Lehrstellenüberschuss

In Deutschland bleiben 75.000 Ausbildungsplätze frei

Deutschen Firmen fällt es immer schwerer, den Fachkräftebedarf durch Azubis zu decken. Die Arbeitsministerin nennt das "Bewerbermarkt".

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In Deutschland werden die Lehrlinge knapp. Ende September waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) noch 29.7000 Lehrstellen unbesetzt. Die Wirtschaft rechnet sogar damit, dass über 75.000 Ausbildungsplätze am Ende frei bleiben. Das geht aus der Bilanz zum Ausbildungsmarkt hervor, die Regierung, Wirtschaftsverbände, Bundesagentur für Arbeit und Kultusministerkonferenz in Berlin vorlegten.

„Der Ausbildungsmarkt hat sich gedreht“, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). „Er ist zu einem Bewerbermarkt geworden.“ Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann, wies auf die Nachteile für die Wirtschaft hin: „Es gibt immer mehr Lehrstellen, die nicht besetzt werden können.“

Aufgrund rückläufiger Bewerberzahlen wachsen mit unterschiedlicher Ausprägungen in den Branchen und Regionen die Probleme ausbildungswilliger Betreibe, passende Bewerber zu finden“, heißt es in der Bilanz der Paktpartner. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der am Ausbildungspakt nicht beteiligt ist und stets kritisiert, wertete die Ausbildungsentwicklung positiv.

Der Bundesregierung und den Wirtschaftsverbänden warf der DGB gleichwohl vor, die Lage mit „Rechentricks“ schön zu rechnen. Glänzende Aussichten für junge Menschen auf dem Ausbildungsmarkt seien eine „Fata Morgana“, sagte DGB-Vizechefin Ingrid Sehrbrock.

DIHK-Chef: Chance auf Lehrstelle gut wie selten zuvor

Mehr als 65.000 Jugendliche würden von den Paktpartnern als „versorgt“ gezählt, obwohl sie keine Lehrstelle bekommen hätten, sondern sich lediglich „mit Bewerbungstrainings, Einstiegsqualifizierungen und Praktika über Wasser halten“. Dagegen betonte DIHK-Chef Driftmann, für die Jugendlichen sei die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt „mehr als erfreulich“ : „Ihre Chancen auf eine Lehrstelle sind so gut wie seit dem Wiedervereinigungsboom nicht.“

Die Zahl der Ausbildungsbewerber ging um 2,5 Prozent zurück auf 538.200, während das Angebot an betrieblichen Lehrstellen um 10,2 Prozent auf 468.900 zulegte. Dazu dürften die gute Konjunktur und das Interesse der Betriebe an einer Sicherung des Fachkräftenachwuchses beigetragen haben.

Der Rückgang der Bewerber wurde in diesem Jahr durch die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen sowie die Aussetzung des Wehr- und Zivildienstes gedämpft, meldete die Bundesagentur. In Industrie und Handel wurden bis Ende Oktober 340.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind 12.900 oder 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Handwerk verzeichnete mit 152.500 neuen Verträgen einen leichten Rückgang um 0,6 Prozent. In den Freien Berufen gab es 43.1000 (plus 1,1 Prozent) Neuverträge.

Von den Bewerbern, die sich bei den Arbeitsagenturen meldeten, bekamen letztendlich 54 Prozent eine Lehrstelle. Zwei Prozent wurden als „unversorgt“ registriert, 16 Prozent schieden ohne Angabe aus der Statistik. Weitere 16 Prozent gingen weiter zur Schule oder nahmen ein Studium auf.

Jeweils fünf Prozent landeten in einer Fördermaßnahme oder fingen einen Job an. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, rief die Betriebe dazu auf, bei der Suche nach passenden Bewerbern intensiver auf Migranten zurückzugreifen. „Sie verfügen oft über Qualifikationen, die im internationalen Wettbewerb zunehmend an Bedeutung gewinnen, wie Sprachkenntnisse und eigene kulturelle Erfahrung“, betonte Böhmer. Allerdings ist die Quote der Schulabbrecher unter jungen Migranten doppelt so hoch wie bei den deutschen Jugendlichen, räumte die Staatsministerin ein.

Der Ausbildungspakt zwischen Regierung und Wirtschaft war im vergangenen Jahr bis 2014 verlängert worden. Die Gewerkschaften lehnten damals eine Teilnahme am Pakt ab. Ursprünglich war der Pakt darauf ausgerichtet, die „Lehrstellenlücke“ zu reduzieren und Ausbildungsplätze zu akquirieren.

Angesichts der schrumpfenden Bewerberzahlen ist das Ziel des Paktes nun, den Fachkräftenachwuchs zu sichern. DIHK-Chef Driftmann betonte, die Kammern legten dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Verbesserung der Berufsorientierung junger Menschen. So gibt es 5000 Kooperationen zwischen Betrieben und Schulen.