Griechen-Pleite

Europas Angst vor einem Flächenbrand

Die Euro-Zone fürchtet einen Domino-Effekt, sollte Griechenland pleite gehen. Ökonomen erklären, was ihn verhindert und was ihn verursacht.

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Der Sommer 1997 beginnt für Anleger ruhig. Die Übergabe Hongkongs an China durch Großbritannien am 1. Juli ist noch das spannendste Thema, das Anleger bewegt. Doch nur einen Tag später sorgt ein anderes asiatisches Land kräftig für Schlagzeilen: Thailand.

Nachdem internationale Investoren aus dem Land geflüchtet sind, sieht sich die thailändische Regierung gezwungen, den Wechselkurs ihrer Landeswährung Baht freizugeben. Die Währung, bis dahin an den Dollar gebunden, wertet deutlich ab. Banken und Unternehmen können ihre Schulden in Dollar nicht mehr bedienen, Firmen gehen pleite.

Doch die Turbulenzen sind nur der Auftakt für eine viel größere Krise. Über Asien breitet sich eine Vertrauenskrise aus. Was als Währungsproblem eines Landes beginnt, bedroht bald Banken, Aktienmärkte und ganze Volkswirtschaften in der Region. Das südkoreanische Bruttoinlandsprodukt fällt 1998 um 41 Prozent, das der indonesischen Wirtschaft um 60 Prozent. Selbst weit entfernte Schwellenländer wie Brasilien oder Russland geraten in den Sog.

Die Asien-Krise gilt heute als warnendes Beispiel dafür, wie die Krise eines Landes zu einem Flächenbrand werden kann. Europäische Notenbanker und Regierungschefs haben Thailand vor Augen, wenn sie an einer Lösung für die Staatsschuldenkrise in Europa arbeiten. Wie bei der Krise 1997 fürchten sie auch in der Euro-Zone einen Dominoeffekt, nur nicht ausgelöst durch eine Währungsabwertung, sondern durch eine Pleite Griechenlands. Wird Athen insolvent , so die Logik, erwarten Anleger das auch für die anderen unsicheren Kantonisten im Euro-Chor: Irland, Portugal, Spanien und vor allem Italien.

Die Währungsunion wäre dann am Ende. Deswegen kämpfen die Regierungen so verzweifelt darum, Griechenland so lange wie möglich über Wasser zu halten. Doch ob von Athen tatsächlich eine Ansteckungsgefahr ausgeht, ist für Ökonomen keinesfalls eine so ausgemachte Sache.

„Wenn die Politik eine Pleite Griechenlands richtig vorbereitet, kann eine Ansteckung auf andere Länder vermieden werden“, sagt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Es gibt weder logische Argumente noch historische Beispiele dafür, dass Länder pleitegehen, nur weil ein Nachbarland insolvent ist“, sagt Charles Blitzer, der zehn Jahre beim Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitete und sich dort mit Staatsinsolvenzen beschäftigte.

Liegen Regierungschefs und Notenbanker mit ihrer Rettungslogik also falsch? Möglich. Aber das auszutesten wäre ein Spiel mit dem Feuer. Eine Ansteckung kann über verschiedene Kanäle laufen. Eine Möglichkeit: Die Krise dämpft die Nachfrage in einem Land so stark, dass die Nachbarn ihre Waren dort nicht mehr absetzen können und ihre Konjunktur ebenfalls einbricht.

Griechenlands Wirtschaft ist aber zu klein, als dass sie im Fall einer Pleite die Konjunktur in einem anderen Krisenstaat auf Talfahrt schicken könnte. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass Griechenland durch eine Abwertung so wettbewerbsfähig wird, dass das Land andere mit der Stärke seiner Wirtschaft an die Wand drücken könnte.

"Griechenland geht durch die Hölle"

Ansteckungsgefahren aus einer Pleite Griechenlands könnten sich deshalb eher über die Nervenbahnen der Finanzwirtschaft auf dem Kontinent ausbreiten. IWF-Mann Blitzer glaubt allerdings nicht, dass ein solcher Bankrott die Unsicherheit auf den Finanzmärkten erhöhen würde. „Das Land geht durch die Hölle. Weder Spanien noch Italien wollen Griechenland nacheifern.“

Als Argentinien 2001 pleitegegangen sei, hätten andere südamerikanische Länder ihre Sparanstrengungen verdoppelt, um zu signalisieren, sie seien zahlungsfähig. Das Problem in Europa heute sei vielmehr, dass jeder wisse, Griechenland müsse umgeschuldet werden – nur scheue sich die Politik davor. Das sorge für Unsicherheit unter Investoren und nicht die Ansteckungsgefahr, so Blitzer. Auch sind die Märkte inzwischen auf eine Pleite Athens vorbereitet. Nur wenn Schuldenrestrukturierungen plötzlich und unerwartet kämen, wäre das ein Weckruf für Investoren. Panisch nehmen sie auch die Schwächern von Nachbarländern unter die Lupe.

Doch im Falle Griechenlands könne man wahrlich nicht mehr vor einer Überraschung sprechen, wenn das Land pleitegehe, argumentieren Ökonomen. Das Problem ist nur: Das sind nicht mehr als Vermutungen. Die Reaktion der Anleger auf solche Ereignisse ist wenig erforscht.

Der Ökonom Markus Brunnermeier, der an der amerikanischen Elite-Universität Princeton Finanzkrisen untersucht, hat einen überraschenden Fall von Ansteckung entdeckt, als er die Russlandkrise Mitte der 90er-Jahre untersuchte. „In der russischen Staatsschuldenkrise schnellten plötzlich auch die Renditen für brasilianische Staatsanleihen nach oben. Das hatte gravierende Folgen für die brasilianische Wirtschaft“, so Brunnermeier. Bis heute sei nicht klar, warum Anleger so reagierten. „Die beiden Volkswirtschaften waren damals kaum verbunden.“

Genau aus diesem Grund hält Holger Schmieding von der Berenberg Bank nichts von einer zügigen Umschuldung: „Ich kenne auf dem Finanzmarkt niemanden, der eine Ansteckungsgefahr durch eine Pleite Griechenlands nicht für eine reale Gefahr hält. Da können Forscher aus ihren Elfenbeintürmen noch so sehr das Gegenteil behaupten.“

Präzendenzfall für Italien

Wenn Griechenland umgeschuldet wird, kann die Politik zwar beteuern, Italien werde nicht das gleiche Schicksal ereilen. Die Frage ist nur, ob die Portfoliomanager in Asien oder der USA das der Politik dann noch glauben. „Griechenland wird von Investoren als Präzedenzfall für Italien gesehen“, warnt Schmieding.

Werde Griechenland umgeschuldet, werde auch die geplante Versicherung für italienische Staatsanleihen die Anleger nicht mehr beruhigen. Sie würden ihre italienischen Staatsanleihen auf den Markt werfen aus Angst, noch höhere Verluste einzufahren, wenn sie sie behielten. Italien wäre dann pleite – und der GAU für die Währungsunion eingetreten. Schon einmal sei das Experiment einer Gläubigerbeteiligung schiefgelaufen, warnt Schmieding. In den eineinhalb Jahren der Griechenland-Rettung sei die Konjunktur in Deutschland gut gelaufen. Doch als im Juli bei der Rettung Griechenlands eine Gläubigerbeteiligung beschlossen wurde, stürzten die Frühindikatoren plötzlich ab.

„Das mag Zufall sein. Oder aber eben auch nicht. Das noch mal in größerem Ausmaß zu testen, kann man riskieren. Es kann dann aber in eine Katastrophe führen.“ Brunnermeier glaubt, dass die Politik eine großflächige Ansteckung der Euro-Zone, etwa auch von Spanien und Italien, immer noch verhindern kann. Italien erwirtschaftet sogar einen Überschuss, wenn man Zinszahlungen nicht berücksichtigt. „In dieser Situation können Italien und Spanien noch viel tun, um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen.“

Doch auch wenn Spanien oder Italien die Konsolidierung ihrer Staatsfinanzen gelingen sollte – die Länder werden dafür noch Jahre brauchen. Eine Umschuldung Griechenlands wird so lange aber nicht mehr aufgeschoben werden können. Was also tun? „Die Politik muss den Mut haben, Griechenland zu stigmatisieren und als Einzelfall darstellen“, sagt Langhammer.

Zugleich müsse die Politik die Märkte im Unklaren darüber lassen, wie viel Geld für Rettungsaktionen sie in der Hinterhand hat. Anderenfalls würden diese immer in Zweifel ziehen, ob das Geld auch langt. Politiker und Ökonomen arbeiten deshalb fieberhaft an einer Art „Zaun“ um Griechenland, um eine Ansteckung zu vermeiden. Bislang hatten sie damit keinen Erfolg.

Einige Ökonomen sehen deshalb nur noch einen radikalen Ausweg. „Keine Währung der Welt überlebt, wenn die Zentralbank nicht hinter ihr steht“, sagt Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Deshalb gebe es nur eine Lösung: Die Europäische Zentralbank müsse glaubwürdig erklären, dass sie im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen wird. Für solch ein Vorgehen gibt es erfolgreiche Beispiele. Als Mexiko Mitte der 90er-Jahre in eine Krise geriet, sagte der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan nur, eine Währungskrise in Mexiko liege nicht im amerikanischen Interesse.

Allein dieser Satz habe die Märkte schwer beeindruckt. Auch die schweizerische Notenbank erzielte mit ihrer Ankündigung, den aufgewerteten Franken stabil halten zu wollen, den gewünschten Effekt. Doch so ein Vorgehen ist in der Euro-Zone vorerst undenkbar. Deutschland und die Bundesbank fürchten, dass die Euro-Länder dann alle Sparanstrengungen aufgeben. Und das wäre der Anfang vom Ende des Euro.