Fukushima-Folgen

Wie sich die Japaner aus dem Chaos kämpfen

Beim Wiederaufbau nach der Tsunami-Katastrophe haben Japan seine traditionellen Strukturen geholfen. Doch jetzt gefährden sie die Zukunft.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Die Straße nach Yuriage führt zu einem Ort, den es nicht mehr gibt. Yuriage war einmal ein beschaulicher Fischereihafen an der japanischen Ostküste. Tagesbesucher mieteten hier Fahrräder, um an der Pazifikküste entlangzufahren. Aber am 11. März 2011 verschwand Yuriage von der Landkarte.

Es war der Tag des Tohoku-Seebebens, dessen Epizentrum rund 130 Kilometer vor Yuriage im Meer lag. Das Beben erschütterte den Küstenort, konnte aber dem Großteil der aus Holz gebauten Häuser wenig anhaben. Aber als die gewaltige Flutwelle des Tsunamis über das Fischerstädtchen hinwegrollte, wurden die Gebäude, die das Beben überstanden hatten, von den Wellen in Stücke gerissen.

Die Wassermassen trieben die Trümmer weit ins Landesinnere. Millionen von Fernsehzuschauern weltweit sahen die Bilder aus Yuriage. Heute ist kaum vorstellbar, dass in Yuriage einmal 7500 Menschen lebten. Wo sich vor wenigen Monaten noch das Städtchen ausbreitete, liegen weite schlammige Flächen. Hier und da steht noch ein Haus; viele davon sind nicht mehr bewohnt, die Fensteröffnungen sind notdürftig verklebt. Wo die Wassermassen im März Wände auseinanderrissen, flattern jetzt Plastikplanen. Diese Leere mag trostlos wirken, tatsächlich ist sie aber ein Dokument fast übermenschlicher Leistung.

Denn im März türmten sich hier noch Trümmer und Schutt; an Land gespülte Boote, Autowracks und Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner. Inzwischen ist der Schutt verschwunden, die Straßen sind wieder befahrbar und wer nicht weiß, dass hier einmal eine Stadt stand, würde es kaum vermuten.

Tausende von Helfern aus ganz Japan haben aufgeräumt, zusammen mit den Bewohnern der Gegend. Zu ihnen gehört Isoo Sasaki, der Bürgermeister der Großgemeinde Natori, zu der auch Yuriage gehörte.

Im Treppenhaus des Gemeindezentrums steigen Besucher vermeintlich an moderner Kunst vorbei – erst beim genaueren Hinsehen entpuppen sich die geometrischen Muster als rotes Klebeband, mit dem die Risse in der Wand überklebt wurden. Sasaki berichtet, dass die beiden großen Veranstaltungssäle des Gebäudes seit dem Erdbeben nicht mehr genutzt werden können.

Aber Bürgermeister Sasaki klagt nicht darüber, er weist nur schlicht darauf hin. Und er bedankt sich sehr höflich für den Besuch und das Interesse am Schicksal seiner Gemeinde. "Das Wasser hat unsere Stadt völlig zerstört“, sagt er. Mehr als 900 Menschen in der Kommune starben, fast 150 gelten noch immer als vermisst.

Die Ruhe, mit der Sasaki berichtet, verdeckt, welch Übermenschliches er und seine Kollegen in den vergangenen Monaten geleistet haben; hier, mitten im Katastrophengebiet. In den Wochen nach dem Desaster übernachtete Sasaki in seinem Amtszimmer auf dem Fußboden, so viel gab es zu tun.

Disziplin, Fleiß, Gemeinwohl

Disziplin, extremer Fleiß und das Zurückstehen des Einzelnen zugunsten des Gemeinwohls – diese Wesenszüge der japanischen Gesellschaft haben nach der Dreifachkatastrophe die Welt beeindruckt: Millionen von Fernsehzuschauern sahen am 11. März, wie der wenige Kilometer von Yuriage entfernte Flughafen Sendai von der Flut überrollt wurde.

Es dauerte nur fünf Tage, bis wieder Militärmaschinen auf der notdürftig freigelegten Landebahn aufsetzten. In den Monaten nach der Katastrophe räumten Helfer 25 Millionen Tonnen Schutt und Schrott aus dem Weg, bereits nach sechs Wochen zischten die Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszüge wieder durch die heimgesuchte Region, die Autobahnen waren wieder frei, und in den Häfen legten wieder Schiffe an. Die zunächst unterbrochenen Lieferketten innerhalb der japanischen Wirtschaft waren schneller als erwartet wieder hergestellt.

Es war aber die Nuklearkatastrophe von Fukushima, die der ganzen Welt die Entschlossenheit der Japaner vor Augen führte: Weil das vom Tsunami beschädigte Kernkraftwerk vom Netz blieb und andere Reaktoren nach der Notabschaltung während des Erdbebens nicht wieder hochgefahren wurden, war die Stromversorgung in einigen Regionen des Landes wochenlang kritisch.

Verbraucher verzichten auf Strom

Die Industrie bekam in dieser Zeit vorrangig Stromlieferungen; private Haushalte mussten auf Energie verzichten. In der Region um Tokio wurde nach dem 11. März immer wieder – nach Vorwarnungen – der Strom abgeschaltet. Die Stadt Tokio war davon zwar ausgenommen, aber viele Pendler, deren Vorortbahnen nicht mehr fuhren, mussten ihre Büros früher verlassen oder am Arbeitsplatz übernachten.

Damals, im April, ging die Angst um, dass die Stromnetze im Sommer zusammenbrechen würden, wenn in den heiß-schwülen Monaten die allgegenwärtigen Klimaanlagen normalerweise auf Hochtouren laufen.Allerdings blieben die befürchteten Stromausfälle aus, weil eine ganze Nation begonnen hatte, ihr Verhalten zu ändern. Große Firmen reduzierten ihren Energieverbrauch um 15 Prozent – auch, um Strafen zu vermeiden.

Den ganzen Sommer über liefen die Klimaanlagen nur mit halber Kraft, und in den Großraumbüros, die in den heißen Monaten normalerweise bis auf Kühlschranktemperatur heruntergekühlt werden, herrschten drückende 28 Grad. Die Regierung hatte die Büroangestellten mit einer eigens entwickelten Kampagne darauf vorbereitet: "Super Cool Biz“ warb für eine neue Kleiderordnung in den Hochhäusern.

Statt im normalerweise obligatorischen dunklen Anzug oder Kostüm sollten die Angestellten in Polohemden, Dreiviertelhosen und T-Shirts zur Arbeit kommen. In den Büros schraubten Hausmeister jede zweite Leuchtröhre aus. Viele Firmen begannen den Arbeitstag früher oder verlagerten Arbeit in die Nacht.

Die Autoindustrie machte Donnerstag und Freitag zu freien Tagen und ließ dafür die Fließbänder an den Wochenenden laufen, an denen die Nachfrage nach Energie geringer ist. Die Japaner wandelten sich innerhalb weniger Wochen von einem Volk der gedankenlosen Stromverschwender zu Energiesparern. Zu Hause blieben die Lichter aus, und die geheizten Toilettensitze wurden ausgestöpselt. Die Fernsehsender blendeten permanent in einer Ecke des Bildschirms die aktuelle Auslastung des Stromnetzes ein.

"Japan hat eine hochgradig organisierte Gesellschaft und einen sehr starken sozialen Zusammenhalt“, sagt Marcus Noland, Japan-Experte am Peterson Institute for International Economics. Heute noch informieren sich viele Tokioter per App auf ihren Smartphones über den Status des Stromnetzes, denn die Situation ist immer noch instabil. Von 54 Reaktoren landesweit laufen zurzeit nur noch vier.

Nicht nur Fukushima und andere vom Erdbeben betroffene Kraftwerke bleiben abgeklemmt. In den vergangenen Monaten wurden Dutzende von Reaktoren für Routineuntersuchungen abgeschaltet. Normalerweise werden die Blöcke nach der Überprüfung und der anschließenden Genehmigung der Provinzregierung wieder hochgefahren.

Aber im ganzen Land hat die Angst vor der Atomkraft dafür gesorgt, dass seit dem 11. März 2011 kein einziger Reaktor wieder ans Netz gegangen ist . Sollte diese Situation anhalten, dürfte im Sommer kein einziger japanischer Reaktor mehr am Netz sein. Das Land wäre dann innerhalb eines Jahres aus der Atomenergie ausgestiegen – die zuvor ein knappes Drittel des Stroms geliefert hatte. "Dann ist mit massiven Versorgungsengpässen zu rechnen", sagt Shogo Maeda, der für die Investmentfirma Schroders die japanische Volkswirtschaft beobachtet.

Die Bevölkerung stellt diese Umstellung immer noch vor gewaltige Herausforderungen. Im Herbst fragte eine große Tageszeitung: "Müssen wir für Fukushima frieren?" Es wäre auch ein Frösteln zugunsten der Wirtschaft: Denn die Industrie des Landes wurde zu allen Zeiten mit ausreichend Strom versorgt, sodass die Bänder nie stillstanden.

Unternehmen übernehmen Verantwortung

Die Unternehmen zeigen sich erkenntlich und solidarisch. Zwar sinkt der Anteil der Beschäftigten, die zur sogenannten Stammbelegschaft, den auf Lebenszeit angestellten Mitarbeitern gehören, ständig, trotzdem investieren Firmen in Japan traditionell viel in ihre Angestellten und übernehmen Verantwortung für deren Wohlergehen.

Die japanische Dependence des Chemiekonzerns Bayer beispielsweise hat in der Unglücksregion Labore und ein großes Vertriebsbüro für die Kunden aus der Automobil- und Elektrogeräteindustrie. "Keiner unserer Mitarbeiter wurde verletzt, keines unserer Büros beschädigt", sagt Haruo Kuno, Präsident der Bayer-Tochter MaterialScience. "Aber für unsere Mitarbeiter waren es sehr schwierige Zeiten."

Die Firma brachte die Beschäftigten und deren Familien nach der Naturkatastrophe ins rund 600 Kilometer südlicher gelegene Osaka und versorgte sie dort. Im November finanzierte das deutsch-japanische Unternehmen ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Unglücksgegend. Die enge Bindung japanischer Firmen untereinander hat in der Zeit nach der Dreifach-Katastrophe viele Mittelständler in der Region vor der Pleite bewahrt.

Insbesondere die Beziehungen der großen Industriekonzerne zu ihren Zulieferern gehen weit über sonst in der Welt übliche Geschäftsgepflogenheiten hinaus: Häufig forschen Unternehmen gemeinsam und es ist üblich, dass Manager in der jeweils anderen Firma arbeiten.

Die Bindung ist eng, weil beide Seiten aufeinander angewiesen sind, so auch nach dem Beben. "Toyota, Sharp und all die anderen großen Firmen haben ihren kleineren Partnern gewaltig geholfen", sagt Bayer-Manager Kuno. Er schätzt, dass auch deshalb die industrielle Infrastruktur praktisch wiederhergestellt ist.

Erstaunlich schnelle Erholung

Die erstaunlich schnelle Erholung zeigt sich jetzt in den Konjunkturdaten für 2011. Zwar hatte die Natur- und Atomkatastrophe Japan zunächst in eine Rezession gestoßen, aber bereits im Sommer begann die Wirtschaft wieder zu wachsen. Insgesamt ist sie nur um ein knappes Prozent geschrumpft und damit weniger stark als erwartet.

Der Wiederaufbau wirkt wie ein Konjunkturprogramm: Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,7 Prozent zulegen wird – weit schneller als in anderen wohlhabenden Volkswirtschaften.

Die Eigenschaften und Eigenarten, die Japan innerhalb weniger Jahrzehnte zur zeitweise zweitgrößten Wirtschaftsnation weltweit machten, haben dem Land geholfen, verblüffend schnell mit seiner schwersten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg fertig zu werden. Um allerdings die großen strukturellen Probleme der japanischen Volkswirtschaft zu bewältigen, helfen an Verschworenheit grenzende Loyalität, strenge Hierarchien und Befehlsgehorsam wenig. Im Gegenteil: Sie könnten dem Land den Weg in die Zukunft verbauen. Die Binnenwirtschaft gilt als verkrustet und wenig innovativ, das gilt vor allem für die Dienstleister.

Seit 2003 treiben fast ausschließlich die Exporteure das Wachstum. Japan kämpft mit nur schwer umkehrbaren Entwicklungen, die den Wohlstand des Inselstaates gefährden: Die Bevölkerung schrumpft, die Zahl der Arbeitskräfte ebenfalls, und Japan ist die am schnellsten alternde Nation der Welt.

Zudem sind die öffentlichen Finanzen der mittlerweile nur noch drittgrößten Volkswirtschaft nach zwei Wirtschaftskrisen, vielen öffentlichen Unterstützungsprogrammen und jahrelang schwächelnder Konjunktur in verheerendem Zustand. Die Staatsschuld entspricht inzwischen mehr als 200 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Anders formuliert: Jeder Japaner müsste mehr als zwei Jahre seines Lebens nur für den Staat arbeiten, um die Schulden abzutragen. So ein hohes Defizit hat kein anderer Industriestaat, selbst Griechenland steht mit weniger in der Kreide – ist allerdings in weit höherem Maß von ausländischen Kreditgebern abhängig.

Starker Yen belastet Außenhandel

Gegenwärtig ächzt die Exportwirtschaft Japans zudem unter der Stärke der heimischen Währung . Sie ist Folge einer eigentlich positiven Entwicklung: Angesichts der Krisen in Europa und den USA legen Investoren ihr Geld in Japan an, deshalb ist der Yen in den vergangenen vier Jahren im Verhältnis zum Dollar um 45 Prozent gestiegen.

Doch das hat verheerende Folgen: "Viele Unternehmen suchen ihr Heil im Ausland und verlagern Teile ihres Geschäfts nach China, Vietnam oder Indien", sagt Marcus Schürmann, stellvertretender Leiter der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan. Das trifft das einst so stolze Land hart.

Die Japaner sind sich nicht nur der eigenen volkswirtschaftlichen Schwächen bewusst, sondern auch der Stärken der Nachbarn: Nippon fühlt sich zunehmend von Südkoreas und Chinas ökonomischem Erfolg bedroht. In den wichtigsten Märkten sind Autos und Hightech aus Südkorea heute billiger als die Produkte aus Japan, aber ebenso gut; bei Handys und Unterhaltungselektronik wie Flachbildschirmen hecheln japanische Marken den koreanischen bereits hinterher. Derweil wächst der große Nachbar China zu einem ökonomischen, politischen und militärischen Schwergewicht heran.

"Japan hat mitbekommen, dass das Ausland nicht schläft und in vielen Bereichen aufgeholt hat", sagt DIHK-Experte Schürmann. "Japaner sichern sich gerne nach allen Seiten ab, und deshalb laufen Entscheidungsprozesse sehr langsam ab. Im internationalen Wettbewerb häufig zu langsam."

Japan muss auf diese Herausforderungen reagieren, und die alten Rezepte helfen nicht weiter. Nach der Dreifach-Katastrophe hat aber offenbar ein Umdenken eingesetzt, vor allem der Atomunfall in Fukushima hat viele Überzeugungen zerstört. Etwa die von der technologischen Überlegenheit Japans.

Ausnahmesituation stößt Wandel an

Dass Arbeiter von Tepco in Hausschuhen durch das havarierte Kraftwerk schlurften, ließ das Bild von Hightech-Japan zerbrechen. Auch die Überzeugung, dass die enge Zusammenarbeit von Unternehmen und Regierung dem Land hilft, schmolz dahin, nachdem bekannt wurde, wie eng verzahnt Regierung und Energieversorger sind und wie lasch die Kontrolle war.

Die beschönigende und verschleiernde Informationspolitik der Regierung und das miserable Katastrophenmanagement haben das ohnehin schwache Vertrauen in die Politik schwer beschädigt – und zugleich die Glaubwürdigkeit der Medien, die in der Krise als Kontrollinstanz versagten.

Gut möglich, dass die Ausnahmesituation aber auch Anstoß war für einen Wandel in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Nach Fukushima bilden sich Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen, die ihre Interessen gegenüber der Regierung durchsetzen wollen. Sie haben große Demonstrationen organisiert. Und die Medien berichten heute kritischer – auch über ihre eigene Rolle.

Nun will die neue Regierung die Wirtschaft stärken. Im November erklärte Premierminister Yoshihido Noda, Japan werde darauf hinarbeiten, der Transpazifischen Partnerschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt: Diese von den USA unterstützte Freihandelszone könnte dafür sorgen, dass die Zölle für viele Güter und Dienstleistungen gesenkt werden müssen.

Für Japan wäre das eine gewaltige Veränderung, die helfen könnte, den abgeschotteten und verkrusteten Binnenmarkt aufzubrechen. Erwartungsgemäß wehren sich vor allem ältere Bauern, Ärzte und kleinere Unternehmer gegen die Öffnung. Es wird nicht der einzige Protest gegen Reformen bleiben. Ob 2011 nicht nur ein Jahr des Leids, sondern auch eines des Wandels war; wird Japan erst in einigen Jahren wissen.