Guide Michelin

Wie Reifenmännchen Restaurants testen

Ein Platz im Guide Michelin ist unter Spitzenköchen heiß begehrt. Die Tester haben keinen leichten Job – Tarnung wird großgeschrieben im Reifenkonzern.

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Die Gegend um das Verlagshaus von Michelin Travel Partner sieht aus wie jedes andere Büroviertel in einem Pariser Vorort: Moderne Bauten säumen die Straße, in der Nähe fließt die Seine. Cafés und eine breite Fußgängerpromenade mit Bänken und Ziersträuchern laden zum Bummeln ein.

Doch wer im Bürohaus „Jazz“ in Boulogne-Billancourt durch die Sicherheitsschranke geht, hat einen besonderen Arbeitsplatz: Diese Menschen arbeiten für den Verlagsbereich des französischen Reifenherstellers Michelin, der den berühmten Guide Michelin herausgibt und über Wohl und Wehe von Hotels und Restaurants entscheidet.

Wer hier als Tester angestellt ist, unterliegt strengster Geheimhaltung. Noch nicht einmal die übrige Belegschaft in dem neunstöckigen Haus kennt die Aufgabe dieser Männer und Frauen. Michelin ist nach Bridgestone aus Japan der zweitgrößte Reifenhersteller der Welt. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei 17,9 Milliarden Euro. Autofahrer kennen Michelin. Doch weitaus bekannter ist der Konzern durch seinen Guide Michelin.

Jahr für Jahr fiebern Gourmets in aller Welt der neuesten Auflage des berühmten Restaurant-Führers entgegen. Denn die Sterne, die die Michelin-Tester vergeben, gelten in der Szene als Ritterschlag. Den geadelten Köchen ist kommerzieller Erfolg so gut wie garantiert.

Michelin ist Mitglied des französischen Leitindex CAC 40 – und das einzige Unternehmen von dieser Liste, das seinen Hauptsitz außerhalb von Paris in Clermont-Ferrand am Rande der Auvergne hat. Rund 12.000 Menschen arbeiten für den Reifenkonzern. Da nimmt sich der Verlagsbereich mit gerade mal 400 Mitarbeitern ziemlich bescheiden aus.

Nur ein Prozent trägt das Geschäft mit Straßenkarten, Restaurant- und Reiseführern sowie Internet-Routenplaner und Applikationen für iPhones und iPads zum Gesamtumsatz bei. Doch ohne den Verlag stünde der französische Reifenhersteller vermutlich weit schlechter da: „Die Aktivitäten von Michelin Travel Partner sind strategisch sehr wichtig für die Gruppe. Sie unterstützen die Reifensparte“, sagt Alain Cuq, der die Verlagseinheit von Michelin leitet.

Studien hätten gezeigt, dass Verbraucher eher zu Michelin-Reifen greifen, weil ihnen der Name durch Straßenkarten, Reise- und Restaurantführer geläufig ist. „Wir haben durch unsere Karten, Restaurant- und Reiseführer einen Wettbewerbsvorteil gegenüber unseren Konkurrenten.“

Wettbewerbsvorteil durch den Guide Michelin

Reifen seien ja an sich ein ziemlich unattraktives und gleichzeitig langlebiges Produkt, räumt Cuq ein. „Verbraucher wechseln ihre Reifen gerade mal alle zwei, drei Jahre. Das dauert dann einen Samstagnachmittag und macht den meisten nicht sehr viel Spaß.“

Deshalb sei es wichtig, den Kontakt zu den Kunden mit Hilfe von etwas zu halten, das für sie im Alltag nützlich sei und zugleich für positive Erlebnisse stehe. „Mit Hilfe der Reiseführer und Karten von uns können sie ein nettes Wochenende planen“, sagt er.

Dass der Guide Michelin einen Wettbewerbsvorteil bringt, hatten bereits die Brüder André und Edouard Michelin erkannt. Nach der Firmengründung 1889 wurde ihnen schnell klar, dass sich das Automobil als Fortbewegungsmittel nur durchsetzen würde, wenn die Fahrer die entsprechende Infrastruktur nutzen können. Doch befestigte Straßen, Wegweiser und Tankstellen waren damals rar, von einer Übersicht darüber ganz zu schweigen.

Um Autofahrern zu helfen, die mit Michelin-Reifen fuhren, brachten die beiden Firmengründer 1900 deshalb den ersten Guide Michelin heraus: einen Führer, der den Fahrern erklärte, wo sie Straßen, Benzin und Einkehrmöglichkeiten finden konnten. Zunächst gab es den Guide Michelin für Kunden zehn Jahre lang als Geschenk. Doch eines Tages kamen André und Edouard Michelin in eine Werkstatt und stellten entsetzt fest, dass der von ihnen liebevoll zusammengestellte Guide zum Abstützen eines Tisches benutzt wurde. Ihnen wurde klar, dass alles, was es umsonst gibt, in den Augen der Verbraucher nichts wert ist.

Deshalb verkauften sie den Guide Michelin von diesem Zeitpunkt an und führten ein paar Jahre später die Vergabe der Sterne ein. Wer sie erhält, darüber entscheiden die Tester, die Inspektoren, wie sie bei Michelin heißen. „Sie besuchen die Restaurants anonym“, betont Alain Cuq.

Denn Michelin lege größten Wert darauf, ein unabhängiges Urteil abzugeben . „Sie zahlen selber und treten wie ganz normale Leute auf. Wir wollen, dass sie wie jeder andere Gast behandelt werden und nicht wie jemand, der in den Genuss von besonderen Privilegien kommt.“

Leben der Tester ist nicht besonders amüsant

Selbst Cuq, ein Mann mit randloser Brille, schütterem Haar und einem leichten Südwest-Akzent, wusste bis vor kurzem nicht, wer die rund 100 Tester sind. Dabei hat der 57-Jährige, der nach dem Studium zunächst als Ingenieur in der Ölindustrie arbeitete, einen Großteil seiner Karriere bei dem Reifenkonzern verbracht. Unter anderem leitete er die Mexiko-Filiale und ein Werk in China, bevor er für den Konzern 2001 das Internetportal ViaMichelin aufbaute.

Erst vor einem Jahr lernte Cuq die berühmten Inspektoren des Guide Michelin kennen. Das war, als unter seiner Leitung die Geschäftsbereiche Restaurant- und Reiseführer sowie Karten mit der Internetsparte ViaMichelin zusammengelegt wurden. Es sei erstaunlich, wie unterschiedlich die Tester von ihrem Profil und Aussehen her seien, berichtet er. Jeder Typ sei vertreten, von der jungen Frau bis zum älteren Herrn.

Eine Gemeinsamkeit hätten sie jedoch: Alle verfügen über solide Kenntnisse der Gastronomiebranche, und die meisten haben eine Hotelfachschule besucht. Manchmal träten die Tester auch gemeinsam auf und täten so, als seien sie ein Paar. Auch wenn es sich viele so vorstellen mögen – besonders amüsant ist das Leben der Tester nicht. Drei Wochen pro Monat müssen sie durch die Gegend reisen, dabei zweimal pro Tag essen gehen und danach ihre Berichte verfassen. Die Teams reisen von einem Land ins andere. „Es ist wichtig, verschiedene Meinungen zu haben“, meint Cuq. „Deshalb besuchen wir die Restaurants auch mehrmals, mit verschiedenen Leuten.“

Bereits 1910 kam der erste Guide Michelin Deutschland heraus. Für New York und Tokio gibt es den legendären Restaurantführer hingegen erst seit ein paar Jahren – und der Verlag will weiter expandieren: „Wir wollen in noch mehr Länder“, betont Michelin-Marketingchefin Claire Dorval. Doch erst einmal wird der Guide Michelin in der virtuellen Welt wachsen.

Ende des Jahres wird er im Internet eine eigene Suchmaschine für Restaurants lancieren. Zunächst nur für Frankreich, bald aber auch für andere Länder. Als Applikation für iPhones und iPads gibt es den Restaurantführer schon jetzt gegen Gebühr, genau wie den Reiseführer Viamichelin Voyage.

Dafür sind andere Applikationen wie der Verkehrsinfo-Service von ViaMichelin oder die gemeinsam mit dem Hotelreservierungsservice HRS aus Deutschland betriebene Suchmaschine Worldwide Hotels kostenlos. Eine Gefahr, dass die Internetaktivitäten und Applikationen für Smartphones und Tablets die Printversionen verdrängen, sieht Cuq nicht.

„Die Nutzung der traditionellen Straßenkarten und der Karten auf Smartphones oder Tablets ergänzen sich“, sagt er. „Wenn Sie im Auto sitzen und die Straßenschilder nicht richtig gesehen haben, schauen Sie besser auf dem GPS nach, wo es nach Bordeaux geht. Wenn Sie ein Wochenende in der Normandie planen wollen, nehmen Sie besser eine echte Karte aus Papier, um eine Route mit verschiedenen Etappen auszuarbeiten.“