Landwirtschaft

Deutsche und Holländer streiten um gekochte Gülle

Gülle aus Holland ist bei deutschen Bauern sehr beliebt. Den Behörden geht das zu weit – sie haben sich eine "heiße" Regel einfallen lassen.

Foto: Infografik Welt Online

Bei Theo Willems wird es bald heiß, richtig heiß. 143 Grad herrschen im Inneren der Anlage, mit der der Niederländer schon in wenigen Wochen seine Gülle sterilisieren will. Theo Willems ist Schweinebauer in America, einem kleinen Ort nordwestlich von Venlo, nur 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Diese Nähe zu Deutschland war für ihn lange Jahre sehr praktisch: Jenseits der Grenze fand der 55-Jährige genügend Bauern, die zum Düngen ihrer Felder gerne seine Gülle nahmen. Bis zu 40.000 Tonnen Schweinegülle fuhr der Niederländer pro Jahr über die Grenze; angesichts steigender Düngemittelpreise ein wertvoller Rohstoff, den seine 15.000 Schweine quasi nebenbei lieferten.

Damit ist seit neun Monaten Schluss. Der Grund: Ein Erlass, mit dem die Landwirtschaftsministerien von NRW und Niedersachsen den Import von Wirtschaftsdünger – so heißt Gülle offiziell – untersagen, es sei denn, er wird 20 Minuten lang bei 143 Grad sterilisiert. Die Zahl der Schweinegülleimporte aus den Niederlanden ist seitdem um 54 Prozent zurück gegangen.

Die beiden Bundesländer haben damit ihr erklärtes Ziel erreicht, denn nur wenige Bauern rüsten wie Theo Willems nach. 400.000 Euro investiert der Bauer in seine Drucksterilisierungsanlage, damit er auch weiter seine Gülle nach Deutschland bringen kann. „Was soll ich sonst machen? Ich weiß auch nicht, was für Probleme die Deutschen mit meiner Gülle haben“, sagt der Landwirt.

Der Erlass kostet viele Landwirte viel Geld – in den Niederlanden, aber auch in Deutschland, denn wo es keine Gülle gibt, muss mit künstlichem Dünger nachgeholfen werden. Davon profitieren die Mineraldüngerhersteller – und die beiden Landwirtschaftsminister, die sich rühmen, das deutsche Grundwasser vor der niederländischen Gülle zu bewahren.

Thomas Waden war einer der Deutschen, dem Theo Willems seine Gülle lieferte. Waden hat keine Tiere, vom Haushund abgesehen, nur 98 Hektar Ackerfläche, auf denen er Zuckerrüben, Weizen und Gerste anbaut. Thomas Wadens Hof liegt in Mönchengladbach, in der Nähe gibt es keine Viehbauern, die ihm den organischen Dünger bis ans Feld fahren würden. „Ich hatte zwei Lieferanten aus Holland“, sagt der 42-Jährige, „doch nur einer, der Theo, beliefert mich bald weiter.“

Bis die Drucksterilisierungsanlage in America fertig ist, kauft Thomas Waden Kunstdünger, 5000 Euro hat er dafür bislang ausgegeben. Eine Preissteigerung, die Waden nicht an seine Abnehmer weitergeben kann, „die kaufen sonst woanders.“ Seinen Pflanzen sei es egal , ob sie mit geruchlosen Granulaten oder mit stinkender Gülle gedüngt werden.

„Die Nährstoffe sind dieselben“, sagt er. 3,50 Euro zahlte er bislang für eine Tonne Gülle aus den Niederlanden. „Wenn ich mir die aus dem Münsterland kommen lasse, zahle ich mindestens acht, wenn nicht sogar zehn Euro“, sagt Waden. „Das geht gar nicht.“ Ähnlich sieht man das bei Cumela, die Interessenorganisation der Gülle-Produzenten in den Niederlanden.

Weltweiter Bedarf nach Düngemitteln steigt

Mehrere Millionen Euro Schaden seien durch das Inkrafttreten der deutschen Verordnungen bislang entstanden, schätzt der Vorsitzende der Cumela, Jaap Uenk. Von über 630.000 Tonnen Schweinegülle, die 2009 nach Deutschland exportiert wurden, blieben 2010 nur 287.000 übrig, in diesem Jahr soll der Export noch weiter eingebrochen sein. 19.000 Gülletransporte gab es 2009. 2010 verringerte sich die Zahl auf rund 9000, rechnet Cumela vor.

Gleichzeitig steigt nach einem Rückgang im Jahr 2009 der weltweite Bedarf nach Düngemitteln, was sich auch in steigenden Preisen für Stickstoff, Phosphat und Kali niederschlägt. So freut sich zum Beispiel der Kasseler Düngemittel-Riese K+S seit Monaten über wachsende Umsätze. Auch der norwegische Hersteller Yara, mit 8,3 Milliarden Euro Umsatz 2010 der weltweit größte Hersteller von Mineraldünger, berichtet von steigenden Stickstoffpreisen.

Im Streit mit den Niederländern geht es denn auch nur vordergründig darum, ob Gülle sterilisiert werden muss oder nicht, sondern vielmehr um die Frage, wie intensive Viehwirtschaft und immer weiter schrumpfende Flächen zusammen passen. So sind in Deutschland seit 1992 rund 800.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren gegangen, trotzdem leben nach Auskunft des Deutschen Bauernverbandes rund 26 Millionen Schweine und etwa 13 Millionen Rinder im Land, deren Gülle irgendwo hin muss.

In den Niederlanden gibt es – bei deutlich weniger Fläche als in Deutschland – mehr als elf Millionen Schweine. Es ist eine einfache Rechnung: Weniger Fläche bedeutet, dass das einzelne Feld mehr liefern muss, dass mehr gedüngt wird und in Folge dessen die Preise für Mineraldünger steigen. „Deshalb ist auch Gülle mehr wert“, sagt Carl-Hendrik May, der in Münster für die Nährstoffbörse, eine Art Tauschbörse für Wirtschaftsdünger, arbeitet. „Je höher der Stickstoff- und der Kaliumpreis ist, desto wertiger ist die Gülle“, sagt May, der rund 4500 Kunden hat.

Die niederländische Gülle ist in manchen Regionen Deutschlands so beliebt, weil sich Viehwirtschaft und Ackerbau sehr unterschiedlich verteilen. So wird von Köln bis hoch nach Mönchengladbach und Krefeld viel angebaut. Im Münsterland und im niedersächsischen Emsland dagegen stehen so viele Tiere, dass ein Überangebot an organischem Dünger herrscht.

Gülle aus Holland ist günstiger

Statt die Gülle aus dem Emsland zu holen, haben sich in den vergangenen Jahren viele Ackerbauern in der Grenzregion die Gülle aus den Niederlanden kommen lassen, das war günstiger. Die Viehbauern wiederum sind wegen des lokalen Überangebots gezwungen, ihre Gülle bis zum Feld des Ackerbauern zu fahren. So geht es Karl Werring aus Sendenhorst in Ostwestfalen: „In der Hannoveraner Börde würde ich für meine Gülle Geld bekommen. Ich verschenke hier Dünger im Wert von fast 10.000 Euro“, sagt der Landwirt. Doch wegen des Einsatzes von Personal, Maschinen und Zeit rechne sich der Weg bis nach Hannover nicht, sagt er.

An dieser Stelle kommen die Gülle-Vermittler ins Spiel. „Der Wettbewerb hat stark zugenommen“, sagt Bernd Heselhaus, der für die Nährstoffbörse als Lohnunternehmer tätig ist und die Gülle quer durchs Land bringt. „Wir nehmen sieben bis acht Euro pro Tonne für die Vermittlung“, sagt er. 700.000 Tonnen hatte er im vergangenen Jahr unter Vertrag, das ist Gülle im Wert von fast fünf Millionen Euro.

70 bis 80 Kilometer fährt Heselhaus im Schnitt mit seiner Gülle durchs Land. „Kürzlich bekam ich einen Anruf aus einem Ort südlich von Mainz“, sagt er, „die waren ganz verzweifelt, weil sie keine Gülle bekamen.“ Er glaubt, dass er in Zukunft noch weiter fahren muss, um die Gülle zu den Landwirten zu bringen – und dass die Niederländer ihre Gülle zur Not auch bis nach Mecklenburg fahren, um sie los zu werden. „Stellen Sie sich mal vor, wie viele Abgase dadurch entstehen“, sagt der Unternehmer, „das ist dann auch nicht gerade umweltfreundlich.“ Das scheint die Landwirtschaftsminister von Nordrheinwestfalen und Niedersachsen nicht zu stören.

Johannes Remmel, der grüne Agrarminister aus Düsseldorf, will, dass auch die Landwirtschaft ihren Anteil zum Umweltschutz leistet. Remmel und sein niedersächsischer Kollege Gert Lindemann (CDU) argumentieren mit dem Grundwasser, das durch die Gülle-Düngung zu stark mit Nitrat belastet werde. „Wir haben große Probleme mit Nitrat im Grundwasser. Deswegen können wir es nicht weiter akzeptieren, dass zu viel Gülle, auch aus den Niederlanden, auf unsere Felder kommt“, sagt Johannes Remmel.

Ergo: Das Problem lässt sich nur beheben, indem weniger gedüngt wird. Nicht, indem die Gülle vor dem Export drucksterilisiert wird. Das Abkochen der Gülle ist keine hygienische Notwendigkeit – schließlich sterilisieren die deutschen Bauern ihre Gülle auch nicht – sondern ein willkommenes Regulativ, mit dem sich die Einfuhr wirksam begrenzen lässt, ohne ein direktes Verbot auszusprechen.

Wissenschaftler wie Mark Sutton vom Zentrum für Ökologie und Hydrologie im schottischen Edinburgh geben den Ministern im Punkt Grundwasserschutz recht. „Die Gefahr der Auswaschung durch Regen ist bei organischem Dünger größer“, sagt der Forscher. Dem halten die Bauern entgegen: Künstliche Stickstoffe sind in der Herstellung sehr materialintensiv, so brauche es bei einer Tonne Stickstoff bis zur Ausbringung auf das Feld rund zwei Tonnen Rohöl – auch das ein nur begrenzt vorhandener Rohstoff, der hier für die Herstellung von etwas verwendet werde, das wegen der Fleischproduktion sowieso vorhanden sei.

Mineralischer Dünger ist den Bauern zufolge nur die zweitbeste Lösung – nicht nur wegen des höheren Preises. „Die Erträge sind größer, wenn Sie mit Gülle düngen“, sagt Thomas Waden aus Mönchengladbach, der wegen des Zwangs zur Drucksterilisierung auf Kunstdünger umstieg und das gleich am Wachstum seiner Pflanzen merkte.

Diese Erfahrung hat auch Norbert Hofnagel gemacht, der in Ostwestfalen 70 Hektar Ackerfläche hat. Er hat mehrere Jahre mit künstlichem Dünger gearbeitet, bevor er auf Wirtschaftsdünger umstieg. „Ich erziele jetzt deutlich bessere Ergebnisse“, sagt er. In Holland führt der Gülle-Streit nun dazu, dass Bauern ihre Gülle mehrere hundert Kilometer in die Polder-Region oder sogar nach Belgien und Frankreich fahren.

„Die stellen sich wenigstens nicht so an und wollen die Gülle gekocht haben“, sagt Theo Willems. Er wartet in diesen Tagen sehnsüchtig darauf, dass er seine Sterilisierungsanlage auf 143 Grad hochfahren kann. Wenn er Pech hat, wird die Anlage allerdings genau dann fertig, wenn die ausgerechnet die sonst so regulierungsfreudige EU-Kommission die deutschen Erlasse wieder kippt, Anfang August, und die Pflicht zur Sterilisierung aufhebt.

Vorher berät sich die Kommission noch mit dem Europäischen Rat und dem Parlament. „Die EU-Kommission hat uns gesagt, dass die Sterilisierung der Gülle nicht mehr verpflichtend sein kann“, sagt der Agrarminister der Niederlande, Henk Bleker. Für Theo Willems aus America kommt die Entscheidung in jedem Fall zu spät. Seine Anlage ist fast fertig.