Angst vor Super-GAU

BMW und VW fliegen Mitarbeiter aus Japan aus

Die Furcht vor einer radioaktiven Wolke im Großraum Tokio wächst. Viele deutsche Unternehmen bringen ihre Beschäftigten in Sicherheit.

Foto: dpa

Deutschlands Großunternehmen sorgen sich zunehmend um die Sicherheit ihrer Beschäftigten in Japan. Nach zwei weiteren Explosionen im verunglückten Atomkraftwerk Fukushima bedroht eine radioaktive Wolke den Großraum Tokio mit rund 35 Millionen Einwohnern. SAP und Infineon verlegen daher ihre Mitarbeiter und Angehörigen in den als sicherer geltenden Süden. BMW, VW und Continental holen ihre deutschen Beschäftigten aus dem vom Erdbeben und der Flutwelle zerstörten Land nach Hause.

Derweil kündigte die Lufthansa an, Tokio vorerst nicht mehr anzufliegen. Zwei Flüge aus München und Frankfurt steuerten statt dessen die japanischen Städte Osaka und Nagoya südwestlich der Hauptstadt an, sagte ein Sprecher. Vorreiter bei der organisierten Flucht aus Tokio ist SAP. Aus Furcht vor möglicher radioaktiver Strahlung räumt der Walldorfer Softwarehersteller seine Büros in Tokio, Osaka und Nagoya.

Den knapp 1100 Mitarbeitern sei angeboten worden, sich mit ihren Familien und Angehörigen im Süden des Landes in Sicherheit zu bringen, sagte eine Sprecherin. Dort habe SAP ein Hotel für die Betroffenen angemietet, die dort online arbeiten könnten. Auch der Chip-Hersteller Infineon will seine knapp100-köpfige Belegschaft aus Tokio abziehen. Die Beschäftigten könnten in den beiden anderen kleinen Vertriebsstandorten im Süden des Landes unterkommen, sagte ein Sprecher. Bisher seien jedoch nur 20 Beschäftigte auf das Angebot eingegangen.

Rund 50 deutsche Mitarbeiter von BMW verlassen derweil ganz das Land, in dem inzwischen Lebensmittel und Trinkwasser knapp werden und der Verkehr immer wieder zusammenbricht. Ein Reuters-Korrespondent berichtete über Hamsterkäufe: Radios, Taschenlampen, Kerzen sowie Schlafsäcke seien in einem mehrstöckigen Tokioter Supermarkt bereits ausverkauft. Tokio liegt rund 240 Kilometer von dem havarierten AKW Fukushima entfernt, am Dienstag wurde nahe der Metropole bereits erhöhte Strahlenwerte gemessen.

Wegen der wachsenden Risiken organisierte VW ebenso wie Bosch die Ausreise für mehrere hundert ausländische Mitarbeiter und deren Angehörigen aus dem Großraum Tokio sowie anderen Landesteilen. Rund 50 Mitarbeiter und ihre Familien wollten jedoch im Land bleiben, sagte ein Bosch-Sprecher. Der Großteil der rund 8000 Beschäftigten habe am Dienstag arbeitsfrei. Daimler brachte inzwischen die meisten Angehörigen seiner rund 60 ausländischen Beschäftigten außer Landes. Der Stuttgarter Autobauer beschäftigt bei der Nutzfahrzeugtochter Fuso rund 12.800 Menschen, vor allem im Großraum Tokio. „Wir prüfen, ob wir dort Büros räumen“, sagte ein Sprecher.

Die Deutsche Bank will ihre gut 1100 zumeist japanischen Mitarbeiter vorerst am Finanzplatz Tokio belassen. Der Kosmetikhersteller Beiersdorf erwägt, seine rund 130 Beschäftigten in Tokio zum Umzug in südlichere Regionen zu bewegen. Auch Bayer trifft Vorkehrungen, Mitarbeiter aus dem Großraum Tokio in die rund 500 Kilometer entfernte Stadt Osaka zu holen. Der Pharma- und Chemiekonzern hat rund 700 Beschäftigte im Großraum Tokio.

Die meisten der rund drei Dutzend Mitarbeiter des Versicherers Münchener Rück flogen bereits am Wochenende von Tokio nach Singapur und arbeiten nach Unternehmensangaben nun von dort aus. Einige Mitarbeiter seien in Tokio geblieben, andere nach Osaka ausgewichen. Auch den rund 2500 Siemens-Mitarbeitern in Japan steht es nach Firmenangaben frei, das Land zu verlassen. Seit Samstag nutzen vor allem ausländischen Mitarbeiter diese Möglichkeit. Der Sportartikelhersteller Puma will seine Büros und Geschäfte in Japan zunächst bis Freitag geschlossen halten, rund 300 der 650 Mitarbeiter leben in der Krisenregion.

In Osaka würden Räumlichkeiten vorbereitet, um eigene Mitarbeiter aus Tokio sowie von der Konzernschwester Gucci aufzunehmen. Beim Konkurrenten Adidas mit rund 1350 Mitarbeiter in Japan hätten bisher nur wenige ausländische Beschäftigte das Angebot genutzt, nach Hause zu fliegen, sagte eine Sprecherin. Der Ludwigshafener Chemieriese BASF empfahl seinen knapp 1750 Beschäftigten zu Hause zu bleiben, da die Hauptverwaltung in Tokio vorerst geschlossen bleibt und Produktionsbetriebe heruntergefahren wurden.