Wer in Griechenland Geschäfte macht, muss dieser Tage verschlungene Wege gehen, um an sein Geld zu kommen. Fresenius, Anbieter lebenswichtiger Medizinprodukte, hat da Erfahrung. Schon seit 2006 zahlen griechische Krankenhäuser „extrem lückenhaft“, erzählt Vorstandschef Ulf Schneider.

Die Situation wurde immer schwieriger. Irgendwann tauschte Fresenius die offenen Rechnungen der staatlichen Kliniken gegen Null-Zins-Anleihen. Einen Großteil verkaufte Fresenius, um an sein Geld zu kommen. Den Rest musste Schneider abschreiben. Griechenland ist – anders als der Rest der Euro-Zone – ein schwieriger Fall.

Die Lage ist verfahren. Seit Monaten berichten Handelspartner, dass die Griechen ihre Rechnungen nicht begleichen, weil ihnen das Geld fehlt. Nicht nur die Regierung in Athen ist klamm. Öffentliche Einrichtungen im ganzen Land sind knapp bei Kasse. Fresenius ist nur ein Beispiel von vielen.

Sanierung greift nicht

Das Land ist am Ende. Und das nicht erst seit heute. Alle Pläne der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und auch der Europäischen Zentralbank (EZB), den Laden wieder zum Laufen zu bringen, zeitigen keine Erfolge. Griechenland ist zum Symbol des Euro-Desasters geworden. Und solange dieses Problem nicht ansatzweise gelöst ist, könnten die Sanierungserfolge der anderen Länder hinter dieser Tragödie verblassen, fürchtet Angela Merkel.

Deshalb soll eine endgültige Lösung für Athen her – und zwar möglichst bald. Die Kanzlerin denkt dabei nicht in Monaten oder Jahren. Sie plant dem Vernehmen nach mit einem Zeitraum von einem, höchstens zwei Monaten. Danach soll feststehen, wie es mit Griechenland weitergeht.

Im Kern geht es um zwei Optionen: Aufbau Südost oder Pleite. Das Land bekommt also so lange Geld von der EU, bis es auf eigenen Beinen stehen kann. Oder wir drehen den Griechen den Geldhahn zu und schicken das Land in die Insolvenz. Spätestens im März muss Angela Merkel sich entschieden haben.

Noch habe sie sich nicht einmal im Ansatz festgelegt, heißt es in Berlin. Nur eines sei ihr klar: „2012 darf nicht wie das vergangene Jahr laufen.“ 2011 war in puncto Griechenland ein verlorenes Jahr. Auch jetzt will die Kanzlerin nicht überstürzt handeln. Denkverbote aber gibt es offenbar nicht mehr.

Athen wird gedroht

Weil die Lage vor Ort so hoffnungslos ist, wird in Berlin sogar die Bereitschaft Merkels kolportiert, Szenarien durchzuspielen, die sie selbst vor wenigen Wochen noch nicht einmal zu denken wagte. Das kann durchaus als Drohung verstanden werden an alle, die eine Lösung behindern könnten.

Schon im Oktober, als das zweite Hilfspaket für Griechenland zwischen EU, IWF, Banken und Athen ausgehandelt wurde, war klar, dass es eng werden dürfte. 130 Milliarden Euro wollten die Geberländer den Griechen bis 2014 als weitere Kredithilfen geben. Weitere 100 Milliarden Euro sollten die Banken aufbringen, indem sie auf die Rückzahlung von 50 Prozent ihrer Forderungen freiwillig verzichten würden.

Selbst damals war klar, dass diese Summen nur reichen werden, wenn die Lage vor Ort nicht schlimmer würde. Davon redet heute keiner mehr. Wesentliche Grundannahmen hat die Zeit überholt. So steigt die Arbeitslosigkeit schneller als erwartet und deren Kosten auch: Ende November lag die Arbeitslosenquote bereits bei 18 Prozent.

In ihren letzten Griechenland-Fortschrittsbericht von Mitte Dezember 2011 gehen IWF und Euro-Länder davon aus, dass Griechenlands Wirtschaft 2012 um weitere drei Prozent schrumpft. Dann aber soll sie ab 2013 jahrelang ohne Pause wachsen. Es ist nur eine vage Hoffnung.

Wirtschaft bricht ein

Die Spezialisten der Economist Intelligence Unit etwa rechnen allein in diesem Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um weitere sieben Prozent. „Selbst gesunde Unternehmen bekommen keine Kredite oder Exportfinanzierungen mehr. Die gesamte Privatwirtschaft ist im freien Fall“, sagt der frühere Finanzminister Stefanos Manos. „Unter den jetzigen Bedingungen ist es aus der Luft gegriffen, dass die Wirtschaft schon ab 2013 wieder wächst.“

Noch sind all diese Zahlen Spekulation. Unrealistisch sind sie dennoch nicht. Käme es so schlimm wie erwartet, reichte auch der Schuldenschnitt nicht aus, um Athens Schuldenquote bis zum Jahresende bei 120 Prozent der Wirtschaftsleistung zu halten – und schon diesen Wert kann eine derart schwache Volkswirtschaft kaum tragen.

Inzwischen bereiten die Fachleute des IWF eine neue Schuldentragfähigkeitsanalyse vor. Kommen sie zu dem Schluss, dass Griechenlands Schulden selbst nach dem Schuldenerlass durch die privaten Gläubiger unsolide finanziert bleiben, dürfen weder IWF noch Euro-Länder neue Kredite geben – es sei denn, entweder die EU verzichtet auf eigene Forderungen gegenüber Athen – oder sie erhöht ihre Kreditzusagen. Die Lage ist also verzweifelt.

Große Hoffnungen ruhen auf Papademos

Und das, obwohl sich die Europäer von Griechenlands neuem Premier Lukas Papademos so viel versprochen hatten. Die seit November 2011 amtierende Regierung unter Leitung des ehemaligen Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) hat bisher ebenso wenig Reformen vorzuweisen wie die des Vorgängers Giorgos Papandreou.

Auch Papademos fürchtet sich vor dem Kampf mit den Lobbygruppen des Landes, um Reformen durchzusetzen. Es war sein Fehler, dass er – anders als Mario Monti in Italien – die Besetzung aller Schlüsselministerien mit unabhängigen Fachleuten nicht zur Bedingung machte. Nun ist er in der Mehrparteienregierung auf die alten, um ihre Pfründe besorgten Parteien angewiesen.

In der Bundesregierung ist man enttäuscht von diesem Mann, der vor kaum zwei Monaten noch als Hoffnungsträger galt: „Papademos ist unfähig, versprochene Reformen umzusetzen“, heißt es hier. Nur welche Schlüsse zieht man aus dieser Erkenntnis? Drei Wege bleiben Europa im Umgang mit Athen. Keiner ist schön.

Athen braucht langfriste Hilfen

Ein größeres Hilfspaket: Wenn sich die Griechen mit ihren privaten Gläubigern auf einen Schuldenschnitt geeinigt haben, den der Rest Europas für akzeptabel hält, liegt es vor allem an Angela Merkel, Athen zu retten. „Wer Griechenland vor der Pleite bewahren will, muss mehr Geld geben als die 130 Milliarden Euro, die im letzten Entwurf für das zweite Hilfspaket bis 2014 vorgesehen sind“, heißt es in Regierungskreisen.

Dabei geht es nicht nur um ein paar Milliarden Euro mehr. Athen braucht ein Langfristprogramm. Griechenland muss eine Verwaltung aufbauen, braucht eine funktionsfähige Wirtschaft. „Wir reden hier über mindestens zehn Jahre“, heißt es in Berlin.

„Entweder wir lassen uns offenen Auges darauf ein, oder wir geben den Griechen besser gleich kein Geld mehr, denn das wäre dann auch nur zum Fenster rausgeschmissen.“ Angela Merkel weiß um die Dimension des Problems. Und sie weiß auch, wie schwer es ihr fallen dürfte, noch einmal im Bundestag um Geld für Griechenland zu werben.

Ihr größtes Problem dürfte dabei nicht einmal die in Wählerstimmen und Selbstwertgefühl dezimierte FDP sein, sondern die Schwesterpartei CSU. Genug ist genug, meinen viele dort. Trotzdem gilt es in Merkels Umfeld nicht als ausgeschlossen, dass die Kanzlerin noch einmal für die Griechen zähneknirschend in die Bütt geht.

Mögliche Szenarien

Athen geht pleite, behält aber den Euro: Immer lauter werden die Stimmen, die eine Insolvenz Griechenlands für den einzigen Weg halten, um das Land zu sanieren. Nach dem nächsten Schuldentragfähigkeitsbericht könnte die Politik zu dem Schluss kommen, dass Athen alle Ziele verfehlt hat und deshalb kein Geld mehr bekommen darf. Schon die nächste Tranche, fällig im März, würde gestrichen.

Kurz vor Monatsende wird eine riesige Anleihe fällig. Mehr als 14 Milliarden Euro müssen die Griechen ihren Gläubigern zurückzahlen. Ohne Geld aus Brüssel und damit auch aus Deutschland aber ist das ausgeschlossen. Premier Papademos könnte diese Anleihe nicht bedienen.

Was dann passiert, weiß keiner so genau. Die Folgen für den Finanzmarkt sind schwer kalkulierbar. Gleichzeitig gehen griechische Banken reihenweise pleite. Trotzdem will Athen in der Euro-Zone bleiben. EU-Partner, IWF und Athener Regierung verhandeln nun über einen Schuldenschnitt, der neben den Banken auch die öffentlichen Geldgeber trifft. EZB und Euro-Partner verlieren ebenso einen Teil ihrer Kredite wie die Banken. Weil alle aber das politische Chaos am Rande von EU und Nato fürchten, wird zugleich ein neues, langfristiges Hilfspaket beschlossen.

Das Undenkbare wird möglich

Der Rausschmiss aus dem Euro: Bis vor wenigen Wochen galt ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone in Berlin für viele als undenkbar. „Unkalkulierbare Folgen“, warnten Merkels Berater meist. Daraufhin soll die Kanzlerin mehrfach abgewinkt haben. Auch heute noch fürchtet sie die Folgen für die anderen Schuldenbrüder Portugal, Spanien und Italien.

„Was ist, wenn die Investoren nach einem Austritt Athens glauben, dass Madrid und Rom folgen könnten?“, fragt einer in der Koalition. Dann bekämen die beiden großen Länder vermutlich kein Geld mehr am Kapitalmarkt. Europa – und nicht zuletzt Deutschland – müsste aushelfen.

Wenn überhaupt müsse Griechenlands Ausstieg so vonstattengehen, dass der Austritt wie ein freiwilliger Akt wirkt, der den Rest der Euro-Zone noch enger zusammenschweißt – ein gewagtes Spiel mit offenem Ausgang. Leichtfertig, sagt ein hochrangiger Politiker, wird Merkel das keinesfalls erwägen. Anders als früher allerdings will die Kanzlerin es auch nicht mehr generell ausschließen.

Entscheiden aber, heißt es, werde sich die Kanzlerin – wie so häufig – erst im allerletzten Moment. Ein paar Wochen haben alle Beteiligten also noch.