Nass oder trocken?

Frage nach der richtigen Rasur ist beantwortet

Eine amerikanische Erfindung: 1931 wurde der erste Elektro-Rasierer verkauft. Heute geht der Trend zur Ganzkörperrasur.

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Am Anfang war der Bart. Und der musste ab. Jahrhundertelang hatten sich Männer mit allen möglichen scharfkantigen Dingen durchs Gesicht geschabt, um sich von den lästigen Haaren an Kinn und Wangen zu befreien. Erst das 20. Jahrhundert revolutionierte die Rasur. Nicht nur Gillette rettete die Herren mit der Erfindung auswechselbarer Klingen am Nassrasierer vor hässlichen, kleinen Schnitten. Vor allem der US-Soldat und Hobbyerfinder Jacob Schick brachte Schwung auf die Messer. Er erfand den Elektrorasierer. Vor 80 Jahren wurde der erste aus der Schick-Produktion verkauft. Seither herrscht ein Krieg der Klingen zwischen Nass- und Trockenrasierern.

"Body-Grooming" wird beliebter

Doch mittlerweile gibt es auch einen großen Anteil Männer, die sich nicht nur im Gesicht rasieren. „Ganzkörperrasur ist ein ganz großes Thema“, sagt Philips-Sprecherin Anja Schlumberger. „Body-Grooming“ heißt das neue Schlagwort. Was noch vor einigen Jahren vor allem unter Leistungssportlern und Homosexuellen genutzt wurde, findet inzwischen gerade unter den jungen Männern immer mehr Anhänger. Relativ neu auf dem Markt sind deshalb Geräte für die Ganzkörperrasur, die sowohl die klassische Trockenrasur erledigen als auch unter der Dusche verwendet werden können.

Nach Einschätzung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) verzeichnet dieses Segment der Elektrokleingeräte entgegen dem Trend positive Wachstumsraten. Damit steht der Rasierapparat auf einer Stufe mit dem Verkaufserfolg von Kaffeeautomaten und Espressomaschinen.

Fünf Jahre Forschung für den Elektrorasierer

Von "Body-Grooming" hatte der Tüftler Jacob Schick noch nichts geahnt, als er zum Ende des Ersten Weltkriegs im kalten Alaska seinen Dienst für die US-Army versah. Dort hatte er nicht nur viel Zeit zum Nachdenken, sondern auch reichlich Eis, das ihn davon abhielt, seine morgendliche Körperpflege zu betreiben. Dem Mythos zufolge hatte er es satt, Löcher ins Eis schlagen zu müssen, um Wasser zum Rasieren zu gewinnen. Deshalb sann er über ein motorbetriebenes Gerät nach, mit dem er seinen Stoppeln zu Leibe rücken konnte. Seine Idee scheiterte zunächst allerdings an der Größe des Motors. Fünf Jahre lang forschte Schick, bis er das Problem gelöst hatte.

Doch dann kamen Schwierigkeiten anderer Natur auf ihn zu: Sein Rasierapparat interessierte niemanden – ein unverkäufliches Patent. Als die Suche nach Geldgebern für sein Projekt gescheitert war, nahm der Tüftler die Sache selbst in die Hand und tat einen Schritt zurück: Er erfand den Schick-Injector, ein Vorläufer der heutigen Wechselklingenmodelle für Nassrasierer, um genügend Startkapital für sein Elektrorasiererprojekt zusammenzubekommen.

Als dies gelungen war, übernahm er Bau und Vertrieb seines elektrischen "Sicherheitsrasierers", bei dem die scharfen Messer unter einer Haube hin und her sausten, und bewies, dass er einen guten Riecher gehabt hatte: Offenbar hatte die Männerwelt auf die Innovation gewartet. 25 Dollar sollen die ersten Rasierer gekostet haben – ein stattlicher Preis, der – kaufkraftbereinigt – etwa dem eines heutigen Highend-Gerätes entspricht.

Kein Schaum, kein Blut

Schick traf offenbar den Nerv des modernen Mannes und verkaufte bereits im ersten Jahr 3000 Geräte. Kein Schaum war mehr nötig – und vor allem keine Klinge. Die Verletzungsgefahr sank, die Bequemlichkeit stieg. In der zweiten Hälfte der 30er-Jahre stieg der Absatz auf mehr als eine Million Geräte pro Jahr.

Schick erschloss nicht nur den amerikanischen und kanadischen Markt, sondern exportierte auch nach Europa. "Zunächst nur in die großen Städte, weil auf dem Land die Elektrifizierung noch gar nicht so weit fortgeschritten war", erklärt der Frankfurter Technik-Historiker Frank Gnegel. In den USA orientierte sich Remington an Schicks Sicherheitsrasierer und brachte 1937 ein ähnliches Gerät auf den Markt.

In Europa hatte der niederländische Elektrogerätehersteller Philips den Rasierer schnell auf dem Plan. Philips-Entwickler Alexandre Horowitz jedoch gefiel das Schick-System mit hin und her ratternden Klingen nicht. Die Schneidebewegung an den Seiten war ihm zu langsam, deshalb entwickelte er ein konstant rotierendes System. Der "Philishave" war geboren, und die drei rotierenden Scherköpfe wurden zum Markenzeichen der Philips-Rasierer. Zur Marktreife 1939 erhielt Philips aus dem Stand 8000 Bestellungen für seinen modernen Rasierer.

1950 beginnt Braun mit der Serienproduktion

In Deutschland arbeitete der Frankfurter Apparatebauer Max Braun an einem Rasiersystem, doch der Zweite Weltkrieg fror die Bemühungen in diese Richtung zunächst ein. 1950 startete Braun mit der Serienfertigung seines ersten Trockenrasierers. Zum Einsatz kam damals zum ersten Mal die neuartige Scherfolientechnologie, der Braun bis heute treu bleibt. "Das Prinzip des Klingenblocks unter einer hauchdünnen Scherfolie ist aber so ziemlich das einzige, was der erste Rasierer mit den heutigen Systemen gemeinsam hat", sagt Dirk Freund, Leiter der Braun Entwicklungs- und Designabteilung.

Im folgenden Jahrzehnt erlebte das kleine Gerät jedoch einen Boom. Die sicheren Trockenrasierer konnten sich gegen die scharfen Klingen der Nassrasierer immer mehr durchsetzen. Allerdings hat in kaum einem anderen Land der Welt der elektrische Herrenrasierer mehr eingeschlagen als in Deutschland. Innerhalb eines Jahrzehnts waren bereits rund 40 Prozent der Männer von der Trockenrasur überzeugt. Und damit war der Siegeszug noch nicht zu Ende.

"In seinen besten Zeiten rasierten sich 70 Prozent der Männer elektrisch", sagt Technik-Historiker Gnegel. Braun-Entwickler Freund findet das auch schlüssig, denn schließlich sei die Nassrasur auch nicht das gewesen, was sie heute ist. "Da konnte man sich hässlich verletzen", sagt er. Es war jedoch nicht nur die Sicherheit und Bequemlichkeit, die bei Männern Anklang fand. Es war auch das Produktdesign, das die männliche Kaufentscheidung nicht erst seit dem iPad erheblich beeinflusst.

Nicht alle zur Sicherheitsrasur Bekehrten blieben der Elektrovariante jedoch treu. Es ist ein hart umkämpfter Markt geblieben und letztlich, so sagt ein Produktberater im Elektrofachhandel, einfach eine Glaubensfrage zwischen "nass" und "trocken". Heute ist der Markt Verbraucherstudien zufolge etwa zweigeteilt mit einem knappen Vorsprung für die Trockenrasierer. 194 Millionen Euro wurden laut Zentralverband der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie im vergangenen Jahr mit dem Verkauf von Elektrorasierern in Deutschland umgesetzt, drei Prozent mehr als im Vorjahr. Doch die Ergebnisse sind mit leichten Schwankungen in den vergangenen Jahren auf einem recht konstantem Niveau.

Kein Wachstumsmarkt?

"Rasierer sind kein Wachstumsmarkt", stellt Technik-Historiker Gnegel fest. Echte Neuerungen könne es nicht mehr geben, ist er überzeugt. Vielmehr gehe es nur darum, "Innovatiönchen zu verkaufen", denn wenn man einen Elektrorasierer pfleglich behandele, dann halte dieser lange durch. Der größte Segen sei wohl der Drang zu Akku-Rasierern gewesen, meint Gnegel. Denn deren Lebensdauer sei durch den Akku bestimmt, der irgendwann eben schlapp mache. "Aber man kann den Kundenkreis einfach nicht unendlich ausdehnen", stellt Gnegel fest. Gehe man von etwas 30 Millionen sich rasierenden Männern in Deutschland aus, von denen sich die Hälfte trocken rasiert, dann seien die Umsatzzahlen doch eher bescheiden: Rund 13 Euro gebe der elektrorasierende Mann pro Jahr demnach aus. "Das heißt, er kauft sich etwa alle sieben Jahre ein neues Gerät", rechnet der Rasurexperte.

Und eben weil die Produkte sich nicht über die Qualität der Rasur voneinander absetzen können, spielen die Zusatzgadgets und das Markenimage eine immer größere Rolle bei der Auswahl des Rasierers. Braun beispielsweise machte bis vor einigen Jahren ein gewisses "Altherrenimage" zu schaffen.

Til Schweiger machte Braun wieder sexy

Vor drei Jahren lieferten sich Braun und Philips noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Marktanteilen jeweils um die 46 Prozent. Inzwischen jedoch konnte Braun seine Marktführerschaft in Deutschland wieder ausbauen. Laut GfK erzielte das Unternehmen einen Marktanteil von rund 58 Prozent. Galt Braun bis dahin eher als traditionell denn als innovativ, sah das nach einem Imagewechsel ganz anders aus: Jetzt erreicht das Unternehmen die Zielgruppe der jüngeren Männer. "Verboten gut aussehen" lautete der Slogan mit Til Schweiger als Werbe-Botschafter. So viel Sexappeal hatte bis dahin wohl kaum eine Kampagne der Traditionsmarke. Dass es genau darauf jedoch ankommt, hat Braun in diversen Studien festegestellt: Männer finden bei einer Verabredung mit einer Frau Haarinseln im Gesicht schlimmer als ungeputzte Schuhe, lautet beispielsweise eines dieser Ergebnisse.

Auch wenn Technik-Historiker Gnegel kein Innovationspotential für die Qualität der Rasur mehr sieht, so gelingt es den Herstellern offenbar dennoch, Bedürfnisse zu erfüllen. "Letztlich wissen wir, dass sich die Männer heute anlassbezogen rasieren", sagt Braun-Entwickler Freund. Dazu gehört unterschiedliches Rasierverhalten an Wochentagen oder Wochenenden, morgens nass, nachmittags als Auffrischung noch mal trocken oder aber auf Reisen anders als im Alltag. Hinzu kommt ein Generationswechsel im Rasierverhalten. Ging es bis vor wenigen Jahren noch beim Rasieren darum, die Bartstoppeln möglichst effektiv zu beseitigen, steht bei vielen jüngeren Männern inzwischen das Styling-Element klar im Vordergrund. "Das geht mit Nassrasur nicht", sagt Freund. Verschiedene Muster, unterschiedliche Längen, Drei-Tage-Bärte, Ziegenbärtchen – all das will gepflegt sein.