Messe

Erstmals stellen deutsche Firmen wieder im Irak aus

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Birgit Svensson

Foto: REUTERS

Erstmal nach Saddam Husseins Sturz sind deutsche Firmen wieder bei der Bagdad-Messe. Doch ihr Engagement wächst nur sehr langsam.

Wir haben die Lufthansa geschlagen“, frohlockt Jacques Rambert, als er aus seinem Flugzeug steigt. Wenige Minuten zuvor setzte der Chefpilot der französischen Fluggesellschaft Aigle Azur sicher auf dem Bagdader Flughafen auf. Damit rollte zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder eine Passagiermaschine nach dem Direktflug aus Westeuropa in der irakischen Hauptstadt übers Rollfeld. An Bord hatte Rambert Geschäftsleute, Journalisten und Handelsministerin Anne-Marie Idrac. „Die Deutschen haben sich wohl nicht getraut“, sagt der Franzose mit stolzgeschwellter Brust und lacht verschmitzt. „Wir Franzosen sind halt Abenteurer.“ Tatsächlich plant die Lufthansa bereits seit Sommer, Direktflüge nach Bagdad aufzunehmen. Doch der Start wurde immer wieder verschoben. Den Flugbetrieb in den sicheren kurdischen Norden hat die Gesellschaft bereits im Mai gestartet: Vier Mal in der Woche gibt es Direktflüge von Frankfurt nach Erbil. Dorthin fliegen die Franzosen nicht.

Während Pilot Rambert zur Passkontrolle geht, baut Achim Eckert eine halbe Autostunde vom Flughafen entfernt den Messestand für seine Firma auf: Roland verkauft Druckmaschinen weltweit. Auch im Irak werden Zeitungen und Bücher auf den Maschinen gedruckt. Der Ingenieur aus Frankfurt ist zuversichtlich, dass zu den bereits laufenden acht Maschinen im Zweistromland bald weitere hinzukommen. Dass Eckert und Kollegen in diesen Tagen eingeflogen sind, bedeutet für die irakische Wirtschaft viel. Zum ersten Mal seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein findet die Internationale Bagdad-Messe wieder mit deutscher Beteiligung statt. 16 Unternehmen präsentieren sich zehn Tage lang (bis zum 10.November) an einem vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützten Gemeinschaftsstand.

Für den Irak ist die Industrieschau in acht Hallen im Stadtteil Mansour ein Stück Rückkehr zur Normalität. Aus Sicherheitsgründen wurde die renommierte Handelsschau nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 2003 eingestellt. Stellvertretend organisierte man Messen in der jordanischen Hauptstadt Amman, die den verheißungsvollen Namen „Rebuild Iraq“ (Wiederaufbau Iraks) trugen, während in Bagdad der Bombenterror wütete und an Aufbau lange nicht zu denken war. Den ersten Wiederbelebungsversuch startete das Land im Jahr 2008. Unter extremen Sicherheitsvorkehrungen wurden drei Ausstellungshallen notdürftig hergerichtet. Die Veranstaltung hatte etwas Improvisiertes, eine Verlegenheitsvariante, um den unbändigen Überlebenswillen der Traditionsmesse aus den 50er-Jahren zu demonstrieren. Auch jetzt, im dritten Jahr, sind die Trümmer noch nicht allesamt weggeräumt, die Hallen nicht komplett restauriert. Deswegen sind Zelte als Notlösung aufgestellt, Toiletten auf dem Gelände Mangelware, die Sicherheitsstufe weiterhin hoch. Ein großes Aufgebot von Militär und Polizei bewacht die Veranstaltung. Doch rote Teppiche und Marschmusik zum Auftakt lassen hoffen, dass die Entwicklung des Messegeländes weitergeht. Der Stand der Stadt Bagdad zeigt im Modell, wie sich die Stadtplaner dies vorstellen.

Während der deutsche Pavillon versteckt im hinteren Teil der Messe zu finden ist, haben auch hier die Franzosen die Nase vorn. Mit 42 Ausstellern sind sie unter den Europäern am stärksten vertreten und gleich neben den Iranern am Eingang des Messegeländes platziert. Medienwirksam nutzen die Firmenvertreter die Anwesenheit ihrer Ministerin, die während ihres Bagdad-Aufenthaltes den noch amtierenden Premierminister Nuri al-Maliki trifft und diverse Abkommen zu Öl und Gas, Landwirtschaft, Elektrizität, Versicherungen und Handel mit der irakischen Regierung abschließt. Mit 40 Millionen Euro Investitionen ist Frankreich die Nummer eins unter den europäischen Ländern im Irak. Französische Firmen sind vor allem in Bagdad und im Südirak im Kraftwerksbau, Transport, Tiefbau, Hafenausbau, Tourismus, Wohnungs- und Anlagenbau tätig. Über das deutsche Investitionsvolumen gibt es keine Zahlen, doch ist es bis heute minimal. Lediglich zwei deutsche Firmen haben Produktionsstätten im Irak: in Bagdad und Kirkuk. Mehrheitlich beschränkt sich das Wirtschaftsengagement der Deutschen bislang auf den Handel.

Dass die Herren aus „Allmanija“ sich nur zögerlich engagieren, stellt auch Hadi Mohamad fest. Der 42-jährige Deutsch-Iraker versteht sich als Wegbereiter deutschen Wirtschaftsengagements in seinem Heimatland und ist Bindeglied für die in Siegen ansässige M.G. International, die im Transportsektor bereits gute Geschäfte im Irak macht. Das ansonsten zögerliche Engagement der Deutschen führt Mohamad auf zwei Gründe zurück: Zum einen die kritische Sicherheitslage, zum anderen die politische Instabilität. „Die Deutschen überlegen sich akkurat und genau, bevor sie irgendwo hingehen, das ist ihre Mentalität“, sagt Mohamad.

Seit acht Monaten gibt es keine funktionierende Regierung im Irak, die Koalitionsbildung nach den Parlamentswahlen im März zieht sich hin und auch während der Messetage sind trotz allgemein verbesserter Sicherheitslage Bombenexplosionen zu verzeichnen. „Grundsätzlich sind die Deutschen schon an wirtschaftlichen Beziehungen zum Irak interessiert“, fasst der in Münster beheimatete Iraker zusammen, „doch nehmen sie den Sicherheitsaspekt sehr ernst, mehr als andere.“

Mehr Wirtschaftsengagement aus Germany wünscht sich auch der neue deutsche Botschafter in Bagdad, Christian Berger. Dafür sei die Bagdad-Messe der Auftakt, auch wenn im deutschen Pavillon mehrheitlich die „alten Hasen“ vertreten sind, die schon lange im Irak arbeiten. „Wenn die anderen erst mal sehen, dass man hier gute Geschäfte machen kann, dann werden die im nächsten Jahr auch kommen“, ist sich der Botschafter sicher. Gleichzeitig räumt er ein, dass die Deutschen im Gegensatz zu anderen in „einer Art von Angststarre befallen sind, die uns daran hindert, die Chancen hier zu sehen“.

Das Sicherheitsrisiko sei nur eines der Risiken, die im Irak-Geschäft auf die Firmen zukämen. Doch für viele sei es ausschlaggebend. Von seinen Kollegen wisse er, dass ausländische Industrieunternehmen etwa 30 Prozent Sicherheitskosten in ihre Kalkulation mit aufnähmen. Allerdings gäbe es schon jetzt Regionen im Irak, in denen man ungestört und sicher arbeiten könne. „Ich spreche jetzt nicht nur vom kurdischen Norden, sondern von erheblichen Teilen des Südens“, sagt Berger.

Peter Mayr und seine Firma sind das, was der Botschafter die „alten Hasen“ nennt. Schon seit den 80er-Jahren verkauft der Geschäftsführer der Hamburger Firma Terramar MAN-Lkw im Irak. Nach einer Unterbrechung während der Zeit des Embargos in den 90er-Jahren war der gebürtige Bayer einer der Ersten, die nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen 2003 wieder Fuß im Zweistromland fassten. Jetzt hat er einen Produktionsstandort für Lkw im südirakischen Basra ins Auge gefasst und denkt auch daran, künftig Volkswagen-Pkw zu vertreiben. „Wir haben einen Irak vor uns, der heute wesentlich dezentraler operiert“, sagt Mayr. „Der Markt entwickelt sich grundsätzlich neu, ist mit dem alten Markt vor 20 Jahren nicht zu vergleichen. Wir müssen mit verschiedenen Sicherheitslagen umgehen: im Norden, im Süden und im Zentrum.“ Während früher alles staatlich gelenkt gewesen sei, würde jetzt eine Kombination aus Staatlichem und Privatem entstehen. Von einem Kaltstart neuer, noch unerfahrener Unternehmen im Irak-Geschäft rät Mayr ab. „Ich würde einen verlässlichen Brückenkopf empfehlen, der die nötige Unterstützung bietet, um sich dann Schritt für Schritt zu entwickeln.“

Nach fünf Tagen Messe ist die Halle der Franzosen leer. Aigle Azur hat sie alle nach der Halbzeit wieder zurück nach Paris geflogen. Ob die Fluggesellschaft tatsächlich wie angekündigt den regulären Flugbetrieb Anfang nächsten Jahres aufnehmen wird, steht noch in den Sternen. „Das hängt von der Zahl der Buchungen ab“, sagt Wirtschaftsdirektor Alain Bel. Zu geringe Vorausbuchungen waren auch der Grund, warum die Lufthansa ihren Start nach Bagdad immer wieder verschoben hat. Ob sich das Engagement lohnt? „Was dabei unterm Strich herauskommt, wird sich zeigen“, ist die einhellige Meinung der deutschen Aussteller.