Konjunktur

Deutschlands Ökonomen rechnen mit Marathon-Boom

Die führenden Institute erhöhen ihre Prognosen für das laufende Jahr. Nur der Ölpreis könnte einen Strich durch die Rechnung machen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel steht vor einer schwierigen Woche. Auf dem heute beginnenden EU-Gipfel beraten die Staats- und Regierungschefs, wie sie die Schuldenkrise in der Eurozone in den Griff kriegen wollen. Die Vorzeichen stehen alles andere als gut: Kurz vor dem Sondergipfel wird der Gegenwind für die klammen Euro-Staaten immer stärker.

Wie gut für Merkel, dass es dafür in der heimischen Wirtschaft wie geschmiert läuft. Der Start ins Jahr verlief glänzend. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind prall gefüllt, der Bausektor brummt wie seit Jahren nicht mehr und die Arbeitslosigkeit sinkt. Zwar gingen die Exporte im Januar um ein Prozent zurück, doch für die Ökonomen ist das nicht mehr als ein Ausrutscher. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hoben reihenweise ihre Prognosen an und prophezeien einen langen Aufschwung. „Mir fällt derzeit kein Grund ein, warum der Aufschwung nicht auch im kommenden Jahr weitergehen sollte“, sagt etwa Roland Döhrn, Konjunkturchef am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Allerdings könnte das Gute-Laune-Hoch in diesem Frühjahr seinen Höhepunkt erreichen. Denn steigende Preise und der hohe Ölpreis dürften auf die Stimmung drücken – im schlimmsten Fall könnten sie den Boom ernsthaft gefährden.

Der Donnerstag aber war zunächst wieder ein Traumtag für die deutsche Wirtschaft. „Angie im Wunderland“ überschrieb der britische „Economist“ jüngst eine Geschichte über den deutschen Aufschwung. Das britische Wirtschaftsblatt befand, die deutsche Kanzlerin lebe derzeit im Wirtschaftsmärchenland, Deutschland hänge alle anderen großen Volkswirtschaften in Europa ab. Und die jüngsten Wirtschaftsdaten und Prognosen stützen diese Schlagzeile.

Wachstum im dritten Jahr in Folge

Das RWI erhöhte seine Schätzung für das Wirtschaftswachstum in Deutschland für das laufende Jahr von 2,5 auf 2,9 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) passte seine Vorhersage von 2,3 auf 2,8 Prozent an. Die konjunkturelle Erholung in Deutschland sei so weit fortgeschritten, dass die Produktionskapazitäten in diesem Jahr wieder normal ausgelastet sind, so das IfW.

Treffen die Prognosen ein, stünde Deutschland vor einem „Marathon-Aufschwung“. Ein so kräftiges Wachstum drei Jahre in Folge – das hat es seit der Wiedervereinigung nicht gegeben. Noch Ende vergangenen Jahres waren viele Konjunkturexperten zurückhaltender. Die weltweit auslaufenden Konjunkturprogramme, die Eurokrise und die wirtschaftlich fragile Lage in den USA dämpften den Optimismus der Auguren.

Dass sie ihre Prognosen nun nach oben anpassen, liegt an den guten Wirtschaftsdaten zu Beginn des Jahres. So stiegen etwa die Auftragseingänge der Industrie im Januar um rund drei Prozent. „Da sind noch viele Aufträge in der Pipeline, die die Unternehmen erst mal abzuarbeiten haben“, sagt Andreas Rees, Volkswirt bei UniCredit. Die Bauproduktion sprang im Januar gar um 36,3 Prozent nach oben. Von dieser Dynamik wurden viele Volkswirte völlig überrascht. UniCredit etwa hob nach dieser Meldung die Wachstumsprognose für das erste Quartal 2011 auf ein Prozent an.

Ohne den Bau legte die Industrieproduktion zwar kaum zu. Dafür aber revidierte das Statistische Bundesamt die Dezember-Zahlen für die Industrieproduktion kräftig nach oben. Das dürfte das Wirtschaftswachstum 2010 noch ein bisschen höher ausfallen lassen als angenommen. Derzeit geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass die Konjunktur 2010 um 3,6 Prozent gewachsen ist. „Nach der Revision sind nun aber auch 3,8 Prozent möglich“, sagt Döhrn.

Den guten Lauf aus 2010 hat die deutsche Wirtschaft ins neue Jahr herüberretten können, wie etwa ein Blick auf die Stahlproduktion zeigt. Diese Daten sind die ersten, die für Februar verfügbar sind, und sie signalisieren eine Fortsetzung des Booms. Die deutschen Hütten stellten 3,7 Millionen Tonnen Rohstahl her, acht Prozent mehr als vor einem Jahr.

Der Aufschwung ist deshalb so robust, weil er nach Ansicht vieler Experten auf einem breiten Fundament steht. Waren es in der Vergangenheit besonders die Exporte, die die deutsche Wirtschaft antrieben, steuern nun auch Investitionen und Konsum ihren Beitrag bei. Die Hälfte des Wachstums geht 2011 nach Schätzung der Commerzbank auf das Konto der Investitionen, die andere Hälfte teilen sich gleichermaßen Ausfuhren und der private Verbrauch.

„Der Aufschwung ist intakt, der Boom geht weiter“, sagt Ulrike Rondorf, Volkswirtin bei der Commerzbank. Das Finanzhaus erwartet ein Plus von 2,5 Prozent für 2012, das RWI rechnet für das kommende Jahr mit einem Wachstum von 2,4 Prozent. „Auch wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in diesem Jahr wie angekündigt erhöhen sollte: Die Geldpolitik wirkt auf die deutsche Konjunktur noch immer unterstützend“, sagt Döhrn. Hinzu kommt, dass die letzten Stimmungsmesser aus Italien und Frankreich besser waren als angenommen. Und 2012, so hoffen Experten, könnte sich auch die Lage in einigen Euro-Krisenstaaten bessern.

Eine halbe Million mehr Erwerbstätige

Die rund laufende Konjunktur wird nach Einschätzung der Institute auch die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt weiter verbessern. Die Zahl der Erwerbstätigen wird 2011 laut RWI um 500.000 und 2012 nochmal fast genauso stark zunehmen. 2012 wären im Jahresdurchschnitt demnach unter 2,5 Millionen Menschen arbeitslos.

Doch auch wenn die Wirtschaftslage derzeit glänzend ist, die Gefahren für die deutsche Wirtschaft sind nicht zu unterschätzen. Die derzeit wohl größte Unbekannte ist der in den vergangenen Monaten rasant gestiegene Ölpreis. Er setzt viele Firmen unter Kostendruck. Und auch die Autofahrer spüren an der Zapfsäule, wie der gestiegene Spritpreis Löcher in die Haushaltskasse reißt. Die anhaltenden politischen Konflikte im arabischen Raum könnten den Preis für den Schmierstoff der Wirtschaft sogar noch weiter in die Höhe treiben. Komme es hier zu nachhaltigen Versorgungsstörungen, werde auch das Wachstum in Deutschland spürbar gedämpft, warnt das RWI. In diesem Fall würden auch die Verbraucherpreise weiter steigen.

Inflation frisst Lohnsteigerung auf

Dabei schätzt das RWI, dass die Inflationsrate schon ohne einen stark steigenden Ölpreis im laufenden Jahr auf 2,5 Prozent steigen und auch 2012 bei 2,4 Prozent verharren wird. Konkret bedeutet das: Viele Deutsche werden trotz der gut laufenden Wirtschaft nicht mehr Geld in der Tasche haben. Zwar rechnet das RWI für 2012 mit einem Anstieg der Löhne um drei Prozent. Doch nach Abzug der Inflationsrate bleibt kaum noch etwas davon übrig. Viele Rentner könnten sogar zeitweilig weniger Geld im Portemonnaie haben. Das könnte den Konsum in Deutschland, auf den viele Konjunkturforscher so große Hoffnungen setzen, merklich drosseln.

Der zweite Unsicherheitsfaktor für die deutsche Konjunktur ist – neben der schwelenden Eurokrise – die weitere Entwicklung in China. Viele Experten rechnen nicht damit, dass die Volksrepublik das hohe Wachstumstempo von zehn Prozent dauerhaft halten kann. Insbesondere höhere Nahrungsmittelpreise stellen die Chinesen vor Probleme.

Schwächt sich das Wachstum im Riesenreich ab, kühlt sich auch die hiesige Konjunktur herunter. Denn im Dezember gingen nach Berechnungen von UniCredit erstmals mehr Waren „Made in Germany“ nach China als in die USA.

Ob die deutschen Unternehmen diese Sorgen teilen, wird der Ifo-Index in zwei Wochen zeigen. Das wichtigste Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft liegt derzeit auf dem höchsten Stand seit 1969. Doch es ist sehr wahrscheinlich, dass die 7000 befragten Unternehmen im März erstmals seit langer Zeit wieder pessimistischer sind.