Der nächste Schlag für die Weltwirtschaft nach einer ohnehin dramatischen Woche an den Börsen kam kurz nach Mitternacht mitteleuropäischer Zeit. Bis zum Börsenschluss in den USA und dem Aufbruch der US-Bürger ins Wochenende hatten die Verantwortlichen der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) gewartet – dann ließen sie die Bombe platzen. S&P entzog Amerika das Spitzenrating, das es seit sieben Jahrzehnten gehalten hatte. Die Kreditwürdigkeit der USA wurde von „AAA“, der Bestnote dieser Agentur, auf „AA+“ gesenkt. Die Entscheidung könnte die Ausgabe von Staatsanleihen für die USA verteuern und die wegen der Euro-Krise nervösen Aktienmärkte weiter verunsichern.
Bundesregierung in Schockstarre
Es gebe „politische Risiken“, dass die USA nicht die nötigen Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung ergreifen würden, erklärte S&P in Washington. Die Kürzungen der Etats gingen nicht weit genug. Daher seien die Aussichten negativ, sodass die Bewertung noch weiter abgesenkt werden könnte. Das Urteil von S&P zur Finanzpolitik und zum Krisenmanagement der US-Regierung ist vernichtend: „Die Politik am Rande des Abgrunds in den vergangenen Monaten zeigte klar, dass Amerikas Führung und politische Entscheidungsfindung weniger stabil, effektiv und berechenbar ist, als wir angenommen haben. Die Schuldengrenze und die Drohung mit dem Zahlungsausfall sind zum politischen Tauschobjekt im Streit über die Fiskalpolitik geworden“, schreiben die Experten von S&P.
In Deutschland nahm man die Nachricht aus den USA in einer Art Schockstarre auf. Regierungsmitarbeiter tauchten ab. „Einfach mal die Klappe halten“ wäre ein gutes Motto der Stunde, hieß es in Regierungskreisen lediglich. „Keinesfalls wollen wir als ungebetener Ratgeber erscheinen“, sagte ein Regierungsvertreter. In Wahrheit aber dürfte man angesichts der Ereignisse vor allem ratlos sein und die kommende Börsenwoche fürchten.
„Klar ist nur so viel“, sagte der stellvertretende Unionsfraktionschef im Bundestag, Michael Meister als erste Reaktion am Sonnabend, „dass das ein gewaltiger Einschnitt ist. Das wird massive Folgen haben. Das bedeutet für den Haushalt der USA höhere Zinslasten. Und das bedeutet, dass Zweifel an der Stabilität der Führungsmacht dieser Welt entstehen.“ Damit gehe wichtiges Vertrauen in die USA verloren. Ein Zinsanstieg werde das Wachstum der USA und das der Weltwirtschaft dämpfen. „Insofern ist das ein Vorgang, nach dem man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann“, sagte Fraktionsvize Meister.
Finanzexperten warnten unterdessen vor Panikreaktionen. „Die Herabstufung der USA war längst überfällig“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker. Der Markt habe diesen Schritt erwartet. Für Amerika werde es nun allerdings schwieriger, seine Wirtschaft über zusätzliche Schulden anzukurbeln. Anleger müssten sich an die gestiegene Unsicherheit gewöhnen. Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger versuchte zu beruhigen: „Die USA können nicht insolvent werden.“ Der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sagte allerdings, er erwarte einen Ausverkauf amerikanischer Staatsanleihen und weitere Turbulenzen an den Märkten.
Neben dem gigantischen Staatsdefizit ist die US-Ökonomie von weiteren Schuldenproblemen geprägt: Die Verbraucher – sie tragen die Wirtschaftsleistung der größten Volkswirtschaft zu 70 Prozent – konsumieren seit Jahren auf Pump. Und die Wirtschaft insgesamt verbraucht deutlich mehr, als sie selbst produziert. Ergebnis: Ein riesiges Handels- und Leistungsbilanzdefizit – vor allem gegenüber China, das seinerseits auf massenhafte Exporte nach Amerika angewiesen ist, um die boomende Wirtschaft der Volksrepublik in Schwung zu halten.
US-Medien berichteten, die US-Regierung habe sich dennoch bis zuletzt vehement gegen die Herabstufung durch S&P zur Wehr gesetzt. Dabei habe die Regierung der Agentur auch Rechenfehler vorgehalten, hieß es. Angeblich habe sich die Agentur in ihren langfristigen Schuldenprojektionen um zwei Billionen Dollar verkalkuliert.
Moody's und Fitch halten noch still
Der nach wochenlangem Tauziehen zwischen Demokraten und Republikanern erreichte Schuldendeal sieht eine Erhöhung des Schuldenlimits von derzeit 14,3 Billionen Dollar (rund zehn Billionen Euro) vor. Dies solle mit Sparmaßnahmen in Höhe von 2,5 Billionen Dollar (1,7 Billionen Euro) einhergehen. S&P hatte aber bereits zuvor gewarnt, es seien Einsparungen in Höhe von vier Billionen notwendig. Dagegen hatten die beiden US-Ratingagenturen Moody's und Fitch der US-Kreditwürdigkeit nach dem Schuldendeal weiter die Bestnote „AAA“ gegeben. Allerdings warnte Moody's, der weitere Ausblick sei negativ. Es bestehe das Risiko einer Herabstufung, falls die Haushaltsdisziplin in den USA im nächsten Jahr nachlassen sollte. Auch Fitch will die Schuldenentwicklung in den USA weiter scharf im Auge behalten.
Mit großer Sorge wird nun die Öffnung der Märkte am Montag erwartet. Setzt sich die Unsicherheit der vergangenen Woche fort? Skeptiker sagen, dass die „herabgestuften USA“ auch für die Märkte eine völlig neue Realität bedeuteten – und damit neue Unsicherheit.











