OECD-Studie

Industrienationen verlängern die Lebensarbeitszeit

Die OECD zeigt in einer Studie, dass der späte Renteneintritt weltweit zum Trend wird. Vor allem das Renteneintrittsalter für Frauen wird angehoben.

Später in Rente“, lautet nicht nur in Deutschland die Devise. In den meisten Industrienationen ist der einstige Trend zu kürzerer Lebensarbeitszeit in den vergangenen Jahren umgekehrt worden. Wie der aktuelle Rentenbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, haben 18 der 34 Mitgliedsländer das Renteneintrittsalter für Frauen angehoben; in 14 Ländern steigt auch die Altersgrenze für Männer.

Nach Einschätzung der Experten reichen diese Maßnahmen allerdings nicht aus, um die nationalen Rentenversicherungssysteme zukunftsfest zu machen. Auch müssten die Erwerbschancen der Älteren in vielen Ländern noch verbessert werden, mahnt die OECD.

Die Überalterung trifft alle Industrieländer. Allerdings sind die Auswirkungen nicht überall gleich groß. Denn Zuwanderung und Geburtenrate unterscheiden sich zum Teil erheblich. Bislang ist Deutschland das einzige Land, in dem die Bevölkerung zu schrumpfen begonnen hat. Auch ist die Kinderzahl hier seit Jahrzehnten besonders niedrig. Doch in allen OECD-Ländern werden in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit in den Ruhestand gehen.

Die längere Lebensarbeitszeit soll den Druck abfedern, der durch die demografische Entwicklung auf den Rentensystemen lastet. Mit der Anhebung der gesetzlichen Altersgrenze von 65 auf 67 Jahre gehört Deutschland zu den Vorreitern. Die US-Amerikaner, die ebenfalls die Rente mit 67 beschlossen haben, müssen schon heute bis 66 arbeiten.

Die Briten lassen sich mit der Umstellung etwas länger Zeit, wollen dafür aber ab 2050 erst mit 68 Jahren berenten. In Norwegen und Island gilt schon seit Jahrzehnten die Rente mit 67. Hierzulande verschiebt sich ab 2012 der Renteneintritt schrittweise. Der Jahrgang 1964 ist der erste, der mit 67 Jahren in Rente geht.

Derzeit liegt das gesetzliche Rentenalter im Durchschnitt aller OECD-Länder bei 62,9 Jahren für Männer und 61,8 Jahren für Frauen. In Deutschland gilt generell eine Altersgrenze von 65 Jahren. Tatsächlich gehen die meisten Deutschen allerdings deutlich früher in den Ruhestand: die Frauen durchschnittlich mit 60,5 und die Männer mit 61,8 Jahren.

Damit setzen sich die Bundesbürger im OECD-Vergleich besonders früh zur Ruhe. Zwar wechseln Italiener, Franzosen und Österreicher sogar noch früher in den Ruhestand. Doch Schweizer, US-Amerikaner und Briten arbeiten erheblich länger als die Deutschen. Und in einigen anderen Ländern sind viele Ältere sogar noch Jahre nach dem Erreichen der regulären Altersgrenze erwerbstätig. So hören Japaner im Durchschnitt erst mit über 70 Jahren auf zu arbeiten, ebenso Mexikaner und Koreaner.

An einem längerem Arbeitsleben führe kein Weg vorbei, sagte die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser: „Die Kunst wird es sein, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass mehr ältere Menschen eine passende Arbeit finden und behalten können.“ In Deutschland gebe es Schritte in die richtige Richtung. So habe sich im Vergleich zu 1970 die Erwerbsquote unter den 50- bis 64-Jährigen in Deutschland, Island, den Niederlanden und Neuseeland am stärksten erhöht. Häufigster Grund für den Anstieg ist der Studie zufolge die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen.

Eine Beschäftigung der über 65-Jährigen ist in Europa hingegen nach wie vor selten. Von den Menschen im Alter zwischen 65 und 69 Jahren arbeitet in Europa nicht einmal jeder Zehnte, stellten die OECD-Experten fest. In Island, Korea und Mexico sind es dagegen mehr als die Hälfte.

Es sei an der Zeit, „mit dem Vorurteil aufzuräumen, Ältere nähmen Jüngeren den Arbeitsplatz weg“, mahnte Queisser. Das Gegenteil sei der Fall. Länder, die ältere Menschen erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrierten, schafften das in der Regel auch bei den jüngeren. Wichtig ist laut Studie, die finanziellen Anreize so zu setzen, dass Arbeitnehmer ein Interesse haben, nicht vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze auszuscheiden.

In Griechenland werde die volle Rente nach 35 Beitragsjahren gewährt – entsprechend frühzeitig verabschieden sich viele Griechen aus dem Arbeitsleben. In Deutschland dagegen gibt es inzwischen für Vorruheständler kräftige Rentenabschläge.

Die OECD begrüßte, dass es mit Ausnahme von Japan inzwischen in jedem OECD-Land Gesetze gegen Altersdiskriminierung gebe. Dennoch mahnte Rentenexpertin Queisser: „Die Arbeitsbedingungen müssen auch auf die Bedürfnisse älterer Beschäftigter abgestimmt sein: flexible Arbeitszeiten, Weiterbildung, verbesserte betriebliche Gesundheitsvorsorge und aktive Karriereberatung müssen selbstverständlich werden.“ Deutschland nehme dabei mit seiner „Initiative neue Qualität der Arbeit“ eine Vorreiterrolle ein.

Wer heute in Deutschland mit 65 Jahren in Rente geht, hat statistisch gesehen, noch 17 Lebensjahre vor sich. Anfang der 70er-Jahre war die Rentenbezugszeit im Regelfall drei Jahre kürzer. Innerhalb der Europäischen Union gibt es zahlreiche Länder, die ihre Arbeitnehmer früher aufs Altenteil schicken und deren Rentenausgaben ohne Reformen extrem steigen werden.

So dauert die Rentenzeit nach Erreichen der Regelaltersgrenze in Frankreich im Schnitt fast 22 Jahre, in Italien 23 Jahre und in Griechenland gar 24 Jahre. Dies sind Spitzenwerte innerhalb der OECD. Lediglich die Türkei liegt mit einer durchschnittlichen Rentendauer von 31 Jahren noch darüber. Allerdings hat die Türkei aufgrund der kontinuierlich hohen Geburtenrate noch kein Alterungsproblem.

Die Bundesregierung drängt innerhalb der Europäischen Union auf Rentenreformen und insbesondere auf einen späteren Renteneinstieg, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schuldenstaaten zu erhöhen.

Die Altersgrenze ist indes nur eines der Instrumente der Rentenpolitik. Auch Kürzungen im Leistungsniveau stabilisieren die Kosten der Alterssicherung. In Deutschland sinkt das Rentenniveau in den kommenden Jahren auf 42 Prozent des Nettolohnniveaus.