Aktien-Crash

Italien steckt im Chaos – Berlusconi schweigt

Die Italiener träumten lange, ihre Wirtschaft sei unverwundbar. Doch nun schickt ihre Börse Schockwellen durch die europäische Finanzwelt.

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Nun hat es sie also erwischt. An der Mailänder Piazza Affari, dem italienischen Börsenplatz, ging es zuletzt noch unbeschwert zu. Tangotänzer aus der Stadt strömten zuletzt alle paar Wochen unter die Arkaden, schwebten leicht über die Marmorplatten, unbeschwert, als wollten sie mit ihrem nächtlichen Tanz einen stillen Protest gegen das ernste Finanzleben zum Ausdruck bringen.

Ganz so, als hätten die Finanzgeschäfte da drinnen nichts mit ihnen da draußen zu tun. Doch nun macht die Börse gewaltig auf sich aufmerksam. Hier wird gerade der Wert einer ganzen Industrie- und Bankenlandschaft vernichtet. Die Großbank Unicredit verliert seit Monatsbeginn ein Drittel des Werts, die Bank Intesa Sanpaolo ein Fünftel, der Mailänder Leitindex FTSB MIB bricht gar um ein Zehntel ein. Es ist, so hart muss man es sagen, ein Massaker am Vermögen von Aktienbesitzern.

Die Italiener verstehen ihre Welt nicht mehr. Sie rollten in den Bars mit den Augen wenn sie über die Politik im fernen Rom lästerten, doch auf die Unternehmen des Landes waren sie stolz. Etwa darauf, dass ihre Banken im Gegensatz zu ausländischen Rivalen nicht durch Staatsinterventionen vor der Pleite gerettet werden mussten. Oder darauf, dass in Boutiquen weltweit Handtaschen und Schuhe italienischer Nobelmarken verkauft werden. Ihrem Land, dem schönsten Land der Welt, so dachten die Italiener, könne die Welt da draußen doch nichts anhaben. Ein provinzieller Gedanke. Ein falscher dazu.

Das Entsetzten ist groß. „Gewitter über Italien“ titelt der „Corriere della Sera“. „Attacke auf Italien“, schreit die linksliberale „Repubblica“ den Lesern entgegen. Im Minutentakt berichten Zeitungen auf ihren Webseiten darüber, wie sich die Rendite von Anleihen und Aktienkurse entwickeln.

Es ist wie beim Finale eines Fußballspiels. Nur dass Italien nicht im Angriff spielt, sondern im Strafraum eingemauert ist und versucht, das verheerende Tor zu verhindern. „Selten seit 1992 habe ich so eine Situation gesehen“, sagt Francesco Perilli, Chef von Equita Sim und Börsenveteran seines Landes. Früher habe man in einem solchen Fall einfach die Lira abgewertet, die Industrie des Landes im Ausland damit wieder attraktiv gemacht. Seitdem in Italien mit Euro gezahlt wird, geht das nicht mehr. Jetzt blickt man mit Spannung darauf, was Brüssel entscheidet.

Gegen wen sie eigentlich spielen, wissen die Italiener nicht. „Die Attacke auf Italien ist abgestimmt. Daran gibt es keine Zweifel“, sagt ein Marktstratege, der seinen Namen nicht nennen möchte. Hinter dem Vertrauensverlust stünden demnach große US-Hedge-Fonds , wie auch schon die „Financial Times“ am Wochenende nahe legte.

Doch die Börsenaufsicht Consob hat davon nichts mitbekommen. Es gebe keine Anzeichen, dass Spekulanten auf einen Wertverfall der Anleihen spekulieren, heißt es. Die Panik, sie könnte real sein. Die Taschenrechner der Analysten laufen heiß, so schnell ändern sich die Szenarien. Vergangene Woche lag der Risikoaufschlag für zehnjährige Staatsanleihen noch bei 100 Basispunkten, gestern waren es gut 300 Basispunkte. Je größer der Aufschlag, desto mehr muss Italien an Zinsen für den Schuldenberg von mehr als 1,8 Billionen Euro bezahlen.

Dann das kurze Aufatmen. Am Dienstag kursiert die Meldung, dass die Regierung erfolgreich Anleihen platziert hat, die mit zwölf Monten eine kurze Laufzeit haben. Kurzläufer gelten als risikoarm. Der italienische Staat muss 3,67 Prozent Zinsen bieten, mehr als je zuvor in den vergangenen drei Jahren. Die Händler sind trotzdem beruhigt: „Die Rendite hätte durchaus höher ausfallen können, wenn man die jüngsten Nackenschläge für Italiens Kreditwürdigkeit bedenkt“, sagt Peter Chatwell von Credit Agricole. Der Abwärtstrend der Banken an der Börse stoppt. Doch wie lange?

Ein Land steckt im Chaos

Das Land steckt im Chaos, doch Ministerpräsident Silvio Berlusconi schweigt. Seit Tagen verrammelt er sich in seiner Nobelvilla im Mailänder Vorort Arcore. Erst am späten Nachmittag lässt er schriftlich erklären, seine Regierung sei „stabil und stark“ und das Land werde den Haushalt bis 2014 ausgleichen. An Pathos mangelt es der Mitteilung nicht: „Wir müssen geschlossen sein, im gemeinsamen Interesse, im Bewusstsein, dass kurzfristigen Anstrengungen und Opfern langfristiger und sicherer Gewinn folgt.“

Dass Berlusconi ansonsten schweigt, hat seinen Grund. Er selbst ist für die Krise mitverantwortlich. Noch vergangene Woche hatte er den anerkannten Finanzminister Giulio Tremonti beschimpft und eine Aufweichung eines Sparpakets im Umfang von 40 Milliarden Euro angekündigt. Umgehend schossen die Risikoaufschläge für italienische Bonds nach oben.

Der Markt fürchtet, dass der von Justiz- und Sexskandale geschwächte Berlusconi Steuern senkt, um Wähler zu gewinnen. Die Sprecherfunktion erfüllen nun andere. Die Zeitungen etwa. Chefredakteure der großen Tageszeitungen fordern in dramatischen Appellen eine schnelle Verabschiedung des Sparpakets.

Ezio Mauro, Direktor der „Repubblica“ schreibt: „Das Sparprogramm kann in Eile verabschiedet und einige Maßnahmen darin vorgezogen werden, sofern die Regierung die Notwendigkeit erkennt“. Ferruccio de Bortoli, Chefredakteur des „Corriere della Sera“ fordert „mehr Mut“ für eine Reformoffensive.

Es ist die Stunde Tremontis. Der Finanzminister stürmte gestern in demonstrativer Eile aus dem Justus-Lipsius-Gebäude in Brüssel, um schnell wieder nach Rom zu reisen. „Ich werde das Sparpaket auf den Weg bringen“, rief er den Reportern zu. Und noch während er im Flugzeug sitzt, bekommt er Rückendeckung von seine Parteifreunden. „Wir überlassen Tremonti das Feld “, sagt Anna Cinzia Bonfrisco, Abgeordnete der Regierungspartei „Volk der Freiheit“ (PDL) – dabei hatten so viele von ihnen das Paket aufschnüren wollen.

Nun aber herrscht Eile. Schon am Donnerstag soll der Senat zustimmen, am Sonntag dann die Abgeordnetenkammer. Das ist absolute Rekordzeit und nur möglich, wenn auch die Opposition mitzieht. Die scheint den Aufruf von Staatspräsident Giorgio Napolitano zu folgen, der Politiker aller Parteien zur Einheit aufrief: Die linke Demokratische Partei (PD) sowie die Union der Christdemokraten (UDC) kündigten ihre Zustimmung zum Konsolidierungspaket an.

Die Einheit zwischen Opposition und Regierung, der entschiedene Willen, etwas zu bewegen, das sind italienische Tugenden. Das Land hat es schon einmal geschafft, sich Anfang der 90er-Jahre vor dem Staatsbankrott zu retten. Das Land befand sich damals in einem politischen Vakuum, da nahezu die gesamte politische Klasse des Landes von Korruptionsermittlungen betroffen war. Der langjährige Regierungschef Bettino Craxi floh gar vor Strafverfolgung nach Tunesien.

Es war die Stunde der Bürokraten und Experten, die meist der Zentralbank entstammten. Carlos Azeglio Ciampi voran, der erst als Premierminister und später als Finanzminister daran arbeitete, das Land zum einen auf einen harten Sparkurs zu bringen. Er setzte harten und bislang ungekannten Reformen durch: Er löste Klüngel der italienischen Industrie auf, liberalisierte die Wirtschaft und privatisierte Staatsbetriebe. Ihm zur Seite stand damals ein junger, talentierter Beamter: Mario Draghi, heute Zentralbankchef und designierter Chef der Europäischen Zentralbank. Damals hat es funktioniert.

Die Zumutungen des heutigen Sparpakets sind klein im Vergleich zur nationalen Anstrengung von damals. Ob es ausreicht, um die Märkte zu beruhigen, ist unklar. Die Analystin Paola Biraschi, Analystin der Bank of Scotland sagt zwar: „Jede gute Nachricht zum Sparpaket ist sehr, sehr positiv.” Trotzdem war das Paket von Ökonomen kritisiert worden.

Vor allem dafür, dass die wirklich harten Maßnahmen erst nach der Parlamentswahl 2013 fällig werden. Ob Berlusconi so lange regieren kann? Am Ende könnten die Schokwellen der Mailänder Börse auch ihn erreichen. Die Opposition sendet Signale, einer lagerübergreifenden Übergangsregierung unter Führung eines unabhängigen Experten zuzustimmen.

Immer wieder fällt der Name des früheren EU-Wettbewerbkommissars Mario Monti. „Die Finanzkrise könnte eine Regierung notwendig machen, die die größtmögliche Mehrheit hat“, sagt der frühere Ministerpräsident Massimo D’Alema. Es wäre ein mächtiges Signal an die Märkte.