Es gibt Orte, an denen scheinen die Uhren anders zu ticken. Während von Norden nach Süden die Immobilienpreise einbrechen, erleben die deutschen Nordsee-Eilande einen gnadenlosen Ansturm auf ihre teils schaurig zubetonierten Dörfer und Gemeinden. Die Immobilienmakler reden hinter vorgehaltener Hand „vom Geschäft ihres Lebens“ und Umsätzen, die schon im Juni die Ganzjahresergebnisse von 2008 in den Schatten stellen. Das Angebot ist an machen Orten jedoch sehr knapp, die Nachfrage aber riesig.
„Im Herbst verharrte der Markt in einer Art Schockstarre“, erinnert sich der Sylter Makler Erik Wedell. „Und ab Dezember wollte niemand mehr verkaufen.“ Sieben seiner Kunden haben in diesem Frühjahr ihre Verkaufsangebote zurückgezogen. „Da fehlten die alternativen Anlagemöglichkeiten“, so Wedell. Nur so ist der leichte Rückgang des Immobilienumsatzes auf Deutschlands teuerstem Eiland zu erklären: 2008 wechselten Objekte im Wert von 568,7 Mio. Euro ihre Besitzer, 2007 waren es noch 613 Mio. Euro – ein Minus von sieben Prozent. Notverkäufe gibt es hier nicht und wird es wohl auch nicht geben. Denn Sylt ist immer „in“ – und Kampen wäre die Superlative. „In Keitum haben wir zwischen 2006 und 2008 Steigerungsraten zwischen 30 und 40 Prozent“, sagt Makler Wedell. „Aber in Kampen liegen die Werte zwischen 50 und 100 Prozent.“
Das deutsche Martha's Wineyard klotzt mit Immobilienpreisen, die ihresgleichen im Rest der Republik suchen: In Kampen liegen die Preise für alleinstehende Häuser zwischen sieben und 15 Mio. Euro. Doppelhaushälften sind zwischen 3,5 und fünf Mio. Euro zu haben. Aber auch das ist locker zu toppen: Der Blick auf das Wattenmeer lässt die Quadratmeterpreise schnell über 10.000 Euro steigen. Der 630-Einwohner-Ort in der Mitte der Insel ist die Topadresse – und wer dahin will, ist bereit, jeden Preis zu zahlen.
Denn immer mehr Festlandbewohner zieht es nach Sylt, die Insulaner streichen indes die Segel. Denn der Sommerhort für Industrielle, Reeder, Verleger und Stars ist schlicht unbezahlbar geworden. In List soll deshalb künftig auch Wohnraum für Einheimische entstehen – zu Preisen, die mit normalen Gehältern zu bezahlen sind.
Föhr ist die Alternative zu Sylt
Wem die Prominenten-Dichte auf Sylt zu hoch ist, weicht auf die grüne Schwesterinsel Föhr aus, die lange Zeit im Schatten des luxuriösen Sylt weniger Beachtung fand. Doch das ist vorbei. Die Wirtschaftskrise beschert auch Wyk, Nieblum und Alkersum einen Ansturm auf heimischem Beton. „Das Krisenschiff hat hier nicht angelegt“, sagt Thomas Müller von HC Horst Christoffersen in Wyk. „Im Gegenteil: Der Markt ist komplett leergefegt.“ Vor allem Objekte bis zu 120.000 Euro sind gefragt – und Mangelware. Selbst strandferne Wohnungen in Wyk kommen auf mindestens 1000 Euro je Quadratmeter, in Toplage am Wasser gehen die Preise bis auf 4500 Euro hoch. Das Maklerhaus Engel&Völkers hat allein für Föhr derzeit 3800 Suchanfragen für Wohnungen und Häuser. Auch nebenan auf Amrum ist die Warteliste lang: 1700 Wahlinsulaner suchen nach einer adäquaten Bleibe.
Was die nordfriesischen Inseln so attraktiv für Immobilien-Anleger macht, gilt auch für die kleineren ostfriesischen Geschwister. Auch Norderney verunstalten zwar zahlreiche Bausünden aus der Vergangenheit, dem Run auf Ferienimmobilien tut das aber keinen Abbruch. „Viele Eigentümer verkaufen jetzt ihre Wohnungen aus den 70er-Jahren und kaufen eine größere Neubauwohnung“, sagt Ines Kirch von Engel&Völkers. „Die meisten Verkäufer bleiben somit der Insel treu.“ Wo schon der letzte Kaiser seine Sommerfrische genoss und Hotels noch heute „Germania“ heißen, bleibt es halt traditionell. Und genauso traditionell fallen jeden Sommer vor allem die Nordrhein-Westfalen ein. Rund 400.000 Gäste muss die Nordsee-Insel jeden Sommer aufnehmen: 2008 waren es schon drei Prozent mehr als 2007, in diesem Jahr wuchs die Zahl der Neuankömmlinge allein bis Ende Mai nochmals um fünf Prozent.
Strandlage ist heiß begehrt
Viele kaufen aber auch, weil Ferienimmobilien als gute Altersvorsorge gelten – allemal besser, als in Aktien zu investieren. Die Motive sind fast immer dieselben, ebenso wie die Wunschpalette: eine 3-Zimmer-Wohnung mit zwei Schlafzimmern. Die Kunden sind „entweder Endfünfziger oder gut verdienende jüngere Leute Mitte vierzig“, berichtet Makler Helmut Henin. Heiß begehrt sind die Lagen entlang des Weststrandes. Da erreichen die Villen-Preise problemlos die Millionengrenze. Die Einstiegspreise für Wohnungsneubau liegt bei 3000 Euro je Quadratmeter, in sehr guter Lage in Strandnähe bei 6000 Euro.
Der Norderneyer Traum ist es, eines der Kapitänshäuser im historischen Stil zu ergattern. Lagen die Objekte noch zu Baubeginn 2005/2006 zwischen 380.000 und 400.000 Euro, müssen jetzt schon 530.000 bis 550.000 Euro für das Kleinod hingelegt werden. „Es ist gut, dass die Zeit hier nicht stehen bleibt und sich immer wieder ein Investor findet, um einen alten „Schandfleck“ zu entfernen, um neuen Wohnraum zu schaffen“, sagt Kirch. Dadurch würden die Standorte aufgewertet – etwa durch Neubauprojekte wie der Düsseldorfer Hof, wo Wohnraum für bis zu 6800 Euro je Quadratmeter entsteht.
Juist besitzt keinen klassischen Immobilienmarkt und bleibt auch vom Massentourismus verschont. Dennoch steht die „schönste Sandbank Deutschlands“ hoch im Kurs. Die Nachfrage nach exklusiven Objekten und das rare Angebot sorgen für hohes Preisniveau: Einstiegspreise für Eigentumswohnungen liegen bei 4000 Euro je Quadratmeter, für Häuser bei 300.000 Euro, in Toplage in den Dünen bei einer Mio. Euro. Auf Borkum wiederum gibt es Eigentumswohnungen für Quadratmeterpreise zwischen 2000 und 6000 Euro. Häuser kosten ab 200.000 Euro, Villen in Bestlage über eine Mio. Euro.





