Energie

Russland beliefert lieber China mit Gas als Europa

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Eduard Steiner

Foto: picture-alliance/ dpa

Europa sehe Russland nur als Gasexport-Monster, klagt der russische Energieminister. Da ist ihm der freundliche Nachbar China doch lieber.

Manchmal ist der Fortschritt langweilig: Diesmal fragten westliche Reporter gar nicht mehr nach der Möglichkeit eines Gaskrieges zur Jahreswende, beklagte sich der russische Energieminister Sergej Schmatko am Wochenende. Er sprach im Scherz – er sei recht erleichtert über das nachlassende Interesse am Gasstreit. Ein Problem aber bleibe: dass Russland in Europa immer noch als Rohstoffkoloss wahrgenommen – und auf ein Öl- und Gasexport-Monster reduziert werde.

Noch rechtzeitig vor dem Jahreswechsel hat Schmatko eine Handvoll westlicher Journalisten in Moskau zusammengetrommelt. Vorbei die Jahre, da er Transitschwierigkeiten mit der Ukraine erklären und Russlands Position rechtfertigen musste. Seine neue Story ist China. Und die Botschaft: Der Energiedialog mit China habe sich in den vergangenen zwei Jahren – und besonders 2010 – prächtig entwickelt. „Eine neue Herausforderung, ein neuer Markt, ein neuer strategischer, langfristiger Partner“, sagt Schmatko und greift auf ein russisches Sprichwort zurück: „Ein guter Nachbar ist besser als ein schlechter Verwandter.“

Die neue Energie-Freundschaft mit China sei „ganz klar“ nicht gegen Europa gerichtet, wie Schmatko, der in Deutschland studiert hat und ein Freund Europas ist, betont. Europa, dessen Gasverbrauch zu einem Viertel von Russland gedeckt wird und das dem russischen Gaskonzern Gazprom noch immer den Löwenanteil seiner Einnahmen beschert, werde auch auf „mindestens zehn Jahre der größte Markt für Russland bleiben“, sagt Schmatko wie zur Beruhigung.

Allein, die Entwicklung des Gasexports in den Osten, mit der Russland den Europäern schon vor Jahren selbstherrlich gedroht hat, gewinnt an Fahrt. Um die 70 bis 80 Milliarden Kubikmeter Gas werde man nach Aufbau der Infrastruktur in sieben bis acht Jahren jährlich liefern, sagt Schmatko. Rechne man andere neue Märkte in Ostasien hinzu, so werde die Gasexportmenge im kommenden Jahrzehnt zu der nach Europa aufschließen.

Dorthin hat Gazprom im Vorkrisenjahr 2008 159 Milliarden Kubikmeter geliefert, was dem Eineinhalbfachen des deutschen Jahresverbrauches entspricht. In der Krise freilich hat Gazprom in Europa Marktanteile verloren, weil es mit seinen langfristigen Lieferverträgen preislich nicht mit dem an der Börse gehandelten Gas mithalten konnte und wollte. Der Preiskampf war nicht nur durch die geringere Nachfrage zustande gekommen, sondern auch dadurch, dass etwa Katar seine Exportströme von den USA nach Europa umlenkte, nachdem die USA mit massiver Förderung aus Schiefer, das sogenannte Shale-Gas importunabhängig geworden waren.

Europa will keine einseitige Abhängigkeit

Als Folge ging Gazproms Absatz in Europa im Vorjahr empfindlich zurück und wird auch 2010 um neun bis zwölf Prozent unter dem Vorkrisenniveau liegen. Für 2011 sind die Prognosen wieder optimistischer. Russlands Energiedialog mit Europa gestaltet sich dementsprechend schwierig. Europa will keine einseitige Abhängigkeit von Russland, aber die Gewissheit, dass die bestellte Ware auch ankommt. Russland seinerseits will Nachfragesicherheit. Auf diesem Prinzip wurde die Partnerschaft gebaut.

Dieses Prinzip aber ist ins Wanken geraten. „Europa hat sich mit seinen Perspektiven für den Gasverbrauch nicht festgelegt“, kritisiert Schmatko. Wegen der Unklarheiten über den künftigen Anteil an Erneuerbaren Energien bekomme man aus Europa an Gasbedarfs-Prognosen zwischen 300 bis 700 Milliarden Kubikmetern im Jahr zu hören – das aber ist Schmatko zu ungenau. Russland gehe von einem auch künftig hohen Gasverbrauch in Europa aus, sagt er: „Russland hat genug Gas, um in den Westen und in den Osten zu liefern.“

So vielversprechend der neue China-Vektor präsentiert wird, so viele Stolpersteine hat er. Russland hat bislang keine Gastransportrouten ins Reich der Mitte, das seinen Gasanteil am gesamten Energieaufkommen von bisher mickrigen vier Prozent bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent bzw. 300 Milliarden Kubikmeter erhöhen will. Der Bau der großen Pipeline hängt aber von einer Einigung beim Preis ab. Hier zeigt sich China widerspenstig. „Soweit ich die Verhandlungen überblicke, nähern sich beide Seiten an“, sagt Schmatko: „Ich denke, dass die Hauptbedingungen des Deals nächstes Jahr abgeschlossen werden können.“

Russlands China-Story hängt freilich nicht nur am Gas. Tragende und treibende Kraft der neuen Partnerschaft ist der Ölsektor – und damit kein geringerer als der mächtige russische Vizepremier Igor Setschin. Als Aufsichtsratsvorsitzender des landesweit größten Ölkonzerns Rosneft hat er im Vorjahr für seinen Konzern 15 Milliarden Dollar Kredit aus China erhalten, der große Nachbar sicherte sich damit 20 Jahre Öllieferungen. Dazu kommt, dass Russland auch den Export von Kohle nach China „in nächster Zeit auf 20 Millionen Tonnen steigern“ wird, wie Schmatko erklärt. China ist weltweit größter Kohleverbraucher.

Zurück nach Europa: Hier hat Russland wenige Tage vor dem Jahreswechsel wieder einmal eingelenkt. Besser gesagt, wenige Tage vor der Präsidentenwahl am 19. Dezember im problematischen Transitstaat Weißrussland. Russland verzichtet auf die Exportzölle für Öl nach Weißrussland und greift dem wirtschaftlich angeschlagenen Langzeitautokraten Alexander Lukaschenko so mit 3,7 Milliarden Dollar an indirekten Dotationen unter die Arme, wie Schmatko erklärt. Lukaschenko hatte gedroht, sich stärker Europa zuzuwenden und vermehrt Öl und Gas in Venezuela zuzukaufen.