Noch arbeiten sich die mehr als 80.000 Mähdrescher durch die Getreidefelder. Doch schon jetzt ist absehbar, dass die Ernte deutlich geringer ausfallen wird als im Vorjahr. Der Deutsche Bauernverband rechnet mit 45 Millionen Tonnen Getreide, vier Millionen Tonnen weniger als 2009. „Vor allem der Weizen leidet unter Hitzestress“, sagte DBV-Generalsekretär Helmut Born bei der Vorstellung des ersten Ernteberichts der Saison heute in Berlin.
In weiten Teilen Deutschlands sei der Weizen als Folge des Wassermangels „in die Notreife gegangen“, sagte Born. Die Pflanzen färbten sich viel zu schnell gelb und die Ähren könnten die Körner nicht mehr voll ausbilden. „Was da bisher gedroschen wurde, bekümmert uns sehr“, sagte Born. Weizen ist das wichtigste Getreide der deutschen Bauern und nimmt fast die Hälfte der 6,7 Millionen Hektar Getreidefläche ein. Born rechnet damit, dass die Erträge um zehn bis 20 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres liegen werden.
Born blickte zurück auf ein insgesamt schwieriges Wirtschaftsjahr für die Bauern. Im vergangenen Herbst hatten die Winterfrüchte Gerste, Roggen, Weizen und Raps zum Teil unter starken Niederschlägen gelitten. Es folgte ein extrem langer und kalter Winter, der die Aussaat von Sommergerste, Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln erheblich verzögerte. Noch im März gab es in ganz Deutschland Frosttage. Die Landwirte waren dann erleichtert über einen nassen und kühlen Mai, die Pflanzen konnten mit ihrem Wachstum kräftig aufholen.
Die Folgen der Hitzewelle
Seither regnete es fast in ganz Deutschland viel zu wenig. In Berlin fielen im Juni nur fünf Millimeter Niederschlag. Der gesamte Norden und Osten leidet unter Wassermangel. Allein der Roggen, das wichtigste Brotgetreide, komme mit der Situation etwas besser zurecht, sagte Born. Der Raps dagegen habe als Folge der Hitze seine Schoten nicht voll ausgebildet und die Landwirte müssten sich auf eine unterdurchschnittliche Ernte einstellen. Noch dramatischer ist die Situation offenbar beim Mais. Auf leichten Böden im Norden und Osten haben die Pflanzen ihr Wachstum bereits eingestellt. Mais ist die wichtigste Futtergrundlage für Rinderhalter und auch Schweinemäster. Wird Futtermais knapp und damit teuer, steigen als Folge auch die Verbraucherpreise für Fleisch, sagte Born. Bei Brötchen und Brot rechne er aber weiterhin mit stabilen Preisen für die Verbraucher. Der Anteil des Mehls sei so gering, dass sich Preissteigerungen beim Getreide nicht auswirken würden. Das gelte auch für Braugerste und Bier.
Dennoch können die Verbraucher die Folgen des ungünstigen Wetters zu spüren bekommen. Als Folge der Trockenheit sind Kartoffeln in diesem Jahr kleiner und die Pommes Frites-Stäbchen dürften daher etwas kürzer ausfallen. Insgesamt beschrieb Born die Stimmung zur wirtschaftlichen Lage dennoch als optimistisch. Sie habe sich im zweiten Quartal im Vergleich zum Jahresbeginn deutlich verbessert, wie das aktuelle Konjunkturbarometer zeigt. Jeder dritte Betrieb will demnach in den kommenden sechs Monaten investieren – vor allem in neue Maschinen. Das Investitionsvolumen in der Landwirtschaft liegt jedes Jahr bei etwa zehn bis zwölf Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hatten die Bauern zusätzlich sieben Milliarden Euro in Fotovoltaik- und Biogasanlagen gesteckt. Und auch in diesem Jahr will fast jeder zehnte Betrieb Geld für erneuerbare Energien ausgeben.
Bauern brauchen Hilfe vom Staat
Kritik übte Born an den Steuerplänen der Bundesregierung. Die Bauern würden dabei zu wenig berücksichtigt. Angesichts der Unwägbarkeiten beim Wetter und der stark schwankenden Weltmarktpreise für Agrarprodukte fordert der Bauernverband eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage, damit Landwirte für schlechte Jahre vorsorgen könnten. Würde man das Auf und Ab der Getreidepreise auf ein Auto für 30.000 Euro übertragen, rechnete Born vor, würde es bedeuten, dass dieses einmal für 20.000 und ein Jahr später für 40.000 Euro verkauft würde. Um damit zurechtzukommen, bräuchten die Bauern dringend eine steuerliche Hilfe, forderte Born.





