Sommerschlussverkauf

Mit der billigen Mode könnte es bald vorbei sein

Teure Baumwolle und steigende Löhne machen der Modebranche zu schaffen. Die jetzt beginnende Schnäppchenjagd könnte die letzte sein.

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In Deutschlands Einkaufstraßen regieren wieder die Prozentzeichen. Auch wenn der Sommerschlussverkauf längst nur noch ein Werbebegriff ist, räumen die Modeläden derzeit ihre Lager, um Platz für die neue Herbst/Winter-Ware zu schaffen. Und Branchenexperten raten zum Kauf. Denn so billig wie jetzt werden Hemden, Hosen und Pullover nie wieder. „Die Zeit der immer billiger werdenden Mode in Deutschland ist vorbei“, prognostiziert etwa Mark Bezner, der Geschäftsführende Gesellschafter des schwäbischen Hemdenherstellers Olymp.

Die ganze Branche klagt über rasant wachsende Kosten. Da sind einerseits die stark gestiegenen Preise für den Rohstoff Baumwolle. Andererseits wird die Suche nach Herstellerländern, in denen weiter auf niedrigstem Lohnniveau gearbeitet wird, immer schwieriger. Und schließlich konkurrieren inzwischen inländische Hersteller in den Schwellenländern mit westlichen Marken um die Kapazitäten in den Kleidungsfabriken.

Vor diesem Hintergrund mehrt sich die Zahl derer, die Verbrauchern im Westen kräftige Preiserhöhungen prognostizieren. Bislang haben allein Industrie und Handel die Mehrkosten durch steigende Rohstoff- und Fertigungspreise getragen. Branchenriese H&M zum Beispiel meldet für das zweite Quartal aufgrund der Baumwollpreise einen um fast ein Viertel reduzierten Vorsteuergewinn. Und der größte amerikanische Modefilialist GAP hat sein Gewinnziel für das laufende Geschäftsjahr gesenkt – mit Verweis auf die Baumwollpreise. Da ist es keine Überraschung, dass nun auch die Verbraucher an den Rohstoffteuerungen beteiligt werden sollen.

Für die neuen Herbst/Winter-Kollektionen, die der Handel derzeit in die Regale räumt, hat die Industrie bereits durchschnittlich fünf Prozent mehr verlangt, heißt es beim deutschen Modeherstellerverband German Fashion. Und im nächsten Frühjahr könnte es noch mal drei Prozent teurer werden, sagt Verbandspräsident Klaus Brinkmann. Daniel Terberger, Vorstandschef von Europas größtem Textildienstleister Katag, rechnet sogar mit einem Preisplus von zehn Prozent bis Ende nächsten Jahres. „Weil die Nachfrage nach Rohstoffen weiter stark ansteigen wird“, sagt Terberger.

Schon in den vergangenen eineinhalb Jahren sind die Baumwollpreise regelrecht explodiert. „Die Beschaffung war zuletzt ein riesiges Problem für die Industrie“, sagt Brinkmann am Rande der Modemesse cpd in Düsseldorf. 2010 zum Beispiel stieg der Preis für den wichtigsten Rohstoff der Branche um 70 Prozent. Und auch in diesem Jahr hält der Trend an.

Zeitweise lag der Cotton A Far East Index bei 2,40 US-Dollar pro Pfund und damit 80 Cent über dem für die Industrie schon schmerzhaften Höchststand aus dem vergangenen Jahr. „Hier spiegelt sich das aktuelle Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wider“, erläutert Eric Heymann, Modeexperte bei Deutsche Bank Research.

Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sind vielfältig. Zum einen haben heftige Überschwemmungen in Australien und Pakistan große Teile der Ernte vernichtet. Zum anderen fehlt es an Anbauflächen. „Vor der Krise haben etliche Bauern ihre Flächen aufgrund niedriger Preise zugunsten anderer Erzeugnisse reduziert“, sagt Heymann.

Zwar kehrt sich dieser Trend aktuell wieder um. In den USA zum Beispiel wird die Fläche in der kommenden Saison um fast 15 Prozent steigen, ergab eine Umfrage des US-Agrarministeriums. Bis geerntet werden kann, dauert es aber noch einige Zeit. Zu diesen natürlichen Gründen kommen wie in fast allen Rohstoffmärkten die Spekulationen. So haben die niedrigen Zinsen viele Anleger dazu bewogen, in Rohstofffonds zu investieren – und damit preistreibend auf steigende Baumwollpreise zu spekulieren.

Steigende Nachfrage in Schwellenländern

Viertens schließlich sorgt die steigende Textil-Nachfrage in den Schwellenländern für die aktuelle Preis-Hausse. „Einige wichtige Erzeugerländer wie Indien oder Pakistan haben ihre Exporte begrenzt, um so die heimische Versorgung zu gewährleisten“, schreibt Heymann in einer aktuellen Analyse. Mittelständler Bezner berichtet sogar davon, dass Stoffe in einigen Regionen zeitweise gar nicht mehr verfügbar waren.

„Wir mussten wirklich kämpfen, dass unsere Bestellungen von den Lieferanten auch bedient werden.“ Zwar gab es zuletzt eine leichte Entspannung beim Baumwollpreis. „Das ist aber keine Entwarnung, es bedeutet lediglich, dass es vorerst nicht noch schlimmer kommt“, sagt Frank Seidensticker, der Chef des gleichnamigen Hemdenherstellers aus Bielefeld. „Offenbar ziehen die Spekulanten jetzt von der Baumwolle zum nächsten Rohstoff weiter.“ Auch Bezner glaubt allenfalls an eine Verschnaufpause. „Nach jedem Hoch kommt ein Zwischentief.“

Probleme gibt es aber nicht nur bei den Rohstoffen. In China wurden zuletzt auch die Webstuhlkapazitäten knapp. Die Volksrepublik ist noch immer das mit Abstand größte Lieferland für Textilien und Mode in Deutschland und anderen Staaten Europas. Auf diese Rolle als Werkbank wird sich China aber mittelfristig nicht mehr reduzieren lassen. „China ist über den Status der Bedarfsdeckung hinaus“, sagt Bezner, dessen Hemden in mittlerweile 35 Läden in der Volksrepublik verkauft werden.

Tatsächlich hat sich die Binnennachfrage dort in zehn Jahren vervierfacht. „Die Hersteller geben ihre Webstuhl-Kapazitäten daher nicht mehr komplett an die Europäer und Amerikaner ab“, klagt der Unternehmer. Etliche Male sei er in den vergangenen eineinhalb Jahren nach Fernost gereist, um seine Fertigungspartner an die teils schon Jahrzehnte währende Partnerschaft zu erinnern.

Andere zieht es weg aus China. „Die Modebranche ist ständig auf der Suche nach neuen Produktionsländern“, berichtet Verbandschef Brinkmann. Strukturell wollten sich die Hersteller breiter aufstellen. Als erste Alternativen gelten Länder wie Vietnam und Pakistan, Indonesien, Kambodscha und Bangladesh oder auch Rumänien und die Türkei.

Branchenriese Gerry Weber hat zudem begonnen, erste Kollektionen in der stalinistischen Diktatur Nordkorea fertigen zu lassen. Die jeweilige Verlagerung der Produktion benötigt allerdings Zeit, schließlich müssen Strukturen komplett neu aufgebaut und Mitarbeiter intensiv ausgebildet werden. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Brinkmann.

Auch wenn die geringeren Kosten in Billiglohnländern den Herstellern mittelfristig Luft verschaffen – zumindest in diesem Winter verlangen sie deutlich mehr für ihre Waren. Wie viel der Handel davon weitergibt, ist derzeit noch unklar. Dass es teurer wird, ist aber auch für Jürgen Dax unstreitig. „Der Verbraucher wird Preiserhöhungen merken“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels (BTE). Zwar sollen die Preise für Standard-Ware – etwa die klassische blaue Marken-Jeans oder ein weißes Herren-Hemd – stabil bleiben.

Für die Teile mit neuen Schnitten und Farben – die Sommerkollektion 2012 wird den Messeeindrücken zufolge äußerst farbenfroh – müssen die Kunden aber tiefer in die Tasche greifen. Das gilt auch für Bezners Olymp-Hemden. Sie werden zwar auch in den kommenden Monaten zu typischen Eckpreisen von 39, 49 oder 59 Euro zu haben sein. Die Auswahl in den unteren Preisstufen wird aber deutlich kleiner.

Suche nach Alternativen zur Baumwolle

Um Herren-Klassiker wie weiße oder hellblaue Anzughemden im Preis stabil halten zu können, müssten andere Varianten gleich um zehn Euro teurer werden, erklärt Bezner seine Mischkalkulation. Ähnlich rechnen auch die Anbieter im Billigsegment wie KiK und Takko – wenn auch mit anderen Preisen. „Die Margen der Textil-Discounter geraten derzeit stark unter Druck“, sagt Branchenkenner Terberger.

Denn Produktions- und Logistikkosten schlügen in diesem Segment mit über 50 Prozent des Warenwerts erheblich ins Gewicht. Die Tengelmann-Tochter KiK hat deswegen sogar zeitweise auf Umsatz verzichtet, im zweiten Halbjahr 2010 zum Beispiel. „Wir waren nicht bereit, immer auf die irrsinnigen Preise einzugehen und verzichteten schon mal auf Bestellungen“, sagt Gesellschafter und Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub.

Mit leeren Regalen aber lassen sich keine Marktanteile gewinnen. Also mussten die Billigheimer auch zu den für sie schmerzhaften Konditionen einkaufen. Trotzdem blieben die Preise stabil. „Auf Dauer kann aber niemand draufzahlen“, meint Terberger. Der Unternehmer aus Bielefeld rechnet daher noch in diesem Jahr mit einem Preisplus von mindestens fünf Prozent im sogenannten Preiseinstiegssegment.

Wegen des enormen Kostendrucks sucht die Industrie inzwischen nach Alternativen zur natürlichen Baumwolle . Dabei geht es nicht nur um Kunstfasern, sondern auch im Viskose-Garne, die aus Naturmaterialien wie etwa Holz gefertigt werden können.

Die Biologin und Modedesignerin Anke Domaske aus Hannover hat für eine solche Faser den Innovationspreis des Gesamtverbands Textil+Mode gewonnen: Q-Milch nennt die 28-Jährige ihr Bio-Garn, aus dem sie bereits eine erste Kollektion geschneidert hat. Hergestellt ist der Stoff aus dem Protein Casei – aus Kuhmilch.