Kostendruck

Wie die deutsche Industrie in China reüssieren kann

Die chinesischen Arbeiter fordern höhere Löhne, die Kosten steigen. Deutsche Hersteller sehen ihre Chancen in der Automatisierung.

Foto: Carsten Dierig

Allein auf China kann sich Hans-Jürgen Münch nicht mehr verlassen. Das merkt der Unternehmer aus dem bayerischen Bad Reichenhall immer häufiger. Zwar ordert er für seine Firma Royalbeach schon seit über 20 Jahren bei Lieferanten in der Volksrepublik. Er begann mit Luftmatratzen und Wasserbällen, mittlerweile bestellt er auch Fitnessgeräte und Dutzende Outdoor-Artikel.

Doch mit dem Sortiment ist auch das Selbstbewusstsein der Chinesen größer geworden. Die Partner aus Fernost fordern immer höhere Preise. Das kann einem Anbieter wie Royalbeach, der mit günstigen Preisen wirbt, schwer zu schaffen machen. Münch schaut sich deshalb auch nach anderen Produktionsstandorten um. "Es wäre blauäugig, nur noch auf die Karte China zu setzen", sagt der bayrische Versandhändler.

Tatsächlich macht die Volksrepublik einen grundlegenden Wandel durch. Früher rissen sich chinesischen Unternehmen darum, für westliche Betriebe Konsumgüter billig herstellen zu dürfen - seien es Kleidung und Schuhe oder Spielzeug und Elektronik. Denn China brauchte zum einen die Devisen und zum anderen das Know-how, um eine eigene Industrie aufzubauen.

"Die Chinesen haben daher auch kleinste Aufträge akzeptiert, einfach nur, um die Technologie zu erlernen", sagt ein deutscher Verbandsfunktionär. Stand heute aber haben sie es längst zu einer gewissen Reife gebracht. Wirtschaft und Konsum boomen im Reich der Mitte. Große Teile der Produktionskapazitäten werden daher für die steigende Nachfrage auf dem Binnenmarkt gebraucht.

China ist nicht länger die Werkbank

Experten sprechen bereits von einer Zäsur im Umgang der chinesischen Betriebe mit ihren Partnern aus dem Westen: Sie begegnen sich zunehmend auf Augenhöhe. "Die Chinesen wollen die komplette Wertschöpfung im Land haben", sagt Hans-Jochen Beilke, der Chef des schwäbischen Ventilatorenbauers ebm-papst. China sei heute nicht mehr Werkbank der Welt wie früher. Ein deutscher Beschaffungsexperte in China klagt: "Mittlerweile muss man sogar froh sein, wenn man überhaupt noch Produktionskapazitäten findet."

Ein Beispiel ist die Textilindustrie. "China ist über den Status der Bedarfsdeckung hinaus", sagt Mark Bezner, der Geschäftsführende Gesellschafter des schwäbischen Hemdenherstellers Olymp. Experten zufolge hat sich die Binnennachfrage in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht. Mittlerweile entstehen in der Volksrepublik sogar die ersten Modelabel mit Markencharakter, so zum Beispiel Shanghai Tang aus Hongkong.

Auf dem Flughafen in Frankfurt gibt es sogar schon einen eigenen Laden von Shanghai Tang. Zwar ist China ungeachtet dessen nach wie vor das mit Abstand größte Lieferland für Mode und Textilien in Deutschland und Europa. "Die Hersteller geben ihre Webstuhl-Kapazitäten aber nicht mehr komplett an die Europäer und Amerikaner ab", weiß Bezner.

Vor allem in den Krisenjahren 2009 und 2010, als in der Volksrepublik etliche Fabriken geschlossen wurden, war das ein Problem. Mark Bezner musste deswegen regelmäßig nach China fliegen, um seine Fertigungspartner an ihre teils schon Jahrzehnte währenden Partnerschaften zu erinnern. "Nur so haben wir noch ausreichend Ware bekommen", erzählt er. Die steigenden Kosten indes konnte der Unternehmer mit seinem Engagement nicht verhindern.

Deutlicher Anstieg der Löhne

Ein wesentlicher Treiber sind dabei die Arbeitslöhne. In den vergangenen Jahren sind sie quer über alle Industriebereiche um durchschnittlich 20 bis 30 Prozent pro Jahr gestiegen, vor allem in den stark industrialisierten Küstenregionen im Süden des Landes. "Die Leute sind anspruchsvoller geworden", sagt Stefan Hasenzahl, der Leiter der chinesischen Produktion von Heidelberger Druckmaschinen.

Bei immerhin zehn Prozent liegt die Personal-Fluktuation im Werk in Qingpu bei Shanghai. Und das sei noch eine vergleichsweise niedrige Rate. In anderen Betrieben wechseln teilweise bis zu 30 Prozent der Belegschaft in kurzen Abständen, weil das Nachbarunternehmen mehr bezahlt. HeidelDruck bietet seinen Mitarbeitern deswegen neben überdurchschnittlichen Löhnen auch die Möglichkeit zur Fort- und Weiterbildung, unter anderem am Stammsitz in Deutschland, und zeigt ihnen Aufstiegsmöglichkeiten auf.

Die Arbeiter können sich ihre Ansprüche und Forderungen leisten. "Der Arbeitsmarkt hat sich verschoben, hin zu einem Arbeitnehmer-Markt", sagt Hasenzahl. Das bestätigt auch die Deutsche Außenhandelskammer in China (AHK). Sie hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass bereits neun von zehn Unternehmen Personalprobleme haben. Vor allem qualifizierte Arbeitskräfte werden knapp.

"Das Grundproblem liegt im chinesischen Bildungssystem", sagt AHK-Geschäftsführerin Alexandra Voss. "Es gibt keine berufliche Bildung, wie wir sie in Deutschland haben. Die gesellschaftliche Anerkennung für nicht-akademische Abschlüsse ist gering", erklärt die Expertin.

Die AHK versucht gegenzusteuern, indem sie mit ihren deutschen Mitgliedsfirmen das Duale System in China einführt, etwa um Mechatroniker oder Werkzeugbauer auszubilden. 2009 haben die ersten Schüler begonnen, mittlerweile sind es 400. Diese Zahl reicht für den stetig wachsenden Bedarf aber nicht aus. Denn mit dem anhaltenden Wirtschaftswachstum steigt auch die Anzahl der Unternehmen in China. "Die Folge ist ein harter Wettbewerb um qualifizierte Facharbeiter", sagt Voss. Hinzu komme, dass aufgrund der Ein-Kind-Politik künftig schlichtweg die jungen Leute fehlen, die bislang an den Fertigungsbändern standen.

Grenzen der Leistungsfähigkeit

Das weite Land mit der Milliardenbevölkerung scheint zunehmend an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu stoßen. Die Wirtschaft läuft heiß , Grundstückspreise und Mieten steigen rapide an. "Immobilienbesitzer werden in den kommenden Quartalen eine starke Verhandlungsmacht behalten", erklärt Anthony Couse, Geschäftsführer von Jones Lang LaSalle. Im Süden des Landes, auf den sich in den vergangenen Jahren der Boom konzentriert hat, falle es vielen Betrieben bereits schwer, überhaupt noch Gewerbeflächen zu finden.

Die chinesische Regierung versucht das Problem zu umgehen, indem sie zunehmend auch andere Landesteile industriell erschließt. So investiert sie derzeit massiv in Straßen, Schienen und Flughäfen im Landesinneren. Das allerdings birgt zwei Probleme. Zum einen lohnt sich ein Umzug allenfalls für diejenigen Betriebe, die auch für den lokalen Markt produzieren wollen oder bei denen kaum Transportkosten anfallen wie etwa Softwaredienstleister.

Für exportorientierte Firmen dagegen ist es schlichtweg zu teuer, schwere Güter über Tausende Kilometer auf der Schiene zu den Hafenstädten zu bringen. Zum anderen geht in den bisherigen Metropolen viel personelle Qualität verloren. Denn die neuen Arbeitsplätze im Landesinneren locken die dringend benötigten Facharbeiter aus dem Süden zurück in ihre Heimatprovinzen. Diese sind für ausländische Konzerne dann meistens verloren. "Die Lebenshaltungskosten sind dort deutlich geringer als etwa im Großraum Shanghai", erklärt Jing Sun von der AHK China.

Tendenz: Raus aus China

Viele Industriezweige haben bereits reagiert. Die Textilindustrie etwa sucht sich zunehmend andere Produktionsstandorte. "Der Trend ist, dass man aus China rausgeht", sagt zum Beispiel der neue Puma-Chef Franz Koch. Als erste Alternativen gelten dabei Länder wie Vietnam und Pakistan, Indonesien und Kambodscha oder Indien und Bangladesch, heißt es beim Modeherstellerverband German Fashion.

Branchengröße Gerry Weber hat sogar schon Kapazitäten in Nordkorea aufgebaut. Darüber hinaus zieht es die Unternehmen aber auch zurück nach Europa, berichtet Escada-Chef Bruno Sälzer. Puma produziert bereits verstärkt in der Türkei - wobei auch eine wesentliche Rolle spielt, dass von hier aus die europäischen Läden schneller mit neuen Kollektionen beliefert werden können.

Dass es sich dennoch um einen Trend handeln könnte, zeigt die Spielwarenindustrie. Gut 60 Prozent der in Deutschland verkauften Spielwaren stammen heute aus der Volksrepublik, schätzt Volker Schmid, der Geschäftsführer vom Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI). Noch vor einigen Jahren lag dieser Wert bei weit über 70 Prozent. "Die deutschen Hersteller kehren zurück nach Europa", sagt Schmid.

Die Simba-Dickie-Gruppe aus Nürnberg etwa hat der Volksrepublik bereits den Rücken gekehrt. Bei den Franken stammen heute wieder zwei Drittel des Sortiments aus europäischen Werken. Noch vor 15 Jahren hatte das Unternehmen, das mit rund 570 Millionen Euro Jahresumsatz zu den größten deutschen Spielwarenproduzenten gehört, praktisch seine komplette Fertigung in die Volksrepublik ausgelagert. Und dieser Trend soll sich branchenübergreifend fortsetzen. "Wir gehen davon aus, dass die Importzahlen aus China weiter sinken werden", prognostiziert Verbandschef Schmid.

Kosten werden zum Problem

Das Misstrauen in Chinas langfristige Fähigkeiten, die billige Werkbank der westlichen Welt zu sein, steigt. Das zeigt auch die Entwicklung bei Li & Fung. Das Unternehmen, das vor mehr als 100 Jahren als Händler von Seide und Porzellan begonnen hat, ist heute der größte Beschaffungskonzern der Welt. Li & Fung beliefert Giganten wie die US-Handelskette Wal Mart mit Spielzeug oder den spanischen Textilkonzern Zara mit Kleidung.

Die steigenden Kosten werden allerdings zunehmend zum Problem. Die Anleger zweifeln bereits, ob die Kunden langfristig an Bord bleiben. Im August musste die Firma erstmals in 14 Jahren einen sinkenden Halbjahresgewinn vermelden. Bei Li & Fung geht nun die Angst um, dass sich Denkweisen durchsetzen, wie die von Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub. Im zweiten Halbjahr 2010 hat sein Unternehmen auf Bestellungen für die Konzerntochter KiK verzichtet. "Wir waren nicht bereit, immer auf die irrsinnigen Preise einzugehen, und verzichteten deswegen schon mal auf Bestellungen."

Die Entwicklung ist eine Herausforderung für die große Masse an Unternehmen, die wegen der Produktionskosten nach China gegangen sind. "In fünf Jahren werden die Produktionskosten in chinesischen Hafenstädten nur noch zehn bis 15 Prozent unter den Kosten in einigen Teilen der USA liegen", schreiben die Experten der Boston Consulting Group. Wenn man die höhere Produktivität der Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten berücksichtigt, die höhere Qualität der Produkte sowie die geringeren Transportkosten, dann werden die Unterschiede kaum mehr spürbar.

Automatisierung nimmt zu

Für etliche deutsche Anbieter allerdings bestehen darin auch große Chancen. Denn je höher die Löhne in China sind, desto mehr lohnt sich der Aufbau automatisierter Fertigungslinien - und das ist eine deutsche Paradetechnologie. Der in Hongkong notierte Elektronik-Auftragsfertiger Foxconn etwa plant, die Anzahl der Roboter bis zum kommenden Jahr von 10.000 auf 300.000 zu steigern. Das Unternehmen, das in China insgesamt eine Million Mitarbeiter hat und unter anderem iPhones für Apple anfertigt, war im Jahr 2010 wegen der stark gestiegenen Lohnkosten in die roten Zahlen gerutscht und hatte daraufhin "entschlossene Maßnahmen" zur Optimierung der Kostenstrukturen angekündigt. Deutsche Maschinenbauer dürften sich schon jetzt über die Investitionspläne freuen.

Die Marktpräsenz in China lohnt sich darüber hinaus weiterhin für all die Unternehmen, die in China für den lokalen Markt produzieren wollen. In der deutschen Autoindustrie etwa sorgt Chinas wachsender Wohlstand für freudige Gesichter. Premiumhersteller wie Audi, BMW und Daimler berichten bereits von glänzenden Geschäften in China . Zudem bauen auch Markenhersteller aus anderen Branchen eigene Vertriebsstrukturen auf, so zum Beispiel der Luxusküchenhersteller Poggenpohl, die Möbelanbieter Hülsta und Rolf Benz, die beiden Armaturenproduzenten Grohe und Hansgrohe oder auch Mark Bezner mit seinen Olymp-Hemden.

Und auch Heidelberger Druckmaschinen verkauft zunehmend gut in China. Denn für die Verpackungen hochwertiger Konsumgüter aus dem Westen brauchen die Druckereien in der Volksrepublik wegen der Farbvielfalt, den Glanzelementen und Prägungen spezielle Maschinen vom Weltmarktführer. Und die liefert nur eine Handvoll Unternehmen, darunter Marktführer HeidelDruck. Die Kurpfälzer haben daher unlängst ihre Produktionskapazitäten in Qingpu auf rund 45.000 Quadratmeter verdreifacht. Auch so erklärt sich, dass in einer Umfrage der AHK China jedes zweite in China vertretene deutsche Unternehmen angibt, bis 2015 neue Niederlassungen oder Fabriken zu eröffnen.

Auch der bayrische Unternehmer Münch investiert weiter. Während er für die Billigware nach neuen Standorten in den Nachbarländern sucht, sollen hochwertige Fitnessgeräte mithilfe eines chinesischen Partners gefertigt werden. Zumal die Geräte, die die Royalbeach gemeinsam mit Universitäten entwickelt hat, auch in China verkauft werden sollen. Die Produkte werden hochwertiger, die Chinesen stärker eingebunden. Für Münch ist das die Zukunft der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit.