Die Revolution lässt auf sich warten. Vielen Unkenrufen zum Trotz kaufen die Deutschen ihre Videospiele immer noch lieber beim Elektronikmarkt um die Ecke, als sie aus dem Internet herunterzuladen. „Der stationäre Handel ist bei uns nach wie vor die tragende Säule des Geschäfts“, sagte Xbox-Deutschland-Chef Oliver Kaltner Morgenpost Online auf der Kölner Gamescom-Messe. Microsoft mache rund 90 Prozent seiner Umsätze über Ladenbetreiber wie Media Markt oder Versandhändler.

Auch Playstation-Chef Kaz Hirai bezeichnete den stationären Handel im Morgenpost Online-Gespräch als „enorm wichtig“, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen. Beim einem der weltgrößten Spieleverlage, Electronic Arts (EA), liegt der Anteil nach eigenen Angaben bei knapp 80 Prozent.

Einige Analysten und Branchenvertreter waren zuletzt davon ausgegangen, dass das Download-Geschäft den traditionellen Einzelhandel rasch überflügelt. „Davon sind wir aber noch viele Jahre entfernt“, sagte Kaltner. Und dass, obwohl es mittlerweile ein umfangreiches Online-Angebot gibt. Portale wie Gamesload oder„Steam“ verkaufen aktuelle PC-Spiele, Microsoft und Sony vertreiben Hunderte Videospiele über „Xbox Live“ und das „Playstation Network“, auch EA hat einen eigenen „Store“ im Netz aufgebaut.

Doch viele Kunden bleiben skeptisch. „Der Spieler will etwas in der Hand halten und eine Sammlung im Regal stehen haben“, glaubt Hirai. Gut möglich, dass viele dabei an den Weiterverkauf denken. Spiele aus dem Internet sind häufig an eine E-Mail-Adresse oder ein Benutzerkonto gebunden; im Gegensatz zu Musikdateien lassen sie sich nur schwer kopieren.

Zudem hat sich eine Hoffnung bislang nicht bewahrheitet: sinkende Preise. Zwar fallen Kosten für Verpackung und Transport weg. „Die machen aber ohnehin nur einen kleinen Teil bei einem Videospiel aus“, sagte Kaltner. Top-Videospiele verschlingen in der Entwicklung bis zu 100 Millionen Dollar. Zudem fallen beim Online-Vertrieb Kosten für die Datenübertragung an, ebenso wie Margen für die Online-Händler und das Marketing. Folge: Spiele aus dem Internet sind häufig genauso teuer wie im Ladengeschäft.

Von der ausbleibenden Revolution profitiert ein zweiter Totgesagter: die Disc, also DVD- und Blu-ray-Scheiben. „Der physische Datenträger war nie erfolgreicher als heute“, sagte Kaltner. Neben Videospielen zeichnet sich dafür auch das Filmgeschäft aus. Der Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV) hatte im ersten Halbjahr ein Allzeithoch von 52 Millionen verkauften Datenträgern ermittelt – vor allem dank des Booms bei Blu-ray-Filmen. „Physische Datenträger wird es sicherlich noch länger als ein Jahrzehnt geben“, sagte Sony-Manager Hirai. Die Japaner würden davon profitieren: Die Blu-ray wurde unter anderem von Sony entwickelt.

Nun sieht es danach aus, als ließe der Innovationsdruck in der Branche nach. “Niemand vermisst derzeit neue Konsolen”, sagte EA-Deutschlandchef Olaf Coenen. Die aktuelle Generation hat zwar schon vier bis fünf Jahre auf dem Buckel. “Aber im Vergleich zu modernen PCs ist der Unterschied bei der Grafik noch nicht so groß”, sagte der Manager.

Microsoft hatte seine erste Xbox nach nur fünf Jahren abgelöst. Das derzeitige Modell soll es Konzernangaben zufolge eher auf acht bis zehn Jahre bringen. Sony redet lieber noch gar nicht von einer neuen Playstation. Harsai deutete lediglich an, dass er ebenfalls an einen Lebenszyklus von zehn Jahren glaube, was 2016 für die Playstation 4 bedeuten würde.

Kein Wunder, dass sich der Playstation-Chef zurückhält. Fängt die aktuelle Generation doch gerade erst an, die hohen Entwicklungskosten einzuspielen. Sony vermeldete auf der Gamescom stolz, dass die Playstation 3 mit einem Spieleumsatz von 135,9 Millionen Euro im vergangenen Halbjahr nun die erfolgreichste Plattform in Deutschland sei. Der PC liegt erstmals in der Geschichte mit 127,5 Mio. Euro nur auf Platz 2 – Immerhin das hört sich dann doch nach einer kleinen Revolution an.