Währungskrise

Europa fürchtet sich vor dem griechischen Virus

In der EU steigt die Angst vor einem Überschwappen der griechischen Krise. Auch einst zum Tabu erklärte Lösungen liegen auf dem Tisch.

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Nach den Turbulenzen vom Wochenanfang beginnt bei einigen Ländern der Eurozone das Umdenken. Anstatt wie bislang alle drei Monate weiter über die Schuldentragfähigkeit von Griechenland zu diskutieren und dabei die Augen vor der Überschuldung des Mittelmeer-Landes zu verschließen, sucht die Eurozone eine grundsätzliche Lösung.

Bei ihren Gesprächen zum Wochenauftakt seien daher in bislang nur selten gepflegter Offenheit alle Optionen diskutiert worden, hieß es in Brüsseler Verhandlungskreisen. Beschlossene Sache ist allerdings nichts. Noch lasse sich nicht einmal eine Tendenz absehen, welches der neue Lösungsweg sein könne.

Allerdings drängt die Zeit. Die Ratingagentur Fitch senkte die Kreditwürdigkeit Griechenlands gleich um drei Stufen. Die Note werde von bisher „B+“ auf „CCC“ reduziert, teilte Fitch am Mittwochabend in London mit. Die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds hätten noch kein umfassend finanziertes und glaubwürdiges zweites Hilfsprogramm aufgelegt. Zudem sorge die mögliche Beteiligung des privaten Sektors an einem zweiten Hilfspaket für zunehmende Verunsicherung. Außerdem trübe sich der gesamtwirtschaftliche Ausblick weiter ein. Die beiden anderen Ratingagentur Standard & Poor's („CCC“) und Moody's („Caa1“) hatten schon früher ihre Noten auf ein vergleichbares Niveau reduziert.

Beobachter gehen davon aus, dass die Europäer nicht viel mehr als einige Wochen haben, um das Problem Griechenland zu lösen, bevor die Unsicherheit um den Fortgang dort auch andere Länder der Eurozone infiziere, hieß es weiter. Die Aufregung um Italiens Staatsverschuldung zum Wochenanfang gab einen erschreckenden Vorgeschmack. Aus deutscher Sicht gehört eine Verlängerung der Laufzeit griechischer Staatsanleihen, möglicherweise sogar ein Rückkauf solcher Papiere am Markt durch Griechenland selbst zu den möglichen Optionen.

Das Geld dafür müsste sich Athen beim Euro-Rettungsfonds EFSF leihen. So weitgehende Vorstellungen finden allerdings weiterhin nicht überall Beifall. Frankreich etwa beharrt auf seinem Vorschlag, der in einem komplizierten Modell den Austausch bis 2014 auslaufender Griechen-Bonds vorsieht.

Die Investoren würden den vollen Wert dieser Anleihen von Athen zurückbekommen und nur einen Teil davon in 30 Jahre laufende Bonds investieren, die dann noch dazu weitgehend vor weiteren Verlusten geschützt würden. Griechenland hätte damit aus Sicht vieler Beobachter nur wenig gewonnen. In Deutschland hält man diese Idee sogar für ein Programm zum Schutz französischer Banken vor weiteren Verlusten.

Selbst in Bankenkreisen wünscht man sich mittlerweile einen größeren Ansatz zur Lösung dieses Problems. Auf Sympathie stößt dem Vernehmen nach ein Vorschlag von Commerzbank-Chef Martin Blessing, der einen Abschlag von 30 Prozent auf die griechische Schuldenlast vorsieht. Am Markt würden die Papiere bereits jetzt teilweise mit 60 Prozent unter dem Nominalwert gehandelt, hieß es in Bankenkreisen. Über die Höhe des Abschlags lasse sich daher gut verhandeln.

Auch das frühere Mitglied des Bankenrettungsfonds SoFFin, Gerhard Stratthaus, plädierte für einen Schuldenschnitt: Es wisse inzwischen jeder, dass Griechenland nicht in der Lage sein werde, seine Schulden zu bedienen und zurückzuzahlen, sagte er dem WDR. „Deshalb sollte man da mal mit ganz offenen Karten spielen“. Noch immer gilt allerdings die Position der Europäischen Zentralbank (EZB) als Problem. Seit Wochen lehnt sie eine Verlängerung oder Restrukturierung der griechischen Staatsschuld ab, weil sie fürchtet, dass das Bankensystem des Landes damit in die Pleite getrieben würde und am Ende andere Wackelländer der Eurozone infiziert würden.

Ansteckungsprozess hat längst begonnen

In der Bundesregierung sieht man diese Gefahr auch. Allerdings wird dort darauf hingewiesen, dass auch ohne Umschuldung Griechenlands der Ansteckungsprozess von Ländern wie Portugal, Irland und Spanien längst begonnen habe. Die Frage sei also, wie man die EZB für weitere Maßnahmen gewinnen könnte.

Das Versprechen, notfalls die griechischen Banken mit EU-Hilfsgeldern zu rekapitalisieren, könnte dafür eine Grundvoraussetzung sein. „Wir haben immer gesagt, wir werden das gemeinsam mit der EZB machen“, sagte Martin Kotthaus, der Sprecher des deutschen Finanzministeriums dazu. Details der Gespräche nannte er allerdings nicht.

Den Europäern stehen daher in den kommenden Wochen intensive Verhandlungen bevor. Unklar ist aber, ob sie für eine Verlängerung der Laufzeit griechischer Staatspapiere unbedingt die umstrittenen Ratingagenturen auf ihre Seite ziehen wollen. Die Verärgerung über deren Arbeit nimmt in der europäischen Politik nämlich zu. Moody’s sorgte zuletzt für Unverständnis, weil es den Bonds der Iren den Ramschstatus verlieh.

„Wir tun alles Mögliche, um unser Haus in Ordnung zu bringen“, hieß es bei Vertretern der irischen Regierung. „Die dabei gemachten Fortschritte sind für jeden sichtbar.“ Erst vergangene Woche hätten zum Beispiel die Moody’s-Konkurrenten Fitch und DBRS bestätigt, dass Dublins Neuverschuldung sinke. Die Angst vor dem griechischen Virus hat nun auch mit aller Macht Spanien erfasst. Angesichts der Nervosität versuchte Ministerpräsident José Luís Rodriguez Zapatero daher, Zuversicht zu verbreiten.

Die spanische Wirtschaft sei im zweiten Quartal wieder gewachsen, verkündete er. Das Wachstum werde voraussichtlich im dritten und vierten Quartal noch zulegen. Allerdings dürfte die Arbeitslosigkeit, die derzeit bei über 21 Prozent liegt, weiter hoch bleiben. Die genauen Konjunkturdaten sollen erst in einigen Wochen veröffentlicht werden.