einen wachsenden Handlungsbedarf für eine Entlastung Einkommensschwacher.

Die Enttäuschten können einfach wechseln.

Jeder sollte jetzt schauen, ob er beim richtigen Versorger ist. Aber es gibt Anbieter die schlicht unseriös sind, wo es für Kunden völlig undurchschaubar ist, wie hoch die wirklichen Kosten sind. Arbeitspreis, Grundpreis und ein Neukundenbonus – dagegen kann man nichts sagen. Eine ganze Reihe von Anbietern betreibt jedoch verschleierten Betrug. Da finden Sie Paketangebote, wo jede mehr verbrauchte Kilowattstunde zum horrenden Preis verkauft wird, oder Wechsel-Boni, die nicht ausgezahlt werden und vieles mehr. Trotzdem tauchen diese Anbieter bei den bekannten Vergleichsportalen im Internet oft an der Spitze auf.

Aus Ihren Äußerungen spricht Eigennutz.

Die Leute sollten sich klar darüber sein, dass die staatlich erzwungenen Kosten der Energiewende kein Anbieter ignorieren kann. Somit bleibt nur wenig Spielraum für Preispolitik. Am meisten erreichen Kunden aber ohnehin durch das Einsparen von Strom – und da bieten wir eine Vielzahl von Produkten in unserem Internetshop. Die nicht verbrauchte Kilowattstunde spart das meiste Geld.

Wie ist es eigentlich mit Ökostrom. Wird der von den Kunden noch gewünscht?

Ja. Ein Viertel unserer Neukunden wählen Grünstrom. Wir fördern das natürlich besonders durch Marketing und bemühen uns, dass der Preis für unseren Ökostrom nahe am Graustrom-Produkt ist.

Der Strompreis steigt; die Energiewende ist längst nicht geschafft. Gibt es eine Chance, dass Sie mal Preise senken werden?

Ich glaube nicht, dass die Strompreise aufgrund der Rahmenbedingungen sinken werden. Wenn Sie sich den durchschnittlichen Preis pro Kilowattstunde in der Berliner Grundversorgung anschauen, ist der Anteil den wir verantworten, seit 1998 bis heute nahezu konstant. Der staatliche Anteil im gleichen Zeitraum ist von 3,95 Cent auf 15,37 Cent im Jahr 2013 geschnellt. Und die Energiewende wird dafür sorgen, dass der staatlich veranlasste Preisbestandteil weiterhin der Preistreiber bleibt. Hier ist der Staat in der Pflicht, die Energiewende sozialverträglich zu gestalten.