Noch residiert Irena in einem etwas heruntergekommenen Bürokomplex mit der Nummer C67 drei Blocks hinter der "Corniche“ genannten Strandpromenade von Abu Dhabi. Beim "World Future Energy Summit“, einer großen Energiekonferenz der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon kürzlich noch die herausragende Bedeutung der "einzigen internationalen Organisation mit Sitz im Nahen Osten“ gepriesen. Doch die Taxifahrer finden das unscheinbare Büro an der Khalidiyah Road nur, weil die Welt-Organisation den eher provinziell anmutenden Adress-Zusatz "gegenüber vom Kalidiyah Ladies & Children Park“ auf ihre Briefbögen druckt.

Irena wer? Es geht um die erste Neugründung einer weltumspannenden, internationalen Organisation seit Jahrzehnten. Die "International Renewable Energy Agency“ soll die Regierungen weltweit beim Ausbau erneuerbarer Energien beraten und so zur globalen ökologischen Energiewende beitragen. "Die globale Vernachlässigung der Erneuerbaren Energien“, so sah es der im Oktober 2010 verstorbene SPD-Politiker und Irena-Gründervater Hermann Scheer, "kann nur durch eine Internationale Agentur rechtzeitig und überall überwunden werden.“

Rechtzeitig ist relativ. Es ist immerhin schon 21 Jahren her, dass der Eurosolar-Präsident Scheer die Idee zur Gründung einer internationalen Öko-Energie-Agentur hatte. Zwar lehnten es die Vereinten Nationen auf der Rio-Konferenz 1992 ab, eine solche Veranstaltung unter dem UN-Dach zuzulassen. Doch Scheers beharrliches Bohren dicker Bretter führte im Januar 2009 doch noch zum Durchbruch: Vertreter von 75 Staaten unterzeichneten auf einer Konferenz in Bonn die Gründungsurkunde einer von der UN unabhängigen Irena. Offiziell bekam die Organisation lediglich den Status einer "Vorbereitungskommission“, die dementsprechend auch nur von einer Interims-Generaldirektorin geleitet werden sollte. Seither ist Stille.

Zwei Jahre später beginnen Umweltpolitiker und Lobbyverbände in Deutschland allmählich unruhig zu werden. Wo bleibt Irena? Seit ihrer Gründung am 26. Januar 2009 hat die Organisation kaum mehr als einen gelegentlichen Neuzugang auf der Mitgliederliste zu vermelden. Dabei gab es genug Debatten, in denen sich eine globale Öko-Autorität hätte Gehör verschaffen können. Doch wann immer es um den Klimaschutz, den Energiehunger der Schwellenländer, die Atomkraft oder die Chancen des Wüstenstromprojekts Desertec ging: von Irena kein Wort.

"Die Gründung von Irena war mit hohen Erwartungen verknüpft“, sagt Axel Berg, Vorsitzender der deutschen Sektion der Lobbyorganisation Eurosolar: "Irena sollte die Energiewende weltweit beschleunigen. Daran gemessen, sind wir enttäuscht. Seit der Gründung ist fast nichts geschehen. Es ist verlorene Zeit.“

Die Öko-Lobbyisten sind genervt, weil sie Irena endlich als Gegenentwurf zur "Internationalen Energie-Agentur“ (IEA) in Position bringen wollen. Denn die in Paris ansässige IEA, ein Beratungsgremium der in der OECD zusammengeschlossenen Industrieländer, propagiert aus ihrer Sicht stets zu sehr die Atomkraft. Auch werde in der Weltenergie-Prognose der IEA das Potenzial erneuerbarer Energien stets zu niedrig angesetzt, schimpfen die deutschen Öko-Lobbyisten. Schon gar nicht passt es ihnen, dass sich Abu Dhabi mit Hilfe von Irena einen Namen als vorbildliches Öko-Emirat macht, das es aber zugleich völlig in Ordnung findet, vier koreanische Atomkraftwerke im Wert von 20 Milliarden Dollar zu bestellen.

Immer, wenn Sultan Al-Jaber, der Chef des Öko-Konzerns Masdar auf den Irena-Empfängen in Abu Dhabi von der Atomkraft als gleichberechtigter CO2-freier Technologie schwärmt, winden sich die Beobachter deutscher Umweltverbände vor Unbehagen: Sie fürchten, dass der staatliche Atom-Enthusiasmus in den Emiraten über kurz oder lang auf die Irena abstrahlt, die einst vom bekennenden Atomkraftgegner Hermann Scheer initiiert worden war.

Auch andere deutsche Ökostrom-Lobbyisten und Umweltpolitiker fragen sich inzwischen, ob man nicht einen unverzeihlichen Fehler begangen hatte, den Sitz der internationalen Ökoenergie-Agentur ausgerechnet im Land der Ölscheichs zu installieren. Zwar gilt das Emirat Abu Dhabi als umweltpolitischer Vorreiter der Region: Die Scheichs setzen mit "Masdar City“ eine Ökostadt in den Wüstensand, der Staatsfonds Mubadala finanziert rund um den Globus Windparks und Solarfabriken. Doch die Kritiker in Deutschland wurmt es, dass Deutschland gleich doppelt verlor, als 2009 um die Sitzvergabe der Irena gepokert wurde.

Standort und Leitung gehen an andere Länder

Damals hatte die Bundesregierung darauf verzichtet, Irena-Gründungsvater Hermann Scheer auch gleich als ersten Generaldirektor zu nominieren. Das hätte die Kandidatur Bonns für den Hauptsitz der Organisation chancenlos gemacht. Grund ist ein ungeschriebenes Gesetz der Diplomatie, nach dem der Gründungsdirektor nie aus dem Land kommen darf, in dem eine internationale Organisation Sitz nimmt. Doch der Verzicht auf Scheers Kandidatur zahlte sich nicht aus: Die Delegierten gaben in der Standort-Frage Abu Dhabi den Vorzug, und vertröstete Bonn mit der Aussicht, immerhin noch Standort eines "Innovations- und Technikzentrums“ zu werden.

Ein schwacher Trost für die politische Niederlage, sowohl Standort als auch Leitung der prestigeträchtigen internationalen Organisation ans Ausland verloren zu haben, obwohl Idee und Initiative zu ihrem Aufbau aus Deutschland gekommen waren. Nach zwei Jahren Stillstand fürchten die Kritiker nun, dass das Erbe des Solar-Pioniers Scheer unter Arabiens Sonne dahin schmilzt. "Die Situation ist enttäuschend“, klagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Ulrich Kelber. "Das Ausmaß, in dem sich Abu Dhabi mit Irena schmückt, ist umgekehrt proportional zum Engagement des Emirats für die Organisation.“ Fortschritte seien kaum zu erkennen, auch das in Deutschland geplante "Innovations- und Technikzentrum der Irena“ hätten nach Ansicht des Bonner Bundestagsabgeordneten "längst an den Start gehen können“.

Jetzt kommt allerdings Bewegung in die Organisation. Die als überfordert geltende Interims-Chefin Hélène Pelosse wurde Ende 2010 vom gebürtigen Kenianer und UN-Manager Adnan Amin abgelöst. Und der zog die Zügel in kürzester Zeit an. Die bislang noch freiwilligen Mitgliedsbeiträge der Staaten wurden mit mehr Vehemenz eingefordert, der Personalaufbau, der fast zum Erliegen gekommen war, kam wieder in Fahrt.

Jürgen Becker, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, nahm jedenfalls nur positive Eindrücke mit, als er Mitte Januar auf dem Energiegipfel der Emirate seine Runde machte. "Die Vereinigten Arabischen Emirate sind für die deutsche Wirtschaft der erneuerbaren Energien und Forschungsinstitutionen ein hervorragender Standort.“ Was beim Aufbau der Irena "in zwei Jahren erreicht wurde, ist ein Erfolg“, beschied Becker. "Wer inhaltliche Antworten erwartet, der ist noch zu früh.“ Er sei auch "nicht unglücklich darüber, dass ein Land, das so reichlich über die zwei alten Energien Öl und Gas verfügt, Sitz der Irena wurde“, sagt Becker. "Das mildert den Konflikt zwischen alten und neuen Energien.“ Zudem gewinne Abu Dhabi in der arabischen Welt "eine einzigartige Position“, die sich in Klimaschutz-Verhandlungen noch auszahlen werde.

Becker, der seit Amtsantritt im November 2009 dreimal die Emirate besuchte, plant deshalb nun seinen vierten Trip: Am 4. April soll die Vollversammlung der Irena zusammentreten, um den vorläufigen Status der Organisation zu beenden. "Damit wird Irena auch rechtlich in vollem Umfang eine internationale Organisation und der Gründungsprozess abgeschlossen“, sagt er. Schon wenige Wochen später, im Juni oder Juli, könne dann auch das Technikzentrum mit rund zehn Mitarbeitern in Bonn seine Arbeit aufnehmen. Und dann soll es nur noch zwei weitere Jahre dauern, bis die Weltagentur endlich auch ihr vorläufiges Domizil an der Khalidiyah Road aufgibt und in ein standesgemäßes, schmuckes Hauptquartier in der im Bau befindlichen Ökostadt Masdar City umzieht.