Verbraucherstimmung

Wer nicht friert, der kauft sich auch nichts Warmes

Die Händler bleiben auf Stiefeln und Daunenjacken sitzen, weil der Herbst zu warm war. Jetzt könnte ein vorgezogener Schlussverkauf den Rubel rollen lassen.

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Den Wetterbericht studiert Christoph von Guionneau derzeit besonders genau. „Wir warten auf Schnee“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung von Deutschlands drittgrößtem Schuhhändler Görtz. Denn das Herbst/Winter-Geschäft läuft bislang alles andere als rund. „Schuhe werden bedarfsorientiert gekauft“, begründet von Guionneau die aktuelle Flaute.

Für die warmen Winterstiefel sei es in den vergangenen Monaten aber zu warm und zu trocken gewesen. Nun droht der Branche ein dickes Umsatzminus. Experten rechnen daher schon mit einem vorgezogenen Schlussverkauf. Und das nicht nur bei Schuhen. Auch die Modehändler bleiben seit Wochen auf Wintermänteln, Schals und dicken Pullovern sitzen. Zwar ist die Konsumstimmung grundsätzlich intakt, melden die Marktforscher der GfK-Gruppe.

"Deutschlands Verbraucher sind in bester Kauflaune“, versichert GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl. Mode und Schuhe stehen aber offenbar nicht weit oben auf den Einkaufs- und Wunschzetteln. „Niemand kauft eine Winterjacke, wenn er sie nicht auch tragen kann“, begründet Siegfried Jacobs, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels (BTE).

Als „äußerst schwach“ bezeichnet er die Geschäftsentwicklung in den vergangenen Monaten. Lag die Bekleidungsbranche zum Halbjahr noch mit drei Prozent im Plus, sind die Umsätze mittlerweile unter das Niveau des allerdings guten Vorjahres gerutscht. Noch schlimmer hat es den Schuhhandel erwischt: Dort ist Jacobs zufolge bereits ein Minus von fünf Prozent aufgelaufen.

Ausgefallenes Geschäft lässt sich schwer nachholen

Zwar dürfte im Dezember angesichts der gesunkenen Temperaturen noch reichlich Ware verkauft werden. Auch wenn die bisherigen beiden Adventwochenenden laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) vergleichsweise ruhig waren. „Das Beste liegt aber noch vor uns“, glaubt Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Denn in diesem Jahr bleibt vom vierten Advent bis Weihnachten noch eine Woche Zeit. Ob es am Ende für ein Umsatz-Pari reicht, scheint aber mehr als fraglich. Denn ausgefallenes Geschäft über den Bedarf hinaus lässt sich üblicherweise nurr schwer nachholen.

Die Händler sind dementsprechend nervös. Schon laufen die ersten Rabatt-Aktionen. „Der Textilhandel hat gut eingekauft“, sagt Daniel Terberger, der Chef der Verbundgruppe Katag, einem Beschaffungsdienstleiter für den mittelständischen Modefachhandel. Anders als in den vorherigen Nachkrisejahren gab es diesmal aber keine Lieferprobleme bei den asiatischen Herstellern.

„Wer in den vergangenen Jahren 100 Teile bestellt hat, bekam vielleicht 90. Also wurden diesmal 110 Teile bestellt, um genügend Ware zu haben. Auf einmal sind diese 110 Teile aber auch gekommen. Und die Leute kaufen plötzlich nur noch 90“, erklärt Beschaffungsexperte Terberger das Dilemma.

Dadurch sind die Läger im Winter 2011 besonders prall gefüllt. Und das setzt die Händler kräftig unter Druck. Schließlich kommt schon in Kürze die neue Frühjahrsmode aus Fernost. „Die Ware ist bereits unterwegs“, bestätigt Michael Arretz, der Geschäftsführer des Billiganbieters KiK.

Auch Textildiscounter leiden unter der Flaute

Der Textildiscounter ist von der Kaufzurückhaltung besonders stark betroffen. „Wir haben viele Gebrauchskäufer“, erklärt Arretz. Grund dafür ist das meist geringe Einkaufsbudget des Durchschnittskunden bei KiK. „Mit etwas Glück kommen wir noch auf ein kleines Plus“, hofft der Manager mit Verweis auf ein gutes erstes Halbjahr. Allzu große Zuversicht strahlt er dabei allerdings nicht aus.

Frühzeitige Sonderaktionen plant KiK dennoch nicht, berichtet Arretz. Der Druck allerdings wächst. „Wenn einer mal angefangen hat, müssen die anderen meist folgen“, sagt BTE-Vertreter Jacobs. Und so halten Branchenexperten eine Rabattschlacht schon vor Weihnachten für denkbar. Üblicherweise gibt es die für den Handel teuren Nachlässe erst im neuen Jahr oder zwischen Weihnachten und Silvester.

Dass sich die Kaufzurückhaltung auch dann noch fortsetzen wird, glauben Handelsvertreter nicht. „Wir sind optimistisch für 2012“, sagt jedenfalls BTE-Geschäftsführer Jacobs mit Verweis auf eine rückläufige Sparquote und geringe Arbeitslosenzahlen. Die aktuelle Schwäche führt er ausschließlich auf das Wetter zurück.

Zustimmung kommt von der GfK. „Der private Konsum wird auch 2012 eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft bleiben“, sagen die Marktforscher. Das hofft auch Christoph von Guionneau – trotz der steigenden Verunsicherung durch die Euro-Schuldenkrise. Angst hat der Görtz-Chef jedenfalls nicht. „Wenn die Leute kein Auto kaufen, dann kaufen sie Schuhe."