Industriestandort

Siemens hat sich gegen Berlin entschieden

Die neue Siemens-Sparte Infrastruktur zieht nun doch nicht in die Hauptstadt, sondern wird von München aus geleitet. Ein herber Rückschlag für den Industriestandort Berlin und Klaus Wowereit – gerade in Zeiten des Wahlkampfes.

Foto: Sergej Glanze

Den Wahlkämpfern Klaus Wowereit (SPD) und Harald Wolf (Linke) hätte es gut gepasst: Siemens kommt mit seiner zukunftsträchtigen Sparte Infrastruktur und Großstädte in die Hauptstadt. Ansiedlungserfolg, Auftrieb im Ringen um eine Industrie-Renaissance, Bestätigung für die Wirtschaftspolitik. Doch das Buhlen des Regierenden Bürgermeisters und des Wirtschaftssenators war vergebens. Siemens hat sich für den Konzernsitz München entschieden. Von dort aus soll die vierte Sparte des Unternehmens geführt werden.

Im neuen Bereich werden von Oktober an jene Siemens-Bereiche zusammengefasst, die sich mit Infrastruktur für Großstädte befassen. Dazu gehören etwa Technologien für Strom- und Wasserversorgung sowie Gebäudetechnik. Mehr als 80.000 Menschen werden für die Sparte arbeiten, der Jahresumsatz beträgt mehr als 16 Milliarden Euro. Und er wird, das erwartet Konzernchef Peter Löscher, weiter wachsen. Denn weltweit zieht es Menschen in Metropolen, und diesen Ansturm können die Städte nur mit Technologie und ausgefeilter Infrastruktur meistern.

Spartenchef hat keine Affinität zu Berlin

„Siemens und München verbindet eine langjährige, erfolgreiche Partnerschaft. Hier finden wir alles, was wir brauchen: wettbewerbsfähige Infrastrukturen, hoch qualifizierte Mitarbeiter und exzellente Forschungseinrichtungen“, begründete Löscher die Entscheidung für Süddeutschland. Aber auch die Vita des neuen Spartenchefs Roland Busch dürfte eine Rolle gespielt haben. Dieser hat lange in Shanghai gearbeitet, ist am Siemens-Standort Erlangen geboren und scheint keine ausgeprägte Affinität zu Berlin zu haben.

„Als weltweit größter Produktionsstandort der Siemens AG hätte Berlin sicherlich ausgezeichnete Standortbedingungen für den Hauptsitz des neuen Sektors Infrastruktur und Städte geboten“, sagte Wirtschaftssenator Wolf. Ihm sei aber von vornherein bewusst gewesen, dass Konzernentscheidungen nur eingeschränkt durch Politik und Wirtschaftsförderung beeinflussbar seien.

Berlin trotzdem weltgrößter Siemens-Produktionsstandort

Neben Berlin und München war auch London als Standort der neuen Sparte im Gespräch. In der britischen Hauptstadt wird nun – ebenso wie in den USA und Asien – ein Kompetenzzentrum der neuen Sparte entstehen. Mit anderen Worten: Berlin geht völlig leer aus.

Derzeit ist die Hauptstadt noch weltgrößter Siemens-Produktionsstandort. Insgesamt 12.000 Menschen arbeiten in Berlin für den Konzern. Großes Wachstum erwarten die Siemens-Manager für die nächsten Jahre aber vor allem in den aufstrebenden Ländern Asiens und Lateinamerikas. In absehbarer Zeit dürfte der Siemens-Standort mit den meisten Mitarbeitern außerhalb Deutschlands zu finden sein.