Banker berichten

"Ja, ich bin genau dieser eine Böse"

Wie fühlt sich ein Banker, wenn Tausende Menschen weltweit gegen den Beruf protestieren? Sechs Betroffene aus Deutschland geben Antwort.

Foto: dapd

Wenn Uli Hoeneß über Millionengagen, Partys und teure Autos spricht, spricht er nicht immer über den Profifußball. Diesmal wandte sich der Präsident des FC Bayern München an die Banker im Lande: Sie hätten doch gar nichts aus der Krise gelernt.

Da würden nach wie vor die gleichen Partys gefeiert und die Ferraris gekauft, kritisierte er in einem Interview und stimmte damit in den Chor der Demonstranten ein, die seit Tagen – auch in Frankfurt am Main – gegen die Finanzbranche protestieren.

Einen Dialog zwischen der Branche und der Bewegung gab es hingegen bisher kaum. Morgenpost Online hat sechs Banker gefragt, wie sie mit den Angriffen auf ihren Berufsstand umgehen.

Hans Müller*, 40, Derivatehändler:

Wenn ich zu einer Party gehe, sage ich inzwischen immer zuallererst: „Ja, ich bin genau dieser eine Böse. Ich mache die Derivate.“ Dieser Sarkasmus nimmt den Leuten gleich den Wind aus den Segeln und die Diskussion wird von vornherein nicht so boshaft. Mit der Strategie komme ich ganz gut durch, ohne persönlich angegriffen zu werden.

Während der Beruf früher sehr angesehen war, ist der soziale Status inzwischen stark ins Wanken gekommen. Früher war es so, dass die Leute auf mich zustürmten und Aktientipps haben wollten. Jetzt sind sie zurückhaltend. Dass es jetzt Demos gibt, finde ich einerseits gut, weil es zeigt, dass die Deutschen auch endlich ihren Hintern hochbringen. Aber andererseits gehen die Demonstrationen in die völlig falsche Richtung.

Wir haben eine Staatsschuldenkrise, die Schuldigen sind also viel mehr bei der Politik als bei den Banken zu suchen. Ich finde es erschreckend, wie leicht sich die Menschen haben umleiten lassen. Zuerst waren sie auf die Politik sauer, aber mit populistischen Sprüchen haben die es geschafft, den Hass umzuleiten. Die Naivität der Leute ärgert mich. Ich fühle mich durch die Demonstrationen zu Unrecht angegriffen.

Und obendrein wird der Berufsstand dann noch von einigen Medien ziemlich verunglimpft. Die Leute übersehen dabei, welcher Druck auf den Bankern liegt. In den 15 Jahren, die ich in der Branche arbeite, musste ich mehrere Kündigungswellen überstehen. Früher hieß es immer, das seien sichere Jobs. Von wegen! Wer in London im Investmentbanking arbeitet, weiß, dass man im Ernstfall von heute auf morgen eine Kiste mit den persönlichen Dingen in die Hand gedrückt bekommt. Das steht auch jetzt wieder an. Das ist psychologisch ganz schön hart. Zudem verdienen nur ein paar wenige Stars die Millionen, von denen die Leute immer reden.

Es ist sogar ganz im Gegenteil so, dass jede Krise voll auf unseren Geldbeutel durchschlägt, weil ein großer Teil des Gehalts aus Aktien besteht. Wenn der Markt so runtergeht wie in den vergangenen Jahren, spüren wir das deutlich.

Wer behauptet, dass es uns egal ist, wie sich der Markt entwickelt, springt wirklich zu kurz: Das interessiert uns schon aus Eigeninteresse. Was mich auch ärgert, ist, dass sich der Hass nur auf die Privatbanken bezieht. Schließlich haben doch die Landesbanker kräftig gezockt. Und wie die Sparkassen von der Lokalpolitik vereinnahmt werden, will auch niemand wirklich wissen.

Michael Harneit, 39, Hedgefonds-Manager:

Wenn ich sage, dass ich Geschäftsführer beim Hedgefonds Superfund bin, werde ich schon manchmal komisch angesehen. Aber wenn ich dann genauer erkläre, wie unser Ansatz funktioniert und dass wir bestehenden Trends folgen und nicht Märkte bewegen, dann reagieren die Leute schon wieder ganz anders.

Viele fragen mich nach meiner Einschätzung, wie es an den Märkten weitergeht, was das für den Euro bedeutet und was ein Schuldenschnitt in Griechenland für Konsequenzen hätte. Ich bemerke eine große Verunsicherung in der Bevölkerung. Und ich kann auch verstehen, dass sie auf die Straße gehen und ihren Unmut äußern. Dass manche Investmenthäuser heute schon wieder fette Boni zahlen, obwohl sie noch vor Kurzem vom Staat gerettet wurden, ist wirklich nicht nachvollziehbar. Direkt angesprochen fühle ich mich durch die Demos nicht. Wir als Branche haben unser Fett schon 2005 abbekommen, als Franz Müntefering den Begriff „Heuschrecke“ aufbrachte.

Dieser Ruf lastet uns bis heute an. Durch persönliche Gespräche kann man vieles geraderücken. Doch die Skepsis bei der Masse bleibt. Im privaten Umfeld reagieren meine Eltern und Freunde eher besorgt auf die Situation. Früher waren meine Eltern stolz auf mich, als ich nach dem Studium bei einer amerikanischen Investmentbank angefangen habe. Der Job galt als seriös und sicher.

Heute stimmt beides für den Bankensektor nicht mehr. Als ich 1996 nach meinem Studium angefangen habe, boomte der Markt. Die Telekom kam an den Markt, monatlich wurden neue Höchststände im Dax gefeiert. Es war wie im Schlaraffenland. Damals wurden auf dem Parket in Frankfurt noch Champagner-Partys bis zum Umfallen gefeiert.

Heute wird Wasser statt Wein zum Mittagessen getrunken. Aus der Megastimmung ist eine Depression geworden. Trotzdem habe ich nie mit dem Gedanken gespielt, aus der Branche auszusteigen. Früher habe ich wegen des Geldes gearbeitet, heute mache ich es, weil es mir Spaß macht. Wenn wir Geld verdienen, verdienen unsere Investoren auch. Das ist doch ein gutes Prinzip.

Björn Wißuwa, 40, Kundenbetreuer:

Es kommt schon mal vor, dass man mit den spöttischen Worten „Da ist ja der Schuldige für die Krise“ begrüßt, oder als „Raubritter“ bezeichnet wird. Manchmal kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln, was Leute über die Branche denken. Ich erwarte ja nicht, dass man uns auf die Schulter klopft, aber über Banker zu reden als seien sie Schwerverbrecher, das finde ich wirklich daneben. Man tut so, als seien alle Banker gleich.

Dabei treffen viele der Vorurteile nur auf einen kleinen Teilbereich zu. Ich merke immer wieder, wie abstrus die Vorstellungen sind, was ein Bankangestellter verdient. Ein Bankkaufmann verdient nach der Ausbildung gerade mal gute 1000 Euro netto. Und danach geht es nur langsam aufwärts. Die Gehälter sind auch kein Geheimnis, sondern orientieren sich am öffentlichen Dienst.

Die meisten verdienen deutlich unter 50.000 Euro brutto im Jahr. Früher war das Ansehen meines Berufs ein ganz anderes als heute. Als ich vor 21 Jahren in der Bank begonnen habe, hat man zu mir anerkennend gesagt: „Oh, du arbeitest in einer Bank.“ Heute sagen die Leute: „Oh Gott, du bist Banker.“ Die Kollektivschelte stört mich. Es stimmt, dass einige Großbanken aus der Krise nicht gelernt haben. Und ja, einige sind arrogant. Aber nicht jeder, der sich eine Krawatte umbindet, ist ein Betrüger. Dass Menschen auf die Straße gehen, ist ein demokratisches Recht. Aber ich habe das Gefühl, dass die Proteste in erster Linie Events sind.

Und sie sind eine Bühne für Unzufriedene aller Art. Klare Botschaften habe ich noch nicht herausgehört. Wir müssen aufpassen, dass das nicht zum Nährboden für extreme Gruppen auf beiden Seiten des politischen Spektrums wird.

Nino Lötze, 35, Berater für vermögende Kunden und Betriebsrat:

Ich kann es teilweise nachvollziehen, wenn Menschen gegen das Investmentbanking demonstrieren, da dortige Transaktionen für den Normalverbraucher unverständlich sein können. Für uns normale Kundenberater sind diese Art von Geschäften weit weg. Deswegen fühle ich mich auch nicht angesprochen. Hier im Flachland in und um Rostock ist ohnehin wenig von Occupy zu spüren.

Vermutlich haben es deswegen die Leute hier auch nicht so präsent, zumal Millionen-Boni hier kein Thema sind. Spöttische Kommentare musste ich mir jedenfalls bisher nicht anhören, aber eines ist auch klar: Das gute Image des Berufs des Bankkaufmannes hat in den letzten Jahren extrem gelitten. Man spürt das auch beim Nachwuchsrecruiting: Immer weniger junge Leute sind bereit, das schlechtere Image in Kauf zu nehmen.

Vor allem der Vertrieb ist in Verruf geraten, weil vor allem auf die Zahlen geschaut wird. Dabei haben im Kollegenkreis nach wie vor kaufmännische Ehrlichkeit und Werte oberste Priorität. Aber wer nicht in jedem Kunden-Gespräch ordentlich Gas gibt, hat ein Problem. Dem Druck halten nicht alle stand.

Natascha Langen*, 31, Betreuerin vermögender Privatkunden:

Als ich Bundesfinanzminister Schäuble vor ein paar Tagen über die Banken herziehen hörte, habe ich fassungslos vor dem Fernseher gesessen. Woher kommt dieser Hass? Ich will mich einer Diskussion über die Rolle der Banken gerne stellen, war auch bei den Demonstranten vor der EZB in Frankfurt und habe versucht, ins Gespräch zu kommen. Doch aus meiner Sicht wurden dort vor allem Plattitüden vom Stapel gelassen, wenig Konkretes, wenig Reflektiertes.

Es ist alles schlecht, die Banken, die Politik, einfach alles. Aber über diese Schuldzuweisungen hinaus kommt nichts. Da sagt dann einer: „Es kann nicht so weitergehen mit den Banken, die ruinieren uns alle.“ Als ich dann fragte, was ihn konkret störe, bekam ich keine Antwort. Und als ich sagte, dass ich selbst in der Finanzindustrie arbeite, war das Gespräch gleich beendet. Er fragte gar nicht, in welchem Bereich oder bei welcher Bank ich denn sei. Stattdessen kam nur noch: „Wie kannst du nur in dieser Abzocker-Branche arbeiten?“ Ich konnte wesentlich besser damit umgehen, als Kunden sich in der Finanzkrise beschwerten, weil sie viel Geld verloren hatten und sich schlecht beraten fühlten.

Da war die Kritik konkret, man konnte diskutieren, was schlecht gelaufen ist und verbessert werden muss. Das ist bei den derzeitigen Protesten anders. Aber ich scheue solche Konfrontationen nicht: Ich sage immer noch überall, dass ich in einer Bank arbeite. Ich fange nicht an rumzudrucksen. Denn ich sehe zwar sehr wohl, dass es Fehler gab in der Branche. Aber zumindest ich und meine unmittelbaren Kollegen sind überzeugt, dass wir unsere Kunden nach bestem Wissen und Gewissen beraten haben.

Torsten Wacker, 46, Wertpapierberater und Betriebsrat:

Am liebsten würde ich mich unter das Volk mischen und den Leuten erklären, dass Banker nicht gleich Banker ist. Es wird derzeit alles auf einen Nenner gebracht – und das stimmt mit der Realität nicht überein. Zum Beispiel gibt es im Genossenschaftssektor keine üppigen Boni, da geht es maximal um ein Monatsgehalt. Aber das wissen viele nicht.

Früher haben alle zu mir gesagt: Mensch, du hast einen tollen Job. Das ist aber nun schon mehr als 20 Jahre her. Heute ist der Job alles andere als ein Renner. Inzwischen empfiehlt nicht einmal mehr das Arbeitsamt den Beruf. Ich kann mich erinnern, dass es früher auf zehn Stellen 500 Bewerber gab – heute sind es vielleicht 50.

Und trotzdem würde ich den Beruf noch mal wählen. Ich glaube schon, dass ein Einzelner etwas verändern kann. Ich habe irgendwann für mich die Entscheidung getroffen, dass ich nur noch Produkte verkaufe, von denen ich voll und ganz überzeugt bin. Das hat mir zwar das ein oder andere kritische Gespräch eingebracht, aber ich bin mit dieser Einstellung bisher ganz gut durchgekommen.

*Name geändert