HDE-Präsident Sanktjohanser

"Das Modell Discounter hat seinen Zenit erreicht"

Aldi, Lidl und Co. stoßen an ihre Grenzen, glaubt Handels-Präsident Sanktjohanser. Davon profitiert der Einzelhandel in der Innenstadt. Wenn es genug Parkplätze gibt.

Foto: picture alliance / dpa / dpa picture alliance

Die EHEC-Krise hat dem Einzelhandel einen herben Dämpfer versetzt. Während und nach der Keim-Epidemie im Mai sanken die Umsätze um gut drei Prozent und damit so stark wie seit vier Jahren nicht mehr, meldet das Statistische Bundesamt. Beim Handelsverband Deutschland (HDE) gibt man sich trotzdem entspannt. "Stimmung und Lage in der Branche sind nach wie vor gut", sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser.

Morgenpost Online: Herr Sanktjohanser, wie schlimm hat die EHEC-Krise den deutschen Einzelhandel getroffen?

Josef Sanktjohanser: Die Krise hat natürlich Spuren hinterlassen, keine Frage. Vor allem im Lebensmittelhandel ist der Schaden groß. Wobei ich keine konkreten Zahlen nennen kann. Wenigstens hat es keine Pleiten gegeben. Mittlerweile hat sich die Lage wieder normalisiert. Daher würde ich sagen, dass der Handel noch mal mit Schrammen und einem blauen Auge davon gekommen ist. Es hätte weitaus schlimmer kommen können.

Morgenpost Online: Trotzdem haben Sie sich über Hilfen für die Gemüsebauern aufgeregt.

Sanktjohanser: Das mache ich auch immer noch. Letztlich sind Händler und Zwischenhändler genauso unschuldig betroffen wie Erzeuger. Finanzielle Entschädigungen gibt es aber nur für die Bauern. Diese unterschiedliche Behandlung ist nicht gerecht. Aber es scheint ein Reflex in der Politik zu sein, den Bauern Entschädigungen zu zahlen, sobald sie laut schreien.

Morgenpost Online: Sie könnten auch lauter schreien.

Sanktjohanser: Mag sein, aber Schreien allein hilft sicher nicht. Der Handel wird sich auf jeden Fall besser formieren, um sich in Zukunft mehr Gehör verschaffen zu können. Denn die EHEC-Krise hat wieder gezeigt, welch große Lobby die Bauern im Vergleich zum Handel haben. Dabei sind wir die wichtige Schnittstelle zum Verbraucher.

Morgenpost Online: Trotzdem war der HDE nicht in das EHEC-Krisenmanagement der Bundesregierung eingebunden. Warum fehlt es Ihnen an Einfluss in Berlin?

Sanktjohanser: Offensichtlich wird die Bedeutung des Handels von der Politik noch immer unterschätzt. Diesen Eindruck zu korrigieren ist daher unsere Aufgabe. Dazu führen wir unermüdlich Gespräche. Dass es diesen Dialog bei der EHEC-Bekämpfung nicht gegeben hat , lag nicht an uns. Wir haben mehrfach Hilfe angeboten. Aber laut Bundesregierung ist die Krisenbewältigung Sache des Staates.

Deswegen waren übrigens auch die Vertreter der Ernährungsindustrie und der Bauern nicht eingebunden. Ob diese Herangehensweise sinnvoll ist, wage ich stark zu bezweifeln. Eine gute Figur haben die staatlichen Stellen bei der EHEC-Bekämpfung jedenfalls nicht gemacht, teilweise war das Auftreten sogar unprofessionell. Wir brauchen im Notfall die Verzahnung von öffentlichen und privaten Stellen. Zumal die Wirtschaft am Ende die Konsequenzen tragen muss, wenn Produkte regelrecht diskriminiert werden wie im EHEC-Fall Salat, Gurken und Tomaten.

Morgenpost Online: Bei den Einzelhändlern hat die Epidemie im Mai zum größten Umsatzminus seit vier Jahren geführt. Sind die Ergebnisziele in Gefahr?

Sanktjohanser: Im Gegenteil. Natürlich war der Mai ein Rückschlag. Die Stimmung und die wirtschaftliche Entwicklung sind aber unverändert gut. Trotz der Verluste liegt die Branche nach den ersten fünf Monaten nominal noch immer mit 2,9 Prozent im Plus. Das ist für Einzelhandelsverhältnisse ungewöhnlich viel. Solche Werte hat es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Und die traditionell starken Monate für den Einzelhandel kommen im zweiten Halbjahr erst noch.

Morgenpost Online: Dann ist ihre aktuelle Prognose von nominal 1,5 Prozent Wachstum augenscheinlich zu konservativ.

Sanktjohanser: Wenn der Konsum nicht völlig einbricht – und davon gehe ich angesichts der aktuellen Beschäftigungsdynamik nicht aus – könnten wir am Jahresende tatsächlich besser liegen. 2011 wird ein richtig gutes Jahr für den deutschen Einzelhandel.

Morgenpost Online: Wie lautet Ihre neue Prognose?

Sanktjohanser: Es gibt vorerst keine neue Prognose. Wir bleiben bei den vorausgesagten 1,5 Prozent. Tendenzen und gute Gefühle allein reichen nicht aus. Wir müssen jetzt erst mal die tatsächliche Entwicklung der kommenden zwei, drei Monate abwarten. Es gibt schließlich noch Unsicherheitsfaktoren wie zum Beispiel die Euro-Krise, von der keiner weiß, welche Auswirkungen sie haben wird. Zudem könnten die steigenden Rohstoffpreise auf die aktuell gute Konsumstimmung drücken.

Morgenpost Online: Mit anderen Worten: Im zweiten Halbjahr wird Einkaufen teurer.

Sanktjohanser: Das ist nicht auszuschließen, wenn ich mir die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten anschaue. Der Handel wird sich nach Kräften dagegen wehren, so wie er es schon immer gemacht hat. Der Preisdruck ist in den vergangenen Monaten allerdings kräftig gestiegen.

Morgenpost Online: Ergeben sich daraus Chancen für die zuletzt schwächelnden Discounter?

Sanktjohanser: Das glaube ich nicht. In meinen Augen hat das Geschäftsmodell Discounter seinen Zenit erreicht. Schon während der Finanzkrise, als die Konsumstimmung weit schlechter war als jetzt, gab es keine Zuwächse mehr. Den Verbrauchern sind Service und Nähe mittlerweile deutlich wichtiger als der billigste Preis. Das Einkaufen soll ein Erlebnis sein. Sonst könnten wir ja gleich alles per Internet und E-Commerce erledigen. Die Discounter, insbesondere im Lebensmittelbereich, werden immer ihren gewichtigen Platz in der deutschen Handelslandschaft haben. Die Zeit der großen Expansion ist allerdings vorbei. Nicht umsonst drängen die Discounter mittlerweile von der grünen Wiese in die Innenstädte.

Morgenpost Online: Gibt es eine Rückbesinnung auf die totgesagte Innenstadt?

Sanktjohanser: Das ist in der Tat ein klarer Trend, insbesondere in den kleinen und mittelgroßen Städten. Investitionen auf der grünen Wiese finden praktisch gar nicht mehr statt. Vielfach werden große Einkaufszentren am Stadtrand sogar schon zurückgebaut oder abgerissen. Konfliktfrei ist die Belebung der Innenstädte aber nicht. Ein Streitpunkt sind die strengen Denkmalschutzanforderungen, die kaum Gestaltungsmöglichkeiten lassen.

Darüber hinaus hängt die innerstädtische Attraktivität auch von der Verkehrsinfrastruktur ab. So muss es etwa genügend Straßen und Parkplätze geben. Die Kommunalpolitik setzt eher auf die Beruhigung der Innenstädte und damit auf das komplette Gegenteil. Das Wohl von Radfahrern scheint dreimal wichtiger als das der Einzelhändler.

Morgenpost Online: Womit wir wieder beim Lobbyproblem Ihrer Branche wären.

Sanktjohanser: Von einem Problem würde ich nicht sprechen. Wir sind ja in Gesprächen mit der Politik und wir werden auch wahrgenommen. Aber das Image von Handwerk und Industrie ist in der Tat besser. Autos bauen gilt zum Beispiel als sexy. Der Handel dagegen steht immer wieder im Verdacht, unredliche Dinge zu tun.

Morgenpost Online: Lohndumping zum Beispiel, das Ausspionieren von Mitarbeitern, das Anfertigen von Kundenprofilen bei EC-Kartenzahlungen …

Sanktjohanser: Das sind allesamt Verfehlungen von einzelnen Unternehmen oder wie im Fall der EC-Karten sogar von Dienstleistern, die gar nicht zur Branche gehören. Selbst Themen wie Analogkäse und Klebeschinken werden teilweise dem Handel angekreidet, obwohl sie eigentlich die Lebensmittelindustrie betreffen.

Morgenpost Online: Bald startet das von der Politik initiierte Internetportal "Klarheit und Wahrheit". Schafft das Transparenz?

Sanktjohanser: Nirgends sind Lebensmittel so sicher wie in Deutschland. Davon können doch viele Länder nur träumen. Nun soll die Lebensmittelwirtschaft schon bei gefühlten Problemen an den Pranger. Das ist nicht Klarheit und Wahrheit, sondern Verwirrung und Verunsicherung. Und dafür soll auch noch der Steuerzahler aufkommen. Importierte Seuchen oder Kriminalität wie bei Dioxin sind so nicht zu verhindern.

Morgenpost Online: Probleme gibt es auch beim Thema Mindestlohn.

Sanktjohanser: Fakt ist, dass sich der Einzelhandel klar für die Einführung eines allgemeinverbindlichen Basisentgelts ausgesprochen hat. Wir sind keine Niedriglohnbranche. Wir haben starke und akzeptierte Tarifverträge, die für drei Viertel der insgesamt drei Millionen Mitarbeiter im Handel gelten Bei uns wird gut bezahlt, oft sogar besser als in Verwaltungsberufen.

Morgenpost Online: Dieses Bekenntnis zum Mindestlohn ist über drei Jahre alt. Bislang ist aber nichts passiert. Wo hakt es?

Sanktjohanser: Natürlich hätte ich auch lieber heute als morgen einen Abschluss. Es gibt aber einige offene rechtliche Fragen. Wir halten zum Beispiel je nach Region ein Basisentgelt um die sieben Euro für angemessen. Der DGB dagegen fordert 8,50 Euro. Aber bei den offenen Fragen geht es nicht allein um die Höhe. Beide Seiten werden sich in Kürze wieder zusammensetzen, nachdem zuletzt die – in Anführungsstrichen – normalen Tarifverhandlungen Vorrang hatten.

Mittlerweile haben wir einen Abschluss für die nächsten zwei Jahre. Damit bleibt nun Zeit bis 2013, um die Modernisierung unserer Tarifverträge und damit auch das Thema Mindestlohn ohne Nebenkriegsschauplätze voranzutreiben. Ich gehe wie auch die Gewerkschaft davon aus, dass dies klappt. Aber das ist auch nötig. Denn so langsam kommt der Fachkräftemangel auch beim Einzelhandel an. Und bei der Suche nach neuen Mitarbeitern schadet die ewige Debatte um die Arbeitsbedingungen ganz enorm.