Die öffentlichen Schulden in den reichen Ländern befinden sich nach den Worten von IWF-Chefin Christine Lagarde auf einem so hohen Stand „wie in Kriegszeiten“. Die immense Verschuldung der öffentlichen Haushalte sei die größte Gefahr für die Weltwirtschaft, sagte Lagarde am Freitag bei der IWF-Jahrestagung in Tokio. Die Schulden beliefen sich im Schnitt auf 110 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Die Überwindung der Krise sei „unglaublich schwierig“, sagte Lagarde in der japanischen Hauptstadt vor den Vertretern der 188 Mitgliedsstaaten des Internationalen Währungsfonds. Es sei wichtig, „den richtigen Rhythmus“ für den Abbau der Schulden zu finden. „Das ist ein schmaler Weg, wahrscheinlich ein langer Weg, für den es keine Abkürzung gibt.“
Lagarde will Wachstum nicht der Sparpolitik opfern
Weiter warnt die Direktorin des Internationalen Währungsfonds davor, das Wachstum der Sparpolitik zu opfern. Lagarde erklärte, die Krisenbewältigung müsse Priorität haben. Mittelfristig müssten die Schulden gesenkt werden. Strukturelle Reformen seien dann nötig, um langfristiges Wachstum sicherzustellen, erklärte sie weiter.
„Das ist das Paket, das benötigt wird“, sagte Lagarde. „Ohne Wachstum ist die Zukunft der Weltwirtschaft in Gefahr.“ Die weltweite wirtschaftliche Erholung sei noch zu schwach. Für Millionen Menschen seien die Aussichten auf einen Arbeitsplatz noch immer zu schlecht, die Kluft zwischen Armen und Reichen sei noch immer viel zu groß.
Sowohl Lagarde als auch Weltbankpräsident Jim Yong Kim betonte, ohne größere Gerechtigkeit und Gleichheit sei Wachstum nicht nachhaltig. Die Proteste des Arabischen Frühlings hätten gezeigt, dass Wachstum Arbeitsplätze für Junge und Frauen bringen müsse.
Schäuble und Lagarde kreuzen die Schwerter
Lagarde und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble haben ihre Meinungsverschiedenheiten in der Frage einer Verlängerung des Frist für Griechenlands zur Haushaltssanierung unterdessen deutlich gemacht. Lagarde sprach sich am Freitag bei einer BBC-Diskussion am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank dafür aus, Griechenland angesichts erreichter großer Fortschritte mehr Zeit zu geben. „Ein bisschen mehr Zeit ist nötig“, sagte sie.
Schäuble dagegen betonte, erst einmal solle der Bericht der Troika abgewartet werden, ehe man Entscheidungen in Sachen Griechenland trifft. „Wir sollten nicht darüber spekulieren“, warnte er. Das schaffe nur neue Unsicherheiten. Im Übrigen sei die Lage in Griechenland einzigartig in Europa und nicht mit anderen Krisenfällen zu vergleichen. Auch im Konflikt zwischen Haushaltssanierung und Wachstumsförderung äußerte sich Lagarde flexibler als Schäuble, der unterstrich, nachhaltige Finanzen seien eine Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum.
Reuters/dapd/AFP/nbo

