Sheryl Connelly

Fords Zukunftschefin versteht nur wenig von Autos

Sheryl Connelly bekennt, keine echte Auto-Expertin zu sein. Dennoch entscheidet die Managerin bei Ford mit über die Modelle der Zukunft.

Foto: Promo

Hast du Familie, Jo?“ „Klar.“ „Hängst du am Leben?“ „Natürlich.“ Das ist gut. Jo rast über die regennasse Piste, direkt auf eine Haarnadelkurve zu und fängt den Transporter gerade noch ein, als der auszubrechen droht. Er gibt wieder Vollgas, drückt den Ford Transit ungebremst in die nächste Kurve. Wenn man zu Jo in eines seiner Testautos steigt, fährt die Angst immer mit.

Wir sind auf dem Testgelände in Lommel, irgendwo im flachen Ödland im Norden Belgiens. Der „Ford Proving Ground“ ist ein Gewirr aus Straßen, Brücken, Unterführungen, gesäumt von Ampeln, Schranken, Schildern – und dennoch eine Geisterstadt. Denn was dort lebt, ist nur die Crew der Fahrer, Mechaniker, Ingenieure. Der Autohersteller Ford testet in Lommel seine Autos – Prototypen, die in ein oder zwei Jahren serienreif sind.

Am Rand der Runden steht Sheryl Connelly. Sie wirkt klein und zart, sie passt nicht hierher. Zu diesen Kerlen mit den Overalls, Helmen und Laptops. Dabei würde es ohne die Amerikanerin manches Modell, Design, technische Detail, das heute selbstverständlich ist, nicht geben. Sheryl Connelly ist „Ford Futurist“, die „Zukunftschefin“ des Konzerns, sie analysiert heute, was die Kunden morgen kaufen wollen. „Natürlich kann nicht in die Zukunft sehen. Und ich verstehe nicht viel von den technischen Details bei Autos“, sagt die Frau aus Michigan. Aber das muss sie auch nicht. Connellys Job ist es, Trends aufzuspüren, lange bevor alle sie mitmachen.

Für die Automobilhersteller sind Scouts wie Connelly noch wichtiger als für andere Industriezweige. Denn sie liefern an den Endkunden, müssen dessen Geschmack treffen, haben aber zugleich lange Entwicklungsphasen. Vom ersten Schritt bis zur Serienfertigung eines Autos vergehen Jahre – was bei Konstruktionsstart angesagt war, muss kurz vor Markteinführung längst nicht mehr den Nerv der Kunden treffen.

Es gibt einige Autobauer, die sich jemanden wie Sheryl Connelly leisten. Daimler hatte schon 1969 ein Forschungsressort eingerichtet, dem es unter anderem zu verdanken war, dass die Stuttgarter noch im selben Jahr einen Hybrid-Bus vorstellen konnten. Audi hat ebenfalls eine Frau im Team der Zukunftsforscher.

Bei Ford macht Sheryl Connelly den Job seit sieben Jahren, und dass der Erfolg ihrer Arbeit „nur schwer zu messen“ sei, räumt die Juristin freimütig ein. Dennoch hat ihr Wort Gewicht bei Ford, wo sie seit 1996 arbeitet. Es kommt vor, dass Konzernschef Alan Mulally sie ins Büro bietet, um über „die Welt da draußen“ zu plaudern. Und dabei kommt dieser bisweilen ins Grübeln: „Ich habe alles dafür getan, so viele Autos wie möglich zu verkaufen. Inzwischen habe ich Angst, was mit dieser Welt geschieht, wenn mir das gelingt“, soll Mulally einmal sinniert haben.

Das ganze Auto bebt und wackelt

Joël Verstrate zittert am ganzen Körper. Er sitzt am Steuer eines Mondeo und wird durchgerüttelt, das ganze Auto bebt und wackelt. Verstrate jagt die Limousine über Buckelpisten und Kopfsteinpflaster, Spurrillen, löchrigen Asphalt und Schienen.

Noch tut Ford – wie die Konkurrenz – alles dafür, möglichst viele Autos zu verkaufen, und an Orten wie Lommel wird getestet, wie robust Neuentwicklungen sind. „Du musst hinhören, auf jedes Geräusch achten. Wenn dir eines auffällt, dass du nicht kennst, stimmt was nicht“, schreit er gegen den Lärm an und steuert auf einige Betonschwellen zu.

In einem Auto, das klappert, fühlt sich keiner gut aufgehoben, aber der Anspruch, geborgen zu sein in seinen Wagen, wird immer wichtiger. „Steigendes Sicherheitsbedürfnis der Menschen ist einer der vorherrschenden globalen Trends“, sagt Sheryl Connelly. „Weltweit sinkt das Ausmaß von Kriminalität. Aber weil rund um die Uhr immer mehr Informationen auf uns einprasseln, haben wir zunehmend das Gefühl, verwundbar zu sein“, sagt sie.

Dass zumindest in den Industriestaaten die Menschen immer älter und bequemer werden, ist eine Entwicklung, die sich seit Langem abzeichnet. Neu ist hingegen der Trend, jederzeit Informationen aufsaugen zu wollen, sagt Connelly. Das macht Handys mit Internet und Tablet-PCs so attraktiv. „Wer viele Informationen hat, kann sich verunsichert fühlen. Man kann aber auch den Eindruck bekommen, alles besser einschätzen und unter Kontrolle haben zu können“, meint sie.

Dass Erkenntnisse wie diese zu einem eigenen Typ Auto führen können, zeigen die Sport Utility Vehicles, kurz SUVs. Jedem ist klar, dass man mit diesen Stadt-Geländelimousinen nicht ins Gelände will; die hochgebockten, schweren Schein-Jeeps erleichtern aber das Einsteigen und verschaffen dem Fahrer einen guten Überblick – er fühlt sich wie auf der Brücke eines Tankers. Damit erfüllt der SUV die Anforderungen, die sich aus den genannten Trends ergeben.

Nun muss man kein Futurist sein, um Entwicklungen wie die Alterung der Bevölkerung oder die zunehmende Verstädterung zu erkennen und sich die Folgen auszumalen, so wie Sheryl Connelly es tut. „Viele Trends sind dem Ford-Management natürlich bekannt. Das sind ja keine Menschen vom anderen Stern“, sagt sie.

Aber in einem Automobilkonzern sei es wichtig, immer wieder auf neue Entwicklungen und Veränderungen in der Gesellschaft hinzuweisen. Sonst siege am Ende das Interesse an technischen Details wie etwa PS-Stärke und flottes Design.

Wer Trends entdecken will, muss unterwegs sein

Sheryl Connelly steht in einem der beiden Gebäude des Areals von Lommel und betrachtet ein zu Demonstrationszwecken ausgebreitetes Cockpit. Es sieht aus, als könnte man damit nicht nur ein Auto, sondern ein Raumschiff steuern. Sie wirkt müde, hat kaum geschlafen vor dem Besuch in Belgien „Drei Stunden, dann noch mal zwei auf dem Rücksitz eines Transit“, sagt sie.

Wer wissen will, was morgen gefragt ist, muss unterwegs sein. Manche Trends kann man gar nicht übersehen. Dass Technik immer kleiner wird zum Beispiel. „Schauen Sie sich die Handys an, die PCs, Fernseher“, sagt sie. Entscheidend ist es, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Für die Automobilhersteller bedeutet das, die Chance für kleinere Fahrzeuge zu erkennen.

„Das mit dem Boom der Kleinwagen in den USA hat circa 2005 angefangen“, erinnert sich Sheryl Connelly. „Früher hatte eine übliche Familie zwei große Autos. Heute gibt es eines und dazu einen Kleinwagen.“ Was natürlich auch an der zurückliegenden Krise und den gestiegenen Spritpreisen liegt. Doch inzwischen sind kleinere Autos im Land der Pick-ups und SUVs keine Frage der Not, sondern hoffähig – mancherorts jedenfalls. „Klar würde ich in einem Ford Fiesta zu einer wichtigen Einladung vorfahren. In einem Kleinwagen immer, aber niemals im falschen Outfit, einer schlechten Tasche oder mit ungemachten Haaren“, sagt Sheryl Connelly.

Viele Entwicklungen sind jedoch nicht ohne Weiteres zu erkennen. „Ich muss sehr genau auf Veränderungen im sozialen Bereich, in der Politik oder im Wirtschaftsleben achten“, sagt Sheryl Connelly – denn dort liegen die Quellen für Phänomene, die zu Trends werden. Wie die Tatsache, dass junge Menschen zunehmend die Lust am Auto verlieren und ihr Geld lieber für Medien und Kommunikation ausgeben.

Oder dass die Zahl derer steigt, die mobil sein, aber kein eigenes Auto besitzen wollen, weil das im Durchschnitt 23 Stunden am Tag steht und dennoch Kosten verursacht. Um die Hintergründe zu verstehen, muss man Studien und Statistiken wälzen. „95 Prozent meiner Arbeit besteht aus Lesen“, sagt die Trendforscherin.

In Japan ist die wachsende Unlust am Auto, die Formen einer „Demotorisierung“ angenommen hat, so gut erforscht, dass es einen eigenen Begriff dafür gibt: Kuruma Banare. Das beschäftigt auch Sheryl Connelly. Ein Lösungsansatz kam ihr, als sie in Korea ein Handy entdeckte, das den Blutzuckerspiegel messen kann.

„Da habe ich mir gedacht, das sollte im Auto auch funktionieren. Warum soll ein Automobil weniger können als ein Mobiltelefon?“ Die Fahrzeuge hätten viel mehr Potenzial, als nur Menschen von A nach B zu bringen. Hört die Ford-Chefetage auf sie? Sheryl Connelly lächelt verschmitzt: „Manchmal ja, manchmal nein.“