Mobilfunknetz

Unfreiwillige Lausch-Attacke bei der Telekom

Ein Telekom-Kunde findet Mitschnitte von Telefonaten fremder Menschen auf seiner Mailbox vor. Die Telekom spricht von einem Einzelfall.

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Das Ungeheuerliche verbirgt sich hinter einer alltäglichen Botschaft. Ein Geschäftspartner spricht David Plambeck eine knappe Nachricht auf die Mailbox seines Handys: „Konnte Sie nicht erreichen, melde mich später wieder.“ So weit, so gewöhnlich. Hätte David Plambeck an dieser Stelle einfach aufgelegt, er hätte so einiges verpasst: Die Telefongespräche dreier wildfremder Menschen nämlich. Nach einem kurzen Pfeifton ist die Stimme eines Geschäftsmannes zu hören, der offensichtlich mit einem Kunden über eine anstehende Lieferung verhandelt.

Dann ein Arbeiter, der im Gespräch mit einem Kollegen über den knauserigen Chef herzieht. Und eine freundliche Frauenstimme, die um Geduld bittet, weil alle Vermittlungsplätze bei der Arbeitsagentur gerade belegt seien. All das kann ein verdatterter David Plambeck auf einmal hören, zweieinhalb Minuten lang aufgezeichnet auf der Mailbox seines Handys. Ohne dass er einen der Menschen, denen diese Stimmen gehören, kennen würde. Ohne dass einer von ihnen jemals mit ihm telefoniert hätte.

Gesprächsmitschnitte auf einer fremden Mailbox? Plambecks Verblüffung weicht schnell der Empörung. Der Unternehmer aus Niedersachsen beschäftigt sich beruflich selbst mit Datensicherheit. Deshalb weiß er nur zu gut: So etwas darf nie und nimmer passieren. Die Frage stellt sich: Panne oder Skandal? Warum werden überhaupt Gespräche mitgeschnitten? Warum landen diese Mitschnitte dann auf seiner Mailbox? Und passiert das etwa öfter, womöglich sogar systematisch?

Plambeck wendet sich an seinen Mobilfunk-Anbieter, die Telekom, will wissen, was hinter dem ominösen Vorfall steckt. Spontan weiterhelfen kann ihm der Servicemitarbeiter nicht, aber er verspricht sich zu kümmern. Das tut man dann auch – doch das Ergebnis ist hanebüchen. Plambeck bekommt eine spartanische Standard-SMS: „Verehrter Kunde, die Netzstörung ist behoben.“ Über eine Netzstörung hatte Plambeck natürlich nie geklagt – sondern über den unfreiwilligen Lauschangriff. Nimmt man seine Beschwerde gar nicht ernst?

Plambeck hakt nach, ruft noch einmal bei der Servicenummer an – doch das lässt die Angelegenheit nur noch skurriler erscheinen. Denn die Auskunft lautet nun: Es liege an Vodafone. Also am Hauptkonkurrenten. Versucht die Telekom, das Problem jetzt einfach abzuschieben? Und was soll Vodafone mit der Sache zu tun haben?

Auch die Konzernsprecher von Telekom und Vodafone sind verblüfft, als die „Morgenpost Online“ sie mit dem fragwürdigen Vorgang konfrontiert. Einige Tage wird zusammen mit den Technikern der Unternehmen gerätselt, dann endlich kommt eine Erklärung, weitgehend übereinstimmend von Telekom und Vodafone. Beruhigend für Handy-Kunden klingt sie nicht unbedingt.

Sind die Sicherheitsstandards unzureichend?

Grund für die obskuren Mitschnitte auf Plambecks Mailbox soll ein „technischer Fehler“ gewesen sein. Sein Geschäftspartner rief ihn aus dem Vodafone-Netz an, sprach seine Nachricht auf die Mailbox. So weit, so normal. Dann legte er auf, sein Handy trennte seine Verbindung zum Netz. An dieser Stelle müsste nun eigentlich das Mobilfunknetz ein Signal an Plambecks Mailbox senden, damit die Verbindung auch von deren Seite beendet wird.

Allem Anschein nach, so erklären die Mobilfunkunternehmen, blieb dieses Signal aus. Die Folge: Plambecks Mailbox blieb mit dem Vodafone-Netz verbunden. Und zeichnete nun allerhand Gesprächsfetzen auf, die zufällig gerade in diesem Netz herumschwirrten: „Ich habe meinen ganzen Urlaub für die Firma opfern müssen …“ Piepston. „Herzlich willkommen bei Ihrer Agentur für Arbeit …“ Der Spuk fand erst ein Ende, als die maximale Aufnahmezeit für Mailbox-Nachrichten erreicht war und Plambecks Mailbox deshalb von sich aus die Verbindung zum Netz kappte.

Die Erklärung wirft ein Schlaglicht auf die Sicherheitsstandards im Mobilfunknetz: Handy-Gespräche sind nur teilweise verschlüsselt. Das ist an sich nichts Neues und der Grund dafür, warum Spitzenpolitiker oder vorsichtige Manager mit Spezialgeräten telefonieren, die diese Sicherheitslücke mit spezieller Verschlüsselungstechnik schließen. Das Verblüffende an den Nachrichten auf Plambecks Mailbox ist jedoch: Offensichtlich können Unbefugte auch ganz ohne kriminelle Energie mithören.

Netzbetreiber sprechen von Einzelfall

Telekom und Vodafone versichern allerdings unisono, ein solcher Fall sei ihnen noch nie untergekommen. Womöglich hänge der technische Fehler mit einmaligen Umstellungsarbeiten an der Mobilfunkstation zusammen, mit der Plambeck an jenem Tag verbunden war.

Der Lauscher wider Willen jedenfalls traut der Einzelfall-These nicht recht : „Wenn das bei mir passiert, kann das bei jedem anderen auch passieren.“ Hätte er nach der Nachricht seines Geschäftspartners einfach direkt aufgelegt, hätte er schließlich auch nichts von den Mitschnitten bemerkt. Plambeck aber nutzt ein Smartphone, das die Dauer der Mailbox-Nachricht auf dem Display anzeigt – so sah er, dass das Band volle drei Minuten aufgezeichnet hatte, obwohl sein Geschäftspartner nur etwa 25 Sekunden lang sprach. Also wartete er ab, was danach kommen würde – nur so wurde er auf die seltsamen Gesprächsfetzen aufmerksam. „Bei einem Handy-Modell ohne eine solche Anzeige hätte ich sicher aufgelegt“, sagt er.

Die Telekom wollte das Beweisstück übrigens offenbar lieber nicht auf Plambecks Handy belassen: Kurz nach der Anfrage der „Morgenpost Online“ verschwanden die Mitschnitte aus Plambecks Mailbox – ohne dass man ihn gefragt oder auch nur informiert hätte.