DIW-Studie

Frauenanteil in den deutschen Chef-Etagen steigt

Eine Studie des DIW zeigt, dass der Anteil weiblicher Chefs steigt. Ihre Gehälter sind geringer, dafür die Belastung im Privatleben größer.

Der Anteil der weiblichen Führungskräfte in der Wirtschaft ist in den vergangenen zehn Jahren von 22 auf 30 Prozent gestiegen. In der Top-Etage allerdings sind Frauen nach wie vor eine Seltenheit, wie der Führungskräfte-Monitor 2012 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt: Lediglich drei Prozent der Vorstände der 200 größten Unternehmen sind weiblich.

Doch selbst die Frauen, die auf der Karriereleiter nach oben geklettert sind, haben im Regelfall nicht mit den Männern gleichgezogen: So zeigt die Studie, die Morgenpost Online vorliegt, dass weibliche Führungskräfte nach wie vor deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen. Die durchschnittliche Verdienstlücke beträgt 21 Prozent. So kamen die Frauen im Schnitt auf 3859 Euro, die Männer erzielten 4910 Euro. 2001 machte der Unterschied allerdings noch 30 Prozent aus. Auch bei nicht monetären Leistungen wie Bereitstellung eines Handys, eines Firmenwagens oder bei Essenszuschüssen liegen die Frauen deutlich zurück.

Die Studie kommt zum rechten Zeitpunkt: Neben der deutschen Debatte über die Schaffung einer fixen bzw. einer flexiblen Frauenquote macht EU-Justizkommissarin Viviane Reding mit ihren Plänen für eine Frauenquote in den Aufsichtsräten von Konzernen Tempo. Bis zum 1. Januar 2020 sollten 40 Prozent aller Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen von Frauen besetzt.

Die Arbeitszeiten der Frauen sind auch in den herausgehobenen Positionen weiterhin kürzer als die der Männer. Frauen in Führungspositionen brachten es 2010 auf durchschnittlich 40 Wochenstunden, die Männer dagegen auf 47 Stunden pro Woche. Hier spiegelt sich auch eine höhere Teilzeitquote der Frauen wieder. Betrachtet man nur die Vollzeitkräfte in höheren Positionen, so arbeiten die Frauen 45 Stunden gegenüber 47 Stunden bei den Männern. Sehr lange Arbeitszeiten von über 50 Stunden werden in Führungspositionen fast ausschließlich von Männern ausgeübt. 14 Prozent dieser Männer arbeiten mehr als 60 Stunden wöchentlich.

„Die Kultur in Unternehmen ist vielfach noch immer so, dass in Führungspositionen Präsenz gefordert wird. Überlange Arbeitszeiten sind jedoch bekanntermaßen nicht unbedingt effektiv“, sagt die Studienleiterin Elke Holst. Die Anwesenheitskultur könne aber auch zu einer Methode werden, Wettbewerberinnen hinter sich zu lassen, die etwa aus familiären Gründen weniger Zeit für den Job aufbringen könnten.

Eher zweite als erste Reihe

Das DIW zählt zu den Führungskräften einerseits die Angestellten in leitenden Positionen mit umfassenden Führungsaufgaben und andererseits Angestellte mit hochqualifizierten Tätigkeiten wie Ingenieure oder Abteilungsleiter. Insgesamt gibt es nach dieser Definition in der Privatwirtschaft knapp vier Millionen angestellte Führungskräfte. Frauen sind dabei eher in der zweiten als in der ersten Reihe zu finden. Auch haben weibliche Führungskräfte im Durchschnitt mit 20 Beschäftigten weniger Untergebene als ihre männlichen Kollegen, die auf 33 Mitarbeiter kommen.

In puncto Bildung haben die weiblichen Führungskräfte die männlichen Kollegen eingeholt. Allerdings verfügen die Karrierefrauen im Durchschnitt über eine drei bis vier Jahre kürzere Berufserfahrung als die männlichen Führungskräfte. Entsprechend sind die erfolgreichen Frauen auch vier Jahre jünger als die männlichen Kollegen: Im Durchschnitt waren 2010 die weiblichen Führungskräfte 40 Jahre, die männlichen 44 Jahre alt.

Besonders groß sind die Geschlechterunterschiede, wenn man auf das Privatleben der Führungskräfte schaut. So leisten Frauen in Toppositionen deutlich mehr Familien- und Hausarbeit als Männer. Nur jede fünfte männliche Führungskraft übernimmt Hausarbeit, aber 60 Prozent der weiblichen Führungskräfte leisten neben ihrem Beruf auch zu Hause einen großen Teil der Arbeit. Und während nur 43 Prozent der Karrierefrauen verheiratet sind, gilt dies für fast zwei Drittel der Männer in Führungspositionen.

Auffallend ist, dass Frauen eher Karriere machen, wenn sie nicht in einem typischen Frauenberuf beschäftigt sind. So war 2010 nur gut jede vierte Frau in einer Führungsposition in einem Frauenberuf tätig. Bei Männern ist es genau umgekehrt: Die Mehrheit der Karrieremänner arbeitet in einem typischen Männerberuf.

„Die gestiegenen Bildungs- und Erwerbsbeteiligung hat dazu geführt, dass immer mehr qualifizierte Frauen in der Pipeline stehen und Spitzenpositionen besetzen können“, heißt es in der DIW-Studie. Forscherin Holst: „Der Frauenanteil in Führungspositionen wird in absehbarer Zeit nicht automatisch gravierend steigen, dafür ist vielmehr eine umfassende Änderung der Unternehmenskultur nötig.“ Vor allem müsse das Management einen höheren Frauenanteil in Toppositionen zum Unternehmensziel erklären und einen verbindlichen Zeitplan erstellen. Ein entsprechender Prozess werde zudem nur in Gang gesetzt, wenn alle Ebenen mit einbezogen würden und das Ziel mit entsprechenden Anreizen und Sanktionen durchgesetzt würde.

Die DIW-Studie weist darauf hin, dass sowohl weibliche als auch männliche Führungskräfte lieber kürzere Wochenarbeitszeiten hätten. „Die Wahrnehmung von familienfreundlichen Arbeitsformen sollte kein Karrierehindernis sein“, fordern die Autoren. Die Unternehmen sollten auch bei Männern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern.

Der Anteil weiblicher Führungskräfte ist in kleineren Unternehmen deutlich höher als in Großunternehmen. „Größere Unternehmen werden fast immer von Männern geführt. Zudem sind sie meist älter und weniger flexibel als kleinere Unternehmen“, sagt DIW-Expertin Holst. Eine Änderung traditioneller Strukturen könnte dadurch schwerer sein. Da die traditionellen Rollenbilder im Osten weniger stark ausgeprägt seien als im Westen seien Frauen überdies in den neuen Bundesländern weit häufiger in höheren Positionen anzutreffen als im Westen.