Er wurde im Internet als Che Guévara der Finanzen gefeiert, als Idol der Kapitalismus- und Globalisierungsgegner. Er wurde zum Helden von Romanen, Comics – und gerade erst von den Lesern einer französischen Tageszeitung zu einer der beliebtesten Personen des vergangenen Jahres gewählt: Der Skandalhändler Jérôme Kerviel, dessen Spekulationen der Société Générale vor einem Jahr fast fünf Milliarden Euro Verlust bescherten und die französische Großbank damit an den Rand des Abgrunds trieb, gab der Finanzkrise in Frankreich ein Gesicht.


Auch wenn Bernard Madoff in den USA das Ausmaß von Kerviels betrügerischen Geschäften längst in den Schatten gestellt hat, tut das seiner Popularität keinen Abbruch. Im Gegenteil, denn mit dem jungen Bretonen können sich viele Franzosen identifizieren. Das liegt zum einen an der weitverbreiteten antikapitalistischen Grundstimmung im Land. Und zum anderen daran, dass er zwar äußerlich wie ein Sohn aus gutem Hause wirkt, aber in Wirklichkeit aus bescheidenen Verhältnissen kommt und eben nicht zur tonangebenden Elite zählt.

Dennoch wird der 32-Jährige kaum mit der Gnade der Richter rechnen können, wenn das Ermittlungsverfahren gegen ihn und seinen ehemaligen Assistenten Thomas Mougard in den kommenden Wochen mit viermonatiger Verspätung abgeschlossen wird und irgendwann danach der Prozess gegen ihn beginnt. Eine Konfrontation mit dem Ex-Chef der Bank Daniel Bouton, wie Kerviel sie fordert, lehnen die zuständigen Untersuchungsrichter bisher ab. Sie sehen keine Mitschuld bei der Société Générale. Kerviel habe die internen Kontrolleure belogen und getäuscht, glauben sie.

Doch der Großbank droht im Zusammenhang mit der Affäre an anderer Stelle Ungemach. Denn in den USA haben amerikanische Aktionäre inzwischen eine Sammelklage gegen sie eingereicht. Die Société Générale habe die Affäre ausgenutzt, um von ihren Verlusten im Zusammenhang mit der Immobilienmarktkrise abzulenken, lautet der Vorwurf der Kläger.

Ein Jahr nach Auffliegen des Milliarden-Skandals meidet Kerviel das Rampenlicht. Er lebt sehr zurückgezogen und unauffällig, so wie Millionen andere Angestellte im Großraum Paris auch. Er arbeitet viel, nimmt die Metro und wohnt zusammen mit seiner Freundin, einer Bankangestellten, in einer kleinen Wohnung in einem schicken Vorort der französischen Hauptstadt. An den Wochenenden besucht er manchmal seinen Heimatort in der Bretagne.

Interviews und auch lukrative Jobangebote, die er nach Bekanntwerden der Affäre von mehreren Banken aus dem Ausland bekam: All das hat Jérôme Kerviel bisher abgelehnt. Angeblich verhandelt er mit Verlagen im In- und Ausland sowie mit Kinoproduzenten. Allerdings hat Regisseur Antoine de Caunes das Gerücht, er wolle die Affäre verfilmen und Kerviel solle sich dabei selber spielen, bereits dementiert.

Statt in Talkshows aufzutreten, begann Kerviel nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft im berühmt-berüchtigten Pariser Gefängnis La Santé bei der Informatikberatungsfirma Lemaire consultants et asscocié (LCA). Unternehmenschef Jean-Raymond Lemaire hatte Mitleid mit Kerviel und versteckte ihn deshalb zunächst in seiner Wohnung vor den Medien. Später bot er ihm dann einen Arbeitsplatz als Berater an. Der 60-Jährige ist für Kerviel, dessen eigener Vater vor drei Jahren starb, zu einem Ersatzvater geworden, zu einem Vertrauten, der fest an ihn glaubt, der ihn berät und unterstützt.

Spitzname Doppelzentner

Die richtigen Eltern des Skandaltraders stammen aus der tiefsten Provinz. Seine Mutter betrieb bis zu ihrer Pensionierung einen Friseursalon in Pont l’Abbé, einem malerischen Ort in der Bretagne; sein Vater, ein Kunstschmied, arbeitete bis zu seinem Tod als Ausbilder in einer Lehrlingswerkstatt. Mit der Welt der Finanzen kam Kerviel erst als pummeliger Teenager auf dem Gymnasium in Berührung. Dort gründete seine Klassenlehrerin, unterstützt von Unternehmen aus der Bretagne, einen Investorenclub mit einem Startkapital von rund 500 Euro. Der kleine Jérôme, von seinen Mitschülern damals wegen seines Leibesumfangs „Doppelzentner“ genannt, spekulierte begeistert mit – und gewann.

Er beschließt, später einmal Börsenhändler zu werden. Doch die elitären Wirtschaftshochschulen in Paris bleiben für den Jungen aus einfachen Verhältnissen ein Wunschtraum, und so muss er an den weit weniger renommierten Universitäten von Nantes und Lyon studieren. Kerviel macht ein Diplom, das ihn zum „Management von Finanzoperationen im Back und Middle Office“ befähigt, den hinteren Handelsräumen der Banken, wo die Geldgeschäfte abgewickelt und kontrolliert werden.

Mitte 2000 beginnt er in der Kontrolleinheit der Société Générale, bevor er 2005 zum Händler aufsteigt. Schnell ziehen ihn die Spekulationsgeschäfte in ihren Bann. Kerviel setzt im gleichen Sommer auf ein Fallen der Allianz-Aktie und macht einen Gewinn von 500.000 Euro, als die Börsenkurse nach den Bombenanschlägen in London einbrechen. „Das Ganze machte Lust auf mehr“, erklärt er später der Pariser Staatsanwaltschaft. Kerviel spekuliert deshalb 2007 darauf, dass der Deutsche Aktienindex Dax fällt und kauft für 30 Milliarden Euro ungesicherte Terminkontrakte.

Ab da kennt er kein Halten mehr. Er kauft und kauft, setzt unvorstellbare Summen ein, als sei das Ganze ein Computerspiel. 2007 macht er theoretisch einen satten Profit von 1,4 Milliarden Euro, doch bei seinen Vorgesetzten gibt Kerviel lediglich einen Gewinn von 55 Mio. Euro an. Erst zu Beginn des vergangenen Jahres stürzen seine Positionen ins Bodenlose.

Gefälschte Belege

Immer wieder lassen die unglaublichen Summen, mit denen Kerviel jongliert, bei internen Kontrollen der Bank die Alarmglocken schrillen. Doch der junge Bretone weicht mit seinen Antworten geschickt aus, er findet immer neue Erklärungen, um sich zu rechtfertigen, er fälscht Belege, fingiert Transaktionen. Niemand habe die Initiative ergriffen, seine Angaben zu prüfen, bemängelt später ein interner Untersuchungsbericht der Société Générale. Die Vorgesetzten lassen Kerviel einfach weitermachen. Selbst als die Handelsüberwachungsstelle der Börse Eurex in Frankfurt im November 2007 zwei Mal besorgt nachfragt, schreitet die Großbank nicht ein.

Anfang vergangenen Jahres ändert Kerviel seine Strategie und setzt auf steigende Kurse. Er erhöht seinen Einsatz noch einmal, auf nun 50 Milliarden Euro – dem Anderthalbfachen des Eigenkapitals der Société Générale. Wieder löst er damit innerhalb der Bank Alarm aus, wieder weicht er den Nachfragen aus, wieder inszeniert er fiktive Gegengeschäfte. Kerviel gibt als Gegenpartei die Baader Bank in Deutschland an, ein für die Höhe der Transaktionen eigentlich viel zu kleines Finanzinstitut.

Auf wiederholte Nachfragen seiner Vorgesetzten erklärt Kerviel, das Bankhaus handle im Auftrag der Deutschen Bank. Ein Fehler, denn ein interner Kontrolleur der Société Générale wird misstrauisch und ruft am 19. Januar, einem Samstag, einen Bekannten bei der Deutschen Bank in New York an. Der hat noch nie von Jérôme Kerviel gehört, und so nimmt Kerviels Unheil seinen Lauf.

Milliarden verbrannt

Am Nachmittag wird Société Générale-Vorstandschef Daniel Bouton auf seinem Landsitz im nördlich von Paris gelegenen Chantilly informiert. Der junge Aktienhändler, der eigentlich das Wochenende in dem noblen Badeort Deauville in der Normandie verbringen wollte, wird noch für den selben Abend in den Hauptsitz der Großbank im Pariser Büroviertel La Défense einbestellt.

Bouton erfährt jedoch erst Sonntagvormittag von den offenen Positionen Kerviels in Höhe von 50 Milliarden Euro. Er beauftragt Maxime Kahn, einen seiner besten Händler, Kerviels Kontrakte zu verkaufen. Bis dahin hat der Bretone abzüglich seiner Gewinne 1,3 Milliarden Euro verbrannt.

Doch zu Beginn ausgerechnet dieser Woche fallen die Aktienkurse so stark wie seit den Terroranschlägen von New York im September 2001 nicht mehr. Die Spitzenmanager der Bank lassen Kahn dennoch in einer überstürzten Aktion das gesamte 50-Milliarden-Euro-Paket Kerviels verscherbeln und so erhöht sich der Verlust von 1,3 auf fast fünf Milliarden Euro.

Am 24. Januar informiert Bouton die Presse und kündigt an, dass die Société Générale eine Kapitalerhöhung über 5,5 Milliarden Euro durchführen müsse. Die stolze, 1864 gegründete Großbank gilt daraufhin als Übernahmeobjekt. Daniel Bouton musste die operative Geschäftsführung der Société Générale abgeben und Kerviel verlor seinen Job bei der Bank.

Kerviel ist überzeugt: Er hat der Bank nur als Sündenbock gedient. Und die Manager der Société Générale wussten sehr wohl, welch waghalsige Spekulationen er betrieb. Das will er im Prozess nachweisen, und so verbringt er seine Abende mit der Vorbereitung auf die Verhandlungen.

Es geht um viel für Jérôme Kerviel. Ihm drohen hohe Entschädigungszahlungen an die Société Générale – und bis zu fünf Jahre Haft.