Arbeiten bis 67? Nein, sagt Hansjörg Lammer. „Das ist als Schichtarbeiter nicht möglich.“ Lammer hat 40 Jahre beim Chemiekonzern Degussa gearbeitet, 18 Jahre lang war er Betriebsratsvorsitzender. „Seit ich Betriebsrat bin, habe ich keinen Schichtarbeiter gesehen, der mit 65 in Rente gegangen ist“, sagt der Gewerkschafter. Die Menschen gingen nicht, weil sie nicht mehr wollten, „sie gehen, weil sie nicht mehr können“. Auch Uwe Meschwitz konnte nicht mehr. „Mit 45 haben die Ärzte mich kaputt geschrieben: Lendenwirbel, Schulter, Ellbogen“, erzählt Meschwitz.
Nur 6,6 Prozent der Beschäftigten im Dachdeckerhandwerk seien älter als 50 Jahre, erzählt Meschwitz, der Vorsitzender der Bundesfachgruppe Dachdecker in der IG Bau ist. „Wer sein Leben lang körperlich gearbeitet hat, ist mit über 50 Jahren kaputt“, sagt Meschwitz. Für diese Leute sei die Rente mit 65 „illusorisch“ und die Rente mit 67 eine „reine Rentenkürzung“. Lammer und Meschwitz traten jüngst auf einer Fachtagung des DGB in Berlin als Kronzeugen gegen die Rente mit 67 auf. Sie sollten belegen, dass Beschäftigte kaum eine Chance haben, bis zum Renteneintritt zu arbeiten.
Die Gewerkschaften wissen: Kaum eine Reform ist in der Bevölkerung so unpopulär wie die von der großen Koalition beschlossene längere Lebensarbeitszeit. Ab 2012 wird die Altersgrenze in kleinen Schritten angehoben. 2029 geht dann der erste Jahrgang mit 67 in den Ruhestand. „So lange sich die Situation für Ältere nicht drastisch verbessert, ist die Rente mit 67 nicht vertretbar und muss zumindest auf Eis gelegt werden“, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Die Regierung solle die Denkpause nutzen, „den noch immer überfälligen Mentalitätswandel für die Beschäftigung Ältere zu erreichen“.
Doch hier kommt die Gewerkschafterin etwas zu spät: Der Abschied vom Jugendwahn hat in der Wirtschaft längst begonnen. In immer mehr Unternehmen stellen sich die Arbeitgeber auf alternde Belegschaften ein. Und auch die Gewerkschaften selbst reagieren im Stillen ganz pragmatisch auf den demografischen Wandel, in den Betrieben vor Ort genauso wie in der Tarifpolitik. So hat die Chemiegewerkschaft IGBCE mit den Arbeitgebern schon 2008 einen Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ abgeschlossen. Und auch die Metallbranche vereinbarte bereits einen Tarifvertrag zur Flankierung der Rente mit 67.
Stille Revolution in den Betrieben
Dass der Wandel längst eingesetzt hat, dass in den Betrieben eine stille Revolution stattfindet, belegt auch der Bericht von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), den das Kabinett heute billigte. Alle vier Jahre – erstmals 2010 – muss die Bundesregierung eine Einschätzung darüber abgeben, ob die Anhebung der Regelaltersgrenze „unter Berücksichtigung der Entwicklung der Arbeitsmarktlage älterer Arbeitnehmer weiterhin vertretbar erscheint“. Diesen Paragrafen konnten die Gegner der Rente mit 67 in das Gesetz hinein verhandeln, als Franz Müntefering (SPD) als Vizekanzler die Verlängerung der Lebensarbeitszeit in der großen Koalition durchsetzte.
„Aufbruch in die altersgerechte Arbeitswelt“ hat von der Leyen ihren Bericht überschrieben, und sie belegt diesen Aufbruch mit Zahlen: So hat Deutschland das EU-Ziel, die Erwerbstätigenquote der über 55-Jährigen bis 2010 auf mindestens 50 Prozent zu erhöhen, bereits im Jahr 2007 überschritten. Die Erwerbstätigenquote der 60-bis 65jährigen hat sich seit 2000 nahezu verdoppelt und liegt aktuell bei 41,1 Prozent. Auch der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter ihnen hat sich verdoppelt und erreicht jetzt rund 23 Prozent. „Diese Entwicklung zeigt, dass der Prozess einer längeren Erwerbsdauer bereits begonnen hat und sehr dynamisch verläuft“, konstatiert der Bericht. Von der Leyens Fazit: „Die Bundesregierung hält an der beschlossenen Anhebung der Regelaltersgrenze fest.“ Die Anhebung sei „notwendig“ und „vertretbar“.
Von der Leyen forderte die Unternehmen auf, sich wegen der Rente mit 67 stärker auf eine ältere Belegschaft einzustellen. In der Wirtschaft sei ein Umdenken nötig, sagte die CDU-Politikerin im ZDF. Dazu gehöre auch eine bessere Gesundheitsvorsorge in den Betrieben. Es gehe um die Kernfrage, wie „interessante, motivierende und kräfteschonende Arbeitsplätze“ für Ältere geschaffen werden könnten. Dabei könnte der Einsatz technischer Hilfsmittel etwa bei Arbeiten mit schwerer körperlicher Belastung einen großen Beitrag leisten.
Die Erwerbsbeteiligung und die Arbeitsmarktschancen von Älteren hätten sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, sagte die Ministerin. Sie wies auch die Vorwurf von Sozialverbänden und Gewerkschaften zurück, die Rente mit 67 sei ein Rentenkürzungsprogramm. Wenn man in Betracht ziehe, dass angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung die Bezugsdauer der Renten immer länger werde, laufe dieser Vorwurf selbst unter Berücksichtigung etwaiger Abschläge bei einem früheren Renteneintritt ins Leere. Die Gewerkschaften werfen der Ministerin Schönfärberei vor. Dagegen meint Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Arbeitgeberverbände BDA: „Die Daten zeigen es: Man kann den Bewusstseinswandel schon messen.“ Unverantwortlich nennt der Arbeitgebervertreter die Kampagne der Gewerkschaften gegen die Rente mit 67. Bis 2030 werde die Zahl der erwerbstätigen Bevölkerung um acht Millionen schrumpfen. Angesichts dieser Entwicklung gebe es zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit keine Alternative.
„Statt die Rente mit 67 zu verteufeln, müssten die Gewerkschaften eigentlich Arm in Arm mit uns dafür werben“, sagt der Arbeitgebervertreter. Jahrelang hätten nur Experten über Demografie geredet. „Doch inzwischen ist das Thema in den Betrieben angekommen“, beobachtet Clever, der auch Vorsitzender des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist. In der Tat beginnen die Unternehmen umzudenken. Die Älteren seien vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels „ein ganz großes Potenzial“, sagt der Personalvorstand der Telekom Thomas Sattelberger. Statt wie früher ältere Mitarbeiter frühzeitig in den Ruhestand zu schicken, sorgt der Großkonzern heute dafür, dass sich die Mitarbeiter mental und fachlich fit halten, damit sie in der sich schnell wandelnden Branche nicht den Anschluss verlieren.
Lebenslanges Lernen spielt laut Sattelberger dabei eine entscheidende Rolle. In seinem Projekt „qualitative Personalpolitik“ plant die Telekom, welche Fähigkeiten und Kompetenzen das Unternehmen in den nächsten sieben bis acht Jahren braucht und wie viele Mitarbeiter dafür weiterqualifiziert werden müssen. Früher, so sagt Sattelberger, hätte man dagegen rüde gesagt: „Die Kompetenzen sind nicht da, deshalb brauchen wir diese Menschen nicht, dann bauen wir diese Mitarbeiter eben sozialverträglich ab.“
Unternehmen stellen sich auf demografischen Wandel ein
Die Automobilbranche stellt sich ebenfalls auf den demografischen Wandel ein. Bei Audi wird in fünf Jahren schon jeder dritte Mitarbeiter älter als 50 Jahre alt sein. Um Erfahrungen zu sammeln, lässt der Automobilhersteller im Rahmen seines Pilotprojekts „Silver Line“ den Sportwagen R 8 mit überwiegend älteren Mitarbeitern produzieren. Konkurrenz BMW simuliert in Teilen seines Dingolfinger Werkes ebenfalls die Zukunft mit einer stark gealterten Belegschaft. Bis 2017 steigt das Durchschnittsalter an diesem Standort um acht auf dann 47 Jahre. Das Modellvorhaben „Altersstruktur 2017“ zeigt, dass mit vergleichsweise einfachen Änderungen, etwa einer größeren Bildschirmschrift und Lupen an den Werkzeugschränken, die Produktivität der Älteren auf hohem Niveau gehalten wird. Um Verschleißerscheinungen vorzubeugen, wird den Mitarbeitern zudem in den Pausen Gymnastik angeboten.
Doch nicht nur die Großkonzerne haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das südbadische Technologieunternehmen Sick AG mit 1700 Mitarbeitern ist ebenfalls ein Vorreiter bei der Bewältigung des demografischen Wandels. Bei der Sick AG setzt das Management auf altersgemischte Teams. Es gehe darum, „die Erfahrungen, das Qualitätsbewusstsein, das Prozesswissen und die soziale Integrität der Älteren mit der Neugier, dem aktuellen Fachwissen, den neuen Methoden und der oft höheren Geschwindigkeit der jüngeren Generation zu verbinden“, schwärmt Sick-Personalchef Rudolf Kast.
Damit solche Beispiele Schule machen, unterstützt das Arbeitsministerium das Demografie-Netzwerk „ddn“, in dem sich mittlerweile 220 Unternehmen über Konzepte austauschen. „Viele Unternehmen sind gezwungen umzudenken, weil ihnen die Fachkräfte fehlen und sie auf das Know-how der Älteren angewiesen sind“, sagt ddn-Chef Jürgen Pfister. Weil sie weiß, dass Bilder mehr bewirken als trockene Expertenberichte, besucht Ursula von der Leyen die Astro- und Feinwerktechnik in Berlin-Adlershof. Das Unternehmen ist gut gewählt: Von den 65 Mitarbeitern sind 21 mehr als 50 Jahre alt. Fünf Mitarbeiter sind gar über 65 Jahre alt, sie arbeiten auch nach dem eigentlichen Renteneintritt weiter. Ihre Expertise sei unverzichtbar, heißt es in dem High-Tech-Unternehmen. Das dürfte der Arbeitsministerin gefallen.





