Solar Millennium

Unter Kaliforniens Sonne platzen große Träume

Das US-Projekt von Solar Millennium wurden einst gefeiert. Jetzt gibt es Bedenken gegen das größte Solarkraftwerk der Welt.

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Allenthalben wurde der Mann gefeiert. Als „Sonnenkönig“ titulierten ihn selbst seriöse Wirtschaftsmagazine. Und Uwe Schmidt verweigerte sich dem Sockel nicht, auf den er da gestellt wurde. „Gutes tun und dabei Geld verdienen“, gab der Deutsch-Kanadier als sein Unternehmensmotto aus.

Möglich machen sollte das vor allem ein Projekt: Blythe, das größte Sonnenkraftwerk der Welt. Schmidt sollte es in Kalifornien bauen, als Chef der US-Tochter des Erlanger Kraftwerkentwicklers Solar Millennium, als Mann, der als bestens verdrahtet bis hinauf in die amerikanische Regierung gilt. Es gebe eine „riesige Nachfrage“ für den Strom dieses Kraftwerks, schwärmte Schmidt noch im Februar.

Megaprojekt im „Goldstaat“

Ein gutes halbes Jahr später sieht die Lage ganz anders aus. Das Vorzeigeprojekt ist gescheitert. Solar Millennium kämpft ums Überleben , versucht derzeit, die Baurechte für die amerikanischen Standorte zu Geld zu machen. Zugleich drängt sich jedoch mehr und mehr die Frage auf, ob das Megaprojekt im „Goldstaat“ je so glänzend war, wie Solar Millennium es dargestellt hat. Und ob die Umstände dort nicht höchst obskur waren.

Große Pläne hatte man jedenfalls. Allein das Kraftwerk Blythe sollte eine Leistung von 1000 Megawatt erreichen – so viel wie ein typisches Kernkraftwerk. Nicht zuletzt dank dieser Vision sammelte man über die Jahre Anlegergelder im dreistelligen Millionenbereich ein. Doch der Traum platzte im August: Knall auf Fall gab Solar Millennium bekannt, dass das Projekt nicht mehr wirtschaftlich sei. Man beginne nun mit ganz anderer Technik quasi von vorn.

Anfang Oktober galt auch das schon nicht mehr: Solar Millennium gab bekannt, die Baurechte für mehrere US-Projekte an den Konkurrenten Solarhybrid abtreten zu wollen. Noch am selben Tag trat Vorstandschef Christoph Wolff zurück. Bereits eine Woche zuvor hatte der als eigentlicher Strippenzieher geltende Aufsichtsrat Hannes Kuhn seine Ämter aufgegeben, gegen den etliche strafrechtliche Verfahren laufen.

Chaos und Skandale – dieses Bild prägte die jüngere Geschichte von Solar Millennium. Doch ob es zuvor rund lief, ist mehr und mehr fraglich – gerade mit Blick auf das US-Projekt. Während Anlegern und Journalisten noch von den Chancen in Kalifornien vorgeschwärmt wurde, gab es im Hintergrund womöglich schon reichlich Probleme.

Ferrostaal äußert Bedenken

Die US-Projekte hat man in der Tochter Solar Trust of America (STA) gebündelt, die Erlanger halten 70 Prozent, 30 Prozent liegen beim Essener Anlagenbauer Ferrostaal. Und bei diesem Partner bestanden schon früh Bedenken gegenüber der Technik, die zum Einsatz kommen sollte.

So notierte ein Ferrostaal-Vorstand im Februar 2010, er habe hinsichtlich der eingesetzten Sonnenkollektoren „erhebliche Kopfschmerzen“. Er sei „extrem über die Instabilität der gesamten Konstruktion schockiert“, heißt es in einem Schreiben, das „Morgenpost Online“ vorliegt. Es bestünden „erhebliche Zweifel“, dass die Anlage den Windbelastungen standhalten könne.

Ferrostaal will sich dazu nicht mehr äußern, bei Solar Millennium schließt man nicht aus, dass es „Kinderkrankheiten“ gegeben habe – diese seien aber ausgeräumt worden.

Euphorie wollte beim Partner Ferrostaal danach aber nicht mehr aufkommen: Im Herbst 2010 entschieden sich die Essener, kein weiteres Geld mehr in das Gemeinschaftsunternehmen zu stecken. Danach mühte sich Ferrostaal, auf Distanz zu Solar Trust of America zu gehen.

In einem geharnischten Brief an Solar Millennium und STA forderte Ferrostaal im November 2010, nicht länger den Eindruck zu erwecken, der Essener Partner finanziere STA weiterhin oder spiele eine aktive Rolle bei den US-Projekten.

Zum Misstrauensvotum des Miteigentümers gesellen sich kuriose Organisationsstrukturen. So schloss STA im Mai 2009 einen umfangreichen Dienstleistungsvertrag mit einer Firma namens Stahlschmidt Trading Limited (STL) ab – einer Gesellschaft, deren Hintergrund im Dunkeln liegt, die aber dennoch eine erstaunlich einflussreiche Rolle spielt.

Undurchsichtige Verflechtungen

500.000 Euro Jahresvergütung sagte man der STL zu, und zumindest im Jahr 2009 wurde dieses Honorar in voller Höhe eingefordert, wie Abrechnungen belegen. Dazu kommt ausweislich einer Aufstellung von Solar-Millennium-Anwälten ein Anspruch auf sieben Prozent der Anteile an Solar Trust of America – was bei Angaben zu den Anteilseignern von STA nirgends erwähnt wird.

Dabei ist unklar, wer oder was sich hinter der Firma verbirgt. Ins Auge sticht jedenfalls die Ähnlichkeit des Namens mit dem Unternehmen Stahlschmidt Inc., einem Stahlhandelsunternehmen, dessen Chef und Gründer niemand anders als Uwe Schmidt ist, der CEO von STA. Solar-Millennium-Anwälte notierten im Februar 2010, Schmidt sei kein Anteilseigner bei STL, „aber es war unausgesprochen klar, dass Uwe Schmidt etwas mit der STL zu tun hat“.

Schmidt lässt über einen Sprecher ausrichten, er sei weder direkt noch indirekt an Stahlschmidt Trading Limited beteiligt. Auch sonst finden sich keine Beweise für eine Beziehung seiner Person zu der Gesellschaft. Vorgeblich sitzt STL in London und im Schweizer Kanton Zug, doch an keinem der beiden Orte findet sich ein Handelsregistereintrag dazu, und unter den beiden Postadressen soll die Firma für Boten aus Erlangen auch nicht auffindbar gewesen sein.

Steueroase Jersey

Eine Gesellschaft dieses Namens sitzt allerdings in der Steuer- und Regulierungsoase Jersey. Die Eigentumsverhältnisse werden auch dort nicht klar, die Spur endet bei einem Treuhänder. Gerüchten zufolge könnte es auch eine Verbindung der Gesellschaft zu Kuhn geben, was dieser aber dementiert.

Bei Solar Millennium kam der augenscheinlichen Briefkastenfirma jedenfalls eine umfangreiche Rolle zu: STL sei bei der „strategischen Beratung, Projekt- und Partnersuche und Personalrekrutierung“ tätig, sagt ein Unternehmenssprecher. Ausweislich einer Anwaltsnotiz vom November 2009 ging die Rolle aber weiter: Demnach gehört es zu den Aufgaben von STL, „die Geschäfte der STA zu führen“. Gemäß anderen Dokumenten kommt der Firma sogar die Aufgabe zu, den Geschäftsführer für die so wichtige US-Gesellschaft zu benennen.

Solar Millennium bestreitet, dass man das Recht, den Chef der Tochter STA zu benennen, an irgendwen abgetreten habe. Wenn man Schmidt als CEO hätte abberufen wollen, wäre dies „im Rahmen der normalen Corporate Governance“ möglich gewesen. Allerdings erregte sich eine US-Anwältin im Februar 2010 in einem Schreiben an die Rechtsabteilung von Solar Millennium über die Stellung des US-Chefs. „Die Absicherung, die Schmidt hat, ist für amerikanische Verhältnisse schier unglaublich“, schreibt die Anwältin.

Personalquerelen

Interessanterweise beschloss der Vorstand von Solar Millennium nach Informationen von „Morgenpost Online“ am 3. März 2010, „dass an einer Trennung von der Person Uwe Schmidt kein Weg vorbeiführt“, weil er illoyal sei und sich nur am eigenen Vorteil orientiere. Daraufhin passierte jedoch – nichts.

Vielmehr soll Aufsichtsrat Kuhn den Vorständen dargelegt haben, dass eine Trennung von Schmidt für Solar Millennium höchst gefährlich sei, aufgrund von „Tretminen“, mit denen man ggf. in den USA rechnen müsse. Kuhn gibt heute an, der Vorstand habe ihm kein Umsetzungs- und Alternativkonzept für eine Trennung von Schmidt vorgelegt: „Eine Zustimmung des Aufsichtsrats war daher nicht möglich.“

Im Umfeld von Solar Millennium wird derweil bestätigt, dass Schmidt sich eine starke Stellung im US-Geschäft gesichert hat – und eine lukrative noch dazu. Das allein ist schon bemerkenswert bei einem Projekt, bei dem das Unternehmen selbst bisher draufgelegt hat. Nun wolle man die Strukturen deutlich straffen und vereinfachen, versichert ein Sprecher. Dafür soll allein schon der Vertrag mit Solarhybrid sorgen: Das Unternehmen ist nach eigenem Bekunden nur an den Baurechten für die US-Kraftwerksstandorte interessiert, nicht an der rechtlichen Einheit STA.

Ein Neuanfang?

Ein echter Neuanfang also? In der Branche sind gewisse Zweifel daran aufgekeimt – treten bei dem knapp vier Jahre alten Unternehmen aus dem sauerländischen Brilon doch einige Personen auf, die man von Solar Millennium kennt. Aufsichtsratschef von Solarhybrid ist Harald Petersen, ein Rechtsanwalt aus Bayreuth, der in der Vergangenheit den Aufsichtsrat von Solar Millennium beraten hat.

Eine weitere Doppelrolle nimmt der Kieler Rechtsprofessor Michael Fischer ein: Er ist Aufsichtsrat bei Solar Millennium, gleichzeitig Aktionär von Solarhybrid und saß zumindest zeitweise im Kontrollgremium der Bayreuther Gesellschaft H2M, die maßgeblich an Solarhybrid beteiligt ist und bei der Petersen Geschäftsführer ist. Im Aktionärskreis von Solar Millennium und Solar Hybrid soll es weitere Überschneidungen geben.

Also doch eine Fortsetzung der Solar-Millennium-Story unter anderem Namen? Wieder eine kleine Firma, die sich an ein Großprojekt in Amerika wagt, dem sie womöglich nicht gewachsen ist? Solarhybrid-Finanzvorstand Albert Klein gibt sich alle Mühe, diesen vermeintlichen Parallelen entgegenzutreten. Zwar ist Solarhybrid an der Börse keine 50 Millionen. Euro wert und hat im vergangenen Jahr nur gut 100 Millionen Euro Umsatz gemacht.

Schon im laufenden Jahr sollen die Einnahmen jedoch auf mehr als 400 Millionen Euro emporschnellen. Mehr als 15 Millionen Euro Gewinn will Klein damit machen, nachdem in den Vorjahren Verluste zu Buche standen. Dadurch soll auch das Eigenkapital von nicht einmal zehn Millionen Euro gesteigert werden.

Finanzierungsprobleme?

Zudem sei Fotovoltaik günstiger zu bauen als die von den Erlangern vorangetriebene Solarthermie – die Baukosten für den ersten 500-Megawatt-Abschnitt von Blythe sollen von 2,8 Milliarden auf ein bis 1,5 Milliarden Dollar sinken. „Wir sehen bei der Finanzierung 0,0 Probleme“, sagt Vorstandschef Tom Schröder, er gehe „zu hundert Prozent“ davon aus, dass man Projekte in den USA realisieren könne.

Vorstand Klein formuliert es vorsichtiger: Die Kraftwerke in Blythe und an einem weiteren US-Standort werde man ab 2013 „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ bauen können. An anderen STA-Standorten sei dies weniger gewiss und frühestens in einigen Jahren zu erwarten.

Derzeit steht freilich noch nicht endgültig fest, ob Solarhybrid überhaupt zugreift. Noch prüfen die Sauerländer die Bücher. Spätestens Anfang November soll eine Entscheidung fallen. Für Solar Millennium hängt viel an diesem Deal. Denn Solarhybrid hat bereits eine Anzahlung in Form eines Darlehens geleistet, dem Vernehmen nach geht es um 7,5 Millionen Euro. Dass vor der Einigung bereits Geld fließt, ist ungewöhnlich – aber womöglich konnte Solar Millennium es gut gebrauchen.

Über die Finanzstärke der Erlanger wird viel gemunkelt, schließlich machte man in der ersten Hälfte des aktuellen Geschäftsjahres 44 Millionen Euro Verlust, bei einem Umsatz von elf Millionen Euro. Eine Rückzahlung der 7,5 Millionen an Solarhybrid könnte da schwer fallen.

Einem wird das womöglich bald egal sein: Uwe Schmidt. Er könnte aus der Misserfolgsgeschichte Solar Millennium gut herauskommen: Solarhybrid soll daran interessiert sein, seine Dienste weiter zu nutzen, auch wenn Klein dies nicht kommentieren will. So schnell findet man keinen anderen Sonnenkönig.