Kaum eine Woche hatte die Beruhigung an den Finanzmärkten gedauert, nun ist die Panik zurück. Der Deutsche Aktienindex (Dax) stürzte am Donnerstag erneut um über fünf Prozent ab, fiel unter 5600 Punkte. Zeitweise hatte er sich sogar gefährlich nahe der Marke von 5500 Zählern genähert. Auch die Aktienkurse auf der anderen Seite des Atlantiks rutschten tief in die Verlustzone.
Der amerikanische Dow-Jones-Index gab bereits in den ersten Handelsminuten um mehr als 500 Punkte nach. Parallel dazu kletterte der Goldpreis erneut über die Marke von 1800 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) und die Rendite für deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sank auf ein neues Allzeittief. Sie liegt nun nur noch knapp über zwei Prozent. Die entsprechenden US-Titel rutschten zeitweise sogar unter die Marke von zwei Prozent. Die Anleger flüchten also in sichere Häfen.
Ein Grund für diese neue Panik waren die jüngsten Inflationszahlen aus den USA. Um 3,6 Prozent sind die Preise demnach im Juli gestiegen, die Kerninflationsrate lag sogar so hoch wie seit Ende 2009 nicht mehr. Das jedoch bedeutet, dass die amerikanische Notenbank (Fed) wohl zögern wird, die Druckerpresse erneut anzuwerfen und die Finanzmärkte mit Geld zu fluten.
Zuletzt hatten viele Investoren jedoch erwartet, dass die Fed bei ihrer Konferenz in Jackson Hole Ende kommender Woche genau dies bekannt geben würde, als Reaktion auf die schwächelnde Wirtschaft. Bleibt die Öffnung der Geldschleusen nun jedoch aus, so droht der stete Geldfluss auszutrocknen, der die Börsen seit zwei Jahren aufrecht hält. Sie reagierten daher wie ein Drogenjunkie, der auf Entzug gesetzt wird: wild ausschlagend und ungehalten.
Zusätzlich sorgte ein Pressebericht in den USA für Wirbel, demzufolge die amerikanische Notenbank ein Übergreifen der europäischen Schuldenkrise auf das Bankensystem und damit auch auf US-Banken befürchte. Daher gehörten Banktitel erneut zu den größten Verlierern auf dem Parkett. Und wieder wurde die französische Großbank Société Générale besonders stark abgestraft. In der Spitze fiel ihr Kurs um über zwölf Prozent. Schon in der vergangenen Woche hatten Gerüchte um die Großbank zu einem Absturz der Aktie geführt.
Doch schon lange bevor die schlechten Nachrichten aus Amerika eingetroffen waren, am Morgen gegen 10.50 Uhr, waren die Frankfurter Aktienhändler auf dramatische Art in den Panikmodus zurückversetzt worden. Wie ein Stein fielen da die Kurslinien in die Tiefe. Wenige Minuten später setzte die Deutsche Börse den Handel im Dax-Future aus, dem wichtigsten Instrument für Wetten auf die künftige Entwicklung des Leitindex.
Eine solche Unterbrechung dient dazu, im Falle extremer Schwankungen den Computern und Händlern die Möglichkeit zu geben, sich erst mal wieder zu sammeln. Das taten sie auch, und zwei Minuten später ging der Handel weiter. Die Kurse fingen sich auch tatsächlich wieder, zunächst. Bis am Nachmittag die Nachrichten aus den USA kamen.
Keine Bestätigung für "Fat Finger"
Die ganze Zeit brodelte jedoch die Gerüchteküche um die Frage, was den plötzlichen Kurssturz am Morgen ausgelöst hatte. Von einem „Fat Finger“ war die Rede. Davon sprechen Börsianer, wenn ein Händler aufgrund seiner Wurstfinger beim Aufgeben einer Order die falschen Tasten drückt und dann aus Versehen beispielsweise statt 1000 Stück 100.000 Stück einer Aktie verkauft.
Allerdings gab es keine Bestätigung für dieses Gerücht, und Händler halten eine andere Erklärung für wahrscheinlicher: Die Urlaubszeit und der deshalb sehr dünne Handel. „Londoner Kollegen sagen uns, dass viele Kunden einfach den Blackberry ausgemacht haben“, sagt Michael Harbisch, Händler bei Jefferies International.
Ein Kunde habe ihm gesagt: „Ich gehe jetzt Angeln und es interessiert mich nicht!“ Dadurch sei der Markt von relativ wenigen Käufern und Verkäufern abhängig, was die Kursentwicklung unberechenbarer mache. Ablesen lässt sich dies am Volatilitätsindex VDax, der auch als Angstbarometer bezeichnet wird. Er misst die Schwankungsbreite im Handel. Während des Crashs in den ersten beiden Augustwochen hatte er in der Spitze einen Wert von fast 55 Zählern erreicht, war anschließend auf etwa 33 zurückgefallen. Nun stieg er wieder auf 43 Punkte. Nach der Lehman-Pleite war er in der größten Panik sogar bis auf 80 Punkte gestiegen.
Der August droht inzwischen zu einem der schlechtesten Börsenmonate seit langem zu werden. So schnell nach unten ging es selten. Noch vor drei Wochen hatte der Dax bei rund 7200 Punkten notiert. Treibende Kraft hinter dem seither stattfindenden Salami-Crash ist vor allem die zunehmende Gewissheit, dass sich die Konjunktur überall auf der Welt deutlich abkühlt. So hat die Investmentbank Morgan Stanley soeben ihre Prognose für das weltweite Wachstum für dieses Jahr von 4,2 auf 3,9 Prozent zurückgenommen, für das kommende sogar von 4,5 auf 3,8 Prozent.
Und besonders stark wären den Vorhersagen zufolge davon die Industriestaaten betroffen, deren Wirtschaft nur noch um 1,5 Prozent wachsen werde statt 1,9 Prozent (2011) bzw. 2,4 Prozent (2012). Immer mehr Investoren erwarten inzwischen aber sogar Schlimmeres, können sich sogar einen erneuten Rückfall in die Rezession vorstellen, vor allem in den USA. Die Sparprogramme der Regierungen, die wiederum von den Finanzmärkten erzwungen wurden, tun ihr Übriges, indem sie ebenfalls eine Belastung für die wirtschaftliche Entwicklung darstellen.
Schwellenländer bleiben Hoffnungsträger
Bleiben als einzige Hoffnungsträger derzeit noch die Schwellenländer. Doch inzwischen kristallisiert sich heraus, dass auch diese Hoffnung trügerisch ist. War Chinas Wirtschaft beispielsweise im vergangenen Jahr noch um 10,9 Prozent gewachsen, so erwartet die Deutsche Bank für dieses Jahr noch einen Zuwachs um 8,9 Prozent, für 2012 sogar nur noch 8,3 Prozent. Zu allem Überfluss sagte dann am Donnerstag auch noch der Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, Zhang Ping, dass die Wirtschaft seines Landes in den kommenden fünf Jahren um sieben Prozent jährlich wachsen werde.
Diese Zahl ist zwar nicht neu, sie steht so schon im aktuellen Fünfjahrplan, der im März vorgestellt wurde, und bisher war die Zahl in allen Fünfjahresplänen stets wesentlich niedriger angesetzt, als die Wirtschaft dann tatsächlich wuchs – man will schließlich am Ende der fünf Jahre Erfolge verkünden. Doch in der gegenwärtig angespannten Lage werden solche Aussagen plötzlich wörtlich genommen.
Von einer weiteren Abkühlung der Konjunktur im Reich der Mitte wären vor allem Deutschlands Unternehmen betroffen, die mehr als alle anderen dorthin exportieren. Daher traf es den Dax am Donnerstag auch wieder heftiger als die meisten anderen Indizes. Immerhin hielt aber auch diesmal die Marke von 5500 Punkten, die schon in der vergangenen Woche getestet worden war, und auch dabei nicht dauerhaft nach unten durchbrochen wurde.
Ob es auch diesmal nur ein Test der Marke war oder ob sie beim nächsten Anlauf tatsächlich nach unten durchbrochen wird, könnte sich schon am Freitag zeigen. Fällt diese Barriere, dann könnte allerdings auch der Weg des Aktienindex in tiefere Gefilde offen sein.


