Urlaub und Feiertage

Deutsche sind Freizeit-Europameister

Niemand in Europa bekommt mehr freie Tage. Mit Urlaub und Feiertagen kommen deutsche Beschäftigte nach einer EU-Studie auf 40 bezahlte freie Tage im Jahr. Allerdings sind sie auch Europameister bei den Überstunden.

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Die Deutschen sind Urlaubs-Europameister. Laut dem neuen „Arbeitszeitenreport 2010“ der Europäischen Union (EU) verfügen die Arbeitnehmer in Deutschland – ebenso wie in Dänemark – im Durchschnitt über 30 Tage bezahlten Urlaub im Jahr. Das geht nach Informationen Morgenpost Online aus den Erhebungen der „Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ (Eurofound), einer offiziellen Behörde der EU in Dublin, hervor.

Auch bei den Feiertagen ist Deutschland Spitze. Zusammen mit zehn Feiertagen haben die Beschäftigten hierzulande 40 bezahlte freie Tage. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt verfügen die Beschäftigten über 24,8 bezahlte Urlaubstage und 10,5 Feiertage – macht zusammen 35,3 Tage. Die oft gescholtenen griechischen Arbeitnehmer kommen sogar nur auf 23 Urlaubs- und zehn Feiertage – das sind 17 Prozent weniger als bei den Kollegen in Deutschland. Die Portugiesen haben laut EU-Angaben insgesamt 22 Urlaubstage und elf Feiertage.

Die hohe Zahl der Urlaubstage wirkt sich auch auf die Jahresarbeitszeit aus. Laut Tarifvertrag arbeiten die Beschäftigten in Deutschland 1658 Stunden im Jahr – das sind 48,9 Stunden oder mehr als eine Arbeitswoche weniger als der EU-Durchschnitt (1707 Stunden). Spitzenreiter bei der Jahresarbeitszeit sind Rumänien (1864 Stunden) und Polen (1856 Stunden). In Spanien beträgt die Jahresarbeitszeit 1729 Stunden, in Griechenland 1816 Stunden und in Portugal 1734 Stunden.

Osteuropa ist besonders fleißig

Gerade in den zwölf neuen EU-Mitgliedsländern wird deutlich mehr gearbeitet als in den alten EU-Staaten: „Die Arbeitnehmer in den neuen Ländern arbeiten im Durchschnitt jährlich 103,4 Stunden mehr als ihre Kollegen in den alten EU-Ländern“, heißt es in dem aktuellen Arbeitszeitenreport. Allein in Rumänien sei die Jahresarbeitszeit um 263 Stunden oder sechseinhalb Arbeitswochen länger als diejenige in Frankreich.

Über die Wirtschaftsleistung der Mitgliedsstaaten sagen diese Zahlen allerdings wenig aus, denn die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes hängt nicht von der Jahresarbeitszeit ab, sondern von der Arbeitsleistung pro Stunde, von den Lohnstückkosten, dem technischen Fortschritt und der Qualität der Produkte. Hier ist Deutschland führend, während die Krisenländer Griechenland, Portugal und Italien großen Nachholbedarf haben, wie die Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigen.

Darauf geht der Eurofund-Report zwar nicht ein, Brisanz hat er dennoch: Vor wenigen Monaten erst hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Griechen und Portugiesen dazu aufgefordert, länger zu arbeiten. Wer deutsche Hilfen in Anspruch nehme, müsse sich im Gegenzug „anstrengen“, sagte sie Mitte Mai auf einer CDU-Veranstaltung. Hintergrund waren die Milliardenkredite, die Europa Griechenland und Portugal gewährt hat und die die beiden Länder vor der Pleite schützen sollen. „Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer nicht zusammen“, so Merkel damals. Im pleitebedrohten Portugal lösten die Worte der Kanzlerin Empörung aus. Gewerkschaftsboss Carvalho da Silva sprach von „Kolonialismus pur“. Und der Deutschland-Korrespondent der „Irish Times“, Derek Scally, merkte nur lakonisch an: „Merkel neigt nicht zu Populismus – außer wenn es nötig ist“. Weil die Kanzlerin die Stimmung im eigenen Land fürchte, nehme sie den Zorn in Griechenland oder Portugal in Kauf. Immerhin trägt Deutschland als stärkste Wirtschaftsmacht Europas von allen Ländern den größten Teil an den Rettungspaketen für Griechenland, Portugal und Irland.

Auch in Deutschland überraschten Merkels Äußerungen – immerhin hatte die CDU in ihrem Programm zur Europawahl 2009 noch betont, dass „einheitliche europäische Sozialstandards den Menschen in Deutschland schaden würden“. Die EU-Länder wollen künftig Arbeitszeiten und Löhne gegenseitig stärker kontrollieren und bei zu großen Abweichungen einschreiten. Diese Maßnahme soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften stärker angleichen. Die Pläne sind Teil eines größeres Pakets, das die Euro-Zone krisenfester machen soll.

Deutsche führen aber bei Überstunden in Europa

Was der Report aber auch zeigt: Faul kann man die Deutschen nicht nennen – nach EU-Angaben leisten sie die meisten Überstunden in Europa. Die tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit liegt zwar nur bei 37,7 Stunden, tatsächlich arbeiten die Beschäftigten hierzulande aber 40,5 Stunden – das entspricht 2,8 Überstunden pro Woche. Mit Blick auf die reale Wochenarbeitszeit liegt Deutschland somit über dem EU-Durchschnitt (39,7 Stunden), bei den tariflich vereinbarten Wochenstunden aber leicht darunter (38 Stunden). Die höchste tatsächliche Wochenarbeitszeit verzeichnen Rumänien (41,3 Stunden) und Luxemburg (40,8 Stunden). Dagegen arbeiten die Finnen (37,8 Stunden), Franzosen (38 Stunden) und Iren (38,1 Stunden) am wenigsten pro Woche.

Die Beschäftigten des größten deutschen Industriezweigs, der Metallindustrie, arbeiten mit einer tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden deutlich weniger als der EU-Durchschnitt (37,8 Stunden). Im Bankensektor liegt die wöchentliche Arbeitszeit mit 38,7 Stunden dagegen über dem europäischen Durchschnitt von 37,3 Stunden.