Nahrungsmittel

Warum die Preise für Milch bei Aldi & Co. steigen

Die Produktion von Milch stagniert, die Nachfrage steigt - und damit der Preis. Auch Joghurt, Sahne und Quark werden teurer.

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Wären Aktien und Anleihen die Handelsware von Erhard Buchholz, man würde ihn neudeutsch Broker nennen. Mischte Buchholz im überdrehten Berliner Häusermarkt mit, wäre er Immobilienmakler. Aber der Geschäftsgegenstand von Buchholz ist flüssig und weiß. Man könnte jemanden wie Eberhard Buchholz einen Milchmakler nennen. In jedem Fall zählt der Geschäftsführer der Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft mbh zu jener raren Spezies, die in einer Großstadt von einem steigenden Milchpreis profitiert. „Früher waren die Molkereien oft froh, wenn sie uns nicht sahen“, scherzt Buchholz. Derzeit kann er wirklich nicht klagen.

Denn der Preis für Milch steigt, und davon hat auch sein Unternehmen samt den 14 Mitarbeitern etwas. Eberhard Buchholz ist aber in diesem Milliardenmarkt ein kleiner Dienstleister. Die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft kauft Milch von Bauern und veräußert sie an Molkereien – ein klassischer Zwischenhändler. Gegründet wurde sie 1909 aus der Sorge heraus, dass die Versorgung der schnell wachsenden Metropole mit Milch ein Problem werden könnte. In Zeiten geschlossener Kühlketten und hocheffizienter Nahrungsmittelproduktion besteht die Sorge kaum noch. Heute geht es fast ausschließlich um den Preis.

Und der steigt, darauf haben sich Großmolkereien und Einzelhändler in ihrer Verhandlungsrunde geeinigt. Aldi reicht das Verhandlungsergebnis als Erster an die Kunden durch und erhöht den Literpreis für Frischmilch bei Aldi Süd um neun auf 60 Cent. Fettarme Milch kostet dann 54 statt bisher 45 Cent und auch H-Milch wird um neun Cent je Liter teurer. Bis die Konkurrenten nachziehen und ebenfalls neue Preisschilder an die Supermarktregale kleben, ist es nur eine Frage der Zeit. Neben der Trinkmilch werden wohl auch Joghurt, Sahne, Quark teurer. Darüber werde zum Teil noch verhandelt, heißt es beim Milchindustrieverband, der Interessensvertretung der Molkereien. Käse hingegen bleibt von der Preisrunde unberührt.

Verhandlungspoker

Zweimal im Jahr kommen die Milchverarbeiter mit den Einzelhandelsriesen von Aldi, Edeka, Tengelmann und Co. zusammen. Es wird gerangelt, gepokert, paktiert und dann stehen jeweils zum 1. Mai und 1. November die Preise fest, zu denen die Ketten den Molkereien Milch abkaufen. Das Auf und Ab, letztlich Nachfrage und Angebot, unterliegt im Milchmarkt vielen Einflüssen. Am Ende eines Jahres liefern die Kühe weniger Milch. In diesem Jahr kommen weitere Faktoren hinzu: ein warmer Sommer in Deutschland und Dürre in den USA beispielsweise. Eine Faustregel lautet: Nach fünf Tagen Hitze gibt die Kuh weniger Milch – und zwar für eine ganze Weile. „Die Produktionsmenge hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht erhöht. Die Nachfrage nach Milchprodukten schon“, sagt Björn Börgermann vom Milchindustrieverband.

Beim Poker mit den Einzelhandelsketten half das. Milch und Milchprodukte zu vermarkten sei derzeit kein Problem, sagt Börgermann. „Die Molkereien hatten eine gute Verhandlungsposition.“ Also wanderte im Herbst 2012 die Marktmacht von den Supermarktketten und Discountern zu den Milchverarbeitern und den Bauern. Diese besitzen über Genossenschaften gut zwei Drittel der deutschen Molkereien. Begehrt sind ihre Produkte – vom Milchpulver über Joghurt bis zu Käse – auch jenseits der Grenzen.

Hohe Nachfrage im Ausland

Gut 40 Prozent der Milchproduktion zwischen dem Allgäu und Vorpommern werden ins Ausland verkauft. Das ist auch ein Zeichen steigenden Wohlstands. In Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas wächst der Hunger nach Joghurt und Käse. Zudem wird mehr Fertignahrung gekauft – auch darin finden sich natürlich Molkereiprodukte. Und die Produkte deutscher Milchverarbeiter profitierten vom guten Image, das Waren „made in Germany“ weltweit genießen, wie Börgermann sagt. Der Erfolg im Ausland verringert ein wenig die Abhängigkeit von den harten Großeinkäufern und Preisverhandlern der deutschen Einzelhandelsketten. Wegen deren Preispolitik hatten im Jahr 2008 Bauern gestreikt und symbolträchtig Milch ins Abwasser gekippt.

Der Bauernverband nennt die vereinbarten Preiserhöhungen „überfällig“. Börgermann vom Milchindustrieverband verweist – die Landwirte tun dies auch – auf gestiegene Kosten, vor allem für Diesel, Energie und Futtermittel. Nun werden die Kosten der Landwirte durch die Preiserhöhung kompensiert. Laut Bauernverband erhalten die Milchproduzenten derzeit durchschnittlich 29,3 Cent pro Liter Milch. Vergangenes Jahr lag dieser Preis bei rund 35 Cent pro Liter Milch.

Milchmakler Erhard Buchholz betrachtet das Auf und Ab der Preise mit Gelassenheit. „Wir schwimmen im Markt mit“, sagt Buchholz. Milch ist an manchen Tagen ein verrücktes Geschäft. Er hat es sich abgewöhnt, über die Nachfrage zu spekulieren. „Ich verfalle auch nicht ins Jubeln, wenn es mal vier Wochen gut läuft“, sagt er. Vorhersagen könne man die Marktentwicklungen kaum. „Wer das behauptet“, sagt Buchholz, „ist ein Lügner.“