Burn-out-Gefahr

DGB prangert zunehmenden Stress am Arbeitsplatz an

Die Zahl der Arbeitnehmer, die im Job unter Arbeitshetze und Verdichtung leiden, nimmt stetig zu. Jeder Zweite geht krank zur Arbeit, zwei Drittel der Beschäftigten machen regelmäßig Überstunden.

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Die Deutschen leiden nach einer Umfrage der Gewerkschaften zunehmend unter Arbeitsverdichtung und Hetze im Beruf. Die klassische Grenze, die das Erwerbsleben von dem privaten Leben trennt ist danach deutlich verwischt – und zwar in allen Unternehmensbereichen und auf allen Hierarchieebenen.

Eine Befragung von mehr als 6000 Arbeitnehmern über ihren Arbeitsalltag ergab nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) „besorgniserregende“ Ergebnisse. So gaben 52 Prozent der Befragten an, sie müssten sehr häufig gehetzt arbeiten.

63 Prozent berichteten, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit arbeiten müssten. „Stress bei der Arbeit ist also keine Ausnahme, sondern zur Regel geworden“, klagte DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. „Der Druck nimmt zu.“ Zwei Drittel der Beschäftigten leisteten Überstunden, jeder Fünfte mehr als zehn pro Woche.

Alle Branchen sind betroffen

Zudem zerfliessen die Grenzen zur Arbeit: Gut ein Viertel muss danach häufig auch in der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein. Jeder Siebte arbeitet in seiner Freizeit unbezahlt für den Arbeitgeber. Einem Drittel fällt es schwer, nach der Arbeit abzuschalten. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass sie mehr als einmal zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich „richtig krank“ gefühlt hätten.

Arbeitshetze sei dabei nichts, was auf einige Problembranchen oder Beschäftigte mit speziellen Arbeitsanforderungen beschränkt wäre. Gleichwohl seien bestimmte Gruppen überdurchschnittlich betroffen.

Frauen in Vollzeitjobs (58 Prozent), Vorgesetzte (60 Prozent) und Beschäftigte mit langen Arbeitszeiten von 45 Stunden und mehr die Woche (66 Prozent). Nach Branchen erreicht der Anteil der Gehetzten im Gastgewerbe mit 70 Prozent einen Spitzenwert, gefolgt vom Gesundheits- und Sozialbereich (65 Prozent) und dem Baugewerbe (60 Prozent).

DGB-Vorstand Buntenbach forderte eine bessere Arbeitsorganisation, um Stress am Arbeitplatz abzubauen . IG-Metall-Vorstand Jürgen Urban kündigte eine „Anti-Stress-Initiative“ seiner Gewerkschaft an. In den Betrieben sollten psychische Gefährdungen ermittelt und die Prävention gestärkt werden. „Gut gestaltete Arbeitsbedingungen sind die beste Burnout-Prävention und letztlich auch die einzig wirksame.“

Von der Leyen soll Anti-Stress-Verordnung verabschieden

Urban warnte davor, das Problem zu unterschätzen: „Das Gefühl, gehetzt zu sein, ist ein Faktum, das genauso hart ist und genauso ernst zu nehmen ist, wie das Resultat einer Blutdruckmessung oder Gefahrstoff-Analyse.“

Er forderte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen auf, das Arbeitsschutzrecht durch eine „Anti-Stress-Verordnung“ zu ergänzen. Edeltraud Glänzer von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sah durch die Umfrage zwei Megatrends in der Arbeitswelt bestätigt: wachsender Zeit- und Leistungsdruck sowie die Entgrenzung von Leben und Arbeit.

In immer kürzeren Zeitabständen werde eine immer höhere Arbeitsleistung verlangt. Um die Effizienz der Beschäftigten zu steigern, setzten die Unternehmen auch auf eine höhere Selbststeuerung, etwa über Zielvereinbarungen oder Projektarbeit.

Wenn die Beschäftigten dann für die Erreichung der vorgegebenen Ziele über zu wenig Ressourcen verfügten, könne es schnell zu psychischen Fehlbelastungen und gesundheitlichen Gefährdungen kommen.

Der DGB wies daraufhin, dass die Fehlzeiten in den Betrieben aufgrund psychischer Leiden um 80 Prozent gestiegen seien. Bei rund 40 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer, die als vermindert erwerbsfähig anerkannt seien, sei eine psychische Erkrankung der Grund für eine Erwerbsminderung. „Nicht nur die Krankenkassen warnen: Burnout ist auf dem Vormarsch“, sagte Buntenbach.